Prozess

Mord in Westend: DNA-Spuren des Sohns an Patronenhülsen

Prozessauftakt um erschossenen Steuerberater dauert nur 17 Minuten. Neue Details zur Tat

Der erste Verhandlungstag dauerte nur 17 Minuten. Und er wäre vermutlich noch kürzer gewesen, wenn es nicht einen kurzen Disput um den Einsatz einer Schöffin gegeben hätte. Der Anklagesatz selbst hatte nur wenige Zeilen: Der 17-jährige Angeklagte, hieß es dort sinngemäß, soll am 12. August vergangenen Jahres seinen Vater in dessen Kanzlei in Westend erschossen haben. Fünf der zehn abgegebenen Schüsse hatten den 49 Jahre alten Steueranwalt getroffen. Vier im Oberkörper, eine im Kopf. Das Opfer wurde auf die Notaufnahmestation des Virchow-Klinikums gebracht, starb dort aber wenige Minuten später.

Verlesen wurde der Anklagesatz unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch der weitere Prozess – angesetzt sind noch 18 Verhandlungstage – wird ohne Beobachter stattfinden. Grund ist das Alter des Angeklagten. Der Gymnasiast war zur Tatzeit erst 16 Jahre alt.

Dennoch hatten sich mehrere Kamerateams und zahlreiche Reporter vor dem Saal 701 des Moabiter Kriminalgerichts eingefunden. Die Ermordung des Steuerberaters und Notars hatte in der Stadt und vor allem im noblen Westend für große Aufregung gesorgt. Es gab viele Spekulationen, wer der Täter sein könnte. Erst Recht, da der angeklagte Sohn zwar noch am selben Tag festgenommen, aber kurz darauf wieder freigelassen worden war. Die erneute Festnahme erfolgte Mitte Oktober, als die Ermittler sicher waren, den Jugendlichen nun endgültig überführen und gegen ihn Anklage erheben zu können.

Ungewöhnliches Verhalten

Was den Fall so ungewöhnlich macht, ist auch das Verhalten des Angeklagten. Er hat bislang, heißt es, noch nie seine Unschuld beteuert. Stattdessen hatte er schon bei der ersten Festnahme geschwiegen und dieses Verhalten konsequent beibehalten. Vermutlich spielte dabei auch der Rat des jeweiligen Verteidigers – er hat mit Dirk Lammer inzwischen schon den dritten – eine Rolle. Dennoch ist es nicht gerade typisch, dass sich ein 17-Jähriger aus gutbürgerlichen Verhältnissen trotz erduldeter Haft so stoisch zeigt.

Vor Gericht wird diese Strategie offenbar aufrechterhalten. Auch dort machte der Jugendliche von seinem Schweigerecht Gebrauch. Der Angeklagte habe „ruhig gewirkt“, sagte Anwalt Roland Weber, der für die Eltern des getöteten Notars die Nebenklage vertritt. Aber daraus ließen sich keine Schlüsse ziehen, so Weber.

Die Mutter des Angeklagten war zum Prozessauftakt nicht erschienen. Auch das erscheint zunächst ungewöhnlich. Immerhin ist sie seit Monaten von ihrem in der Untersuchungshaft sitzenden Jungen getrennt und hätte Dienstag Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen. Gegen sie wird im Zusammenhang mit diesem Mordfall ebenfalls ermittelt. Hintergrund der Tat sind auch nach Auffassung der Ermittler Familienstreitigkeiten. Die Eltern des Angeklagten hatten sich getrennt, und es war, wie Anwohner und Mitarbeiterinnen der Kanzlei berichten, ein heftiger Rosenkrieg entbrannt. Der Notar war zunächst in eine Laube in der „Kolonie Ruhwald“ am Spandauer Damm gezogen, später in eine eigene Wohnung am Karolingerplatz in Westend. Er hatte inzwischen eine neue Lebensgefährtin in Niedersachsen, die er an den Wochenenden oft besuchte. Am 8. August – also vier Tage vor dem tödlichen Anschlag – gab es wegen der geplanten Scheidung den ersten Termin vor dem Familiengericht. Das soll seine Ehefrau nicht verkraftet haben.

Einbezogen in diesen offenbar zunehmend eskalierenden Scheidungsstreit wurden den Zeugenaussagen zufolge auch die beiden Söhne. Sie sollen auf Seiten der Mutter gewesen sein. Der jüngere, der nun wegen Mordes angeklagt ist, soll den Vater in Gegenwart von Zeugen mehrfach heftig beschimpft haben. Am 14. Mai vergangenen Jahres hatte er sich dem Vater, der mit dem Auto das Grundstück verlassen wollte, in den Weg gestellt. Es heißt, er sei auf die Motorhaube gesprungen und habe einen Rückspiegel abgetreten. Die Mutter hatte anschließend Strafanzeige gegen ihren Mann gestellt. Drei Monate später fielen die Schüsse in der Kanzlei.

Der von Reportern umringte Nebenklagevertreter Weber sagte nach dem ersten Prozesstag, es gebe in der Anklageschrift „sehr belastende, schwerwiegende Indizien“. Die Frage, wie es seinen Mandanten gehe, beantwortete er kurz mit „sehr schlecht“. Das sei ja wohl auch für jeden nachvollziehbar. „Der Enkel soll den Sohn getötet haben. Das ist für meine Mandanten das schlimmstmögliche Szenario.“ Zu den Indizien selbst wollte Weber noch nichts sagen: „Da möchte ich erst die Beweisaufnahme abwarten.“ Bekannt wurde jedoch schon, dass Mitarbeiterinnen der Kanzlei den Schützen zumindest von hinten gesehen haben sollen. Sie gingen davon aus, dass es der Angeklagte gewesen sein könnte.

Offenbar ist dieser Verdacht aber sehr viel konkreter. Der Vater des getöteten Notars sagte am Dienstag zur Berliner Morgenpost, dass eine Mitarbeiterin der Kanzlei am 12. August aufgeregt bei ihnen angerufen und zu seiner Frau sinngemäß gesagt habe, der heute 17-Jährige habe in der Kanzlei auf seinen Vater geschossen. Ein weiteres Indiz sollen Schmauchspuren sein, die an der Hand des Jugendlichen gefunden wurden und nach Wertung von Experten des Landeskriminalamtes in ihrer chemischen Zusammensetzung Folgen der Schüsse auf den Notar gewesen sein können. Wichtigstes Indiz der Ankläger scheinen aber Reste von DNA zu sein, die nach den Schüssen in der Kanzlei an mehreren Patronenhülsen gefunden wurden. Sie sollen dem Angeklagten zugeordnet werden können. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden.

Großvater bestätigt Anklage

Der Vater des getöteten Notars hat sämtliche Akten studiert. Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass sein Enkel der Täter ist. „Ich wäre ja froh, wenn es nicht so wäre“, sagte er zur Berliner Morgenpost.

Der Mittsiebziger und seine Frau hatten sich schon wenige Tage nach dem Tod ihres Sohnes an die Öffentlichkeit gewandt. Sie berichteten von einer total zerrütteten Ehe, die an den finanziellen Forderungen der Frau zerbrochen sei.

Rechtsanwalt Weber sagte, dass sich das Gericht, falls es den Angeklagten schuldig spreche, natürlich auch „Gedanken über die Hintergründe“ machen müsse. Sollte sich der Verdacht gegen den Angeklagten verdichten, sei auch zu fragen, „ob er die Tat allein begehen konnte oder andere hinter ihm sind“. Es sei „lebensfremd zu glauben“, so Weber, „dass sich ein 16-jähriger Gymnasiast allein eine scharfe Waffe besorgen“ könne. Allerdings sind das bisher nur Spekulationen. Beweise für weitere Tatbeteiligte gibt es bisher nicht. Der Prozess wird am 24. April mit Zeugenaussagen fortgesetzt.