IT-Software

Musikschüler müssen warten

In Berlins größter Einrichtung in Steglitz-Zehlendorf gibt es aufgrund eines Computerprogramms einen Aufnahmestopp

Dissonanzen im Südwesten der Stadt: An Berlins größter Musikschule können seit Anfang April keine Verträge für Schüler mehr abgeschlossen werden. Der Grund ist ein neues IT-Verfahren, das die Leo-Borchard-Musikschule in Steglitz-Zehlendorf einführt. Das alte Computerprogramm wird abgeschaltet. Auch im Juni, Juli und August wird es nicht möglich sein, neue schriftliche Vereinbarungen abzuschließen oder bestehende zu ändern. Die Anwendung der neuen Software hat zur Folge, dass erst zum 1. September oder 1. Oktober wieder neue Verträge möglich sind.

Lehrer verdienen weniger Geld

Probleme gibt es nicht nur für die, die ein Instrument erlernen wollen, sondern auch für die, die den Unterricht geben. Für Musikschullehrer kann die Folge sein, dass ihr Einkommen drastisch zurückgeht. Außerdem macht eine weitere Neuerung der Verwaltung zu schaffen und bindet Arbeitszeit. Die Schule beginnt damit, die Honorare nach erteilten Einzelstunden abzurechnen, statt wie bisher, mit einer Pauschale. Das gehe an die Substanz der Verwaltung und mache sie derzeit handlungsunfähig, kritisiert Dirk Strakhof, Lehrer für Kontrabass und E-Bass.

Weil die Mitarbeiter der Behörde überlastet sind, hat das Bezirksamt angeordnet, dass zwei große, traditionelle Musikschul-Veranstaltungen ausfallen: das Sommerfest und die Klangmeile 2014. Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) war am Freitag für Nachfragen nicht erreichbar. Etwa 6000 Schüler werden unterrichtet, knapp 340 Dozenten arbeiten für die Leo-Borchard-Musikschule.

Die Verwaltung selbst teilte auf der Homepage der Musikschule mit, dass in ihrem Bereich ein großer Arbeitsrückstand aufgearbeitet werden müsse. Sprechstunden mussten deshalb ausfallen. Der Rückstand sei „aufgrund schwieriger aktueller Rahmenbedingungen entstanden“. Der Verwaltungsaufwand habe sich wegen neuer Vorschriften erhöht, es gebe einen markanten Personalrückgang. Es fehle Fachsoftware. In einem Brief an die Musikschullehrer heißt es, „die derzeitige Situation an unserer Musikschule ist für alle Beteiligten in höchstem Maße belastend“. Bis Mitte April sei die Schule für ihre Kunden nur per Mail und per Post erreichbar. Die Umstellung des Honorarsystems habe Nachberechnungen zur Folge, die erst im August abgeschlossen werden. Der Umstieg auf die neue Verwaltungssoftware werde bis Juli dauern.

Dirk Strakhof ist seit 1984 Lehrer an der Musikschule Steglitz-Zehlendorf. Er unterrichtet etwa 20 Schüler und zwei Bands. „Ich arbeite sehr gern an dieser Musikschule“, erzählt er. Das Angebot für die Schüler sei fantastisch. „Gerade der Unterricht mit einem Ensemble wäre an einer privaten Musikschule nicht möglich.“ Für die Schüler, die in den kommenden Wochen aufhören, bekommt er keinen Ersatz, weil keine Neuanmeldungen möglich sind. „Dieses Problem betrifft viele Kollegen“, sagt er.

Auch die Musikschule Charlottenburg-Wilmersdorf hat einen Aufnahmestopp verhängt, wegen der neuen Regelungen zum Honorar. Die Mitarbeiter müssen deshalb Überstunden machen und sind überlastet. Mehrere Hundert Interessenten stehen auf den Wartelisten für den Musikschulunterricht. Auch andere Bezirke sind betroffen. Doch die Senatsbildungsverwaltung sieht keinen Anlass, die Bestimmungen zur Honorarordnung außer Kraft zu setzen. Die Lehrkraft werde nur für die tatsächlich geleisteten Unterrichtsstunden bezahlt. Dies gelte laut Bundessozialgericht als Indiz für selbstständige Tätigkeit, sagte Staatssekretär Mark Rackles (SPD) im März 2014 auf Anfrage des Grünen-Abgeordneten Thomas Birk. Für den Senat sei ein kausaler Zusammenhang zwischen den Ausführungsvorschriften über Honorare und einer Überlastung der Musikschulverwaltungen nicht ableitbar, so Rackles, „da eine Pflicht zur exakten Leistungsabrechnung immer bestanden hat“.

Eltern protestieren gegen Auszug

Die Musikschule City West steht vor einem weiteren Problem. Sie soll die Unterrichtsräume im Rathaus Schmargendorf am Berkaer Platz aufgeben, die sie seit 2004 nutzt. 400 Musikschüler und ihre Lehrer sind betroffen. Es ist geplant, dass dort Büros für die Mitarbeiter des Vermessungsamtes eingerichtet werden. Sie müssen aus dem Rathaus Wilmersdorf ausziehen, denn der Bezirk gibt den Standort am Fehrbelliner Platz wegen der hohen Unterhaltungskosten auf. Der Musikschul-Unterricht soll künftig in Klassenzimmern und Horträumen erteilt werden. Die Carl-Orff-Schule ist im Gespräch. Acht Räume müssten dort umgebaut werden. Der Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung wird am 29. April in der Schule tagen und diese Räume ansehen. Eltern, Lehrer und der Freundeskreis der Musikschule protestieren gegen den Umzug. Sie fordern, dass die Musikschule im Rathaus Schmargendorf bleiben kann. Zwei Etagen seien dort für viel Geld renoviert und fachgerecht ausgestattet worden.