Maßnahmen

Training für den 1. Mai

Vorbereitung: 620 Polizisten der Bundespolizei üben den Demo-Einsatz. Die Berliner Morgenpost beobachtet das Geschehen in Brandenburg

Es macht Angst. Mehr als 50 teilweise vermummte Autonome wollen die Polizeikette durchbrechen. Losgehen auf den politischen Gegner – den Neonazi-Aufzug auf der anderen Straßenseite. Dort dröhnt deutsche Marschmusik aus den Lautsprechern eines VW-Busses. Der Schwarze Block wirft Flaschen und Steine. Einige Aktivisten gelangen durch die Absperrung. Einer ist den Rechten ganz nah, hält einen Molotowcocktail in der Hand. Ein Polizist rennt ihm nach, fasst ihn an der Jacke. Beide stürzen. Der Helm des Beamten fliegt durch die Luft. Doch der Autonome wird am Boden festgenommen – und wenig später abgeführt. Zeternd, die Polizisten beschimpfend. Nach 20 Metern Lachen und Händeschütteln. „Meine Hose ist zerrissen, Du Knaller“, sagt der Mann. „Dann renn doch nicht weg, Du Böser.“ Polizist und Steineschmeißer sind Kollegen. Bei Ausschreitungen und Großdemonstrationen stehen sie Seite an Seite im Steinhagel. Um dort bestmöglich zu agieren, die Zahl der Verletzten zu minimieren und die der Festnahmen zu maximieren, hat die Bundespolizeiabteilung Blumberg mit Kollegen der Bundespolizei in Bad Düben sowie einer Einheit der Berliner Bereitschaftspolizei nun eine Großübung auf ihrem Gelände bei Blumberg abgehalten. Dort wurde das Szenario des vergangenen 1. Mai nachgespielt. 620 Frauen und Männer nahmen teil.

Die Beamten, die die rechten und linken Störer darstellen, sind durch rote und blaue Armbinden zu unterscheiden. Geworfen wird nicht mit Steinen, sondern mit Holzklötzen. Wassergefüllte Plastikflaschen ersetzen Glasflaschen. Die Angehörigen der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) spielen an diesem Tag „die Bösen“. Und sie scheinen Spaß daran zu finden. Gerade deswegen wirkt es so echt. Es sind die gleichen Parolen wie bei den Ausschreitungen. Die gleichen Provokationen. Die gleichen Angriffe. So soll es laut Abteilungsleiter Carl U. Stolz auch sein. „Verbessern kann man immer. Deswegen sind wir hier.“ 2013 wurde kein Bundespolizist im Einsatz verletzt. Lediglich zwölf Fahrzeuge wurden beschädigt.

Einsatz gegen Rechts und Links

Im vergangenem Jahr hatten die respektvoll auch „Blumberger“ genannten Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei gleich zwei brisante Aufträge zu meistern. Am Morgen und Vormittag begleiteten sie einen Aufzug der NPD quer durch die Stadt. Immer wieder versuchten linke Gruppen, ihn zu stoppen, zu stören und anzugreifen. Die Beamten als Staatsmacht mussten das unterbinden – auch wenn es manchem nicht gefällt. „Wir werden dann als die Polizisten betitelt, die die Nazis schützen. Das geht mir gewaltig gegen den Strich“, so ein Berliner Beamter. „Es ist aber schlicht und ergreifend so, dass die NPD in Deutschland nicht verboten ist, wie immer man auch dazu stehen mag. Solange sich diese Herrschaften an die Auflagen halten, haben sie eben auch das Recht auf ihren Aufzug. Wird diesem Gewalt entgegengebracht, wird das unterbunden. Andersherum gilt das Gleiche. Eine gefestigte Demokratie muss so etwas aushalten können.“ Am Abend wurden die „Blumberger zur „Revolutionären Mai-Demonstration“ nach Kreuzberg geschickt, die schließlich ihren Endplatz Unter den Linden in Mitte hatte – ohne schwere Zwischenfälle, was bei der Polizei und innerhalb der linken Szene für Verwirrung sorgte.

Szenenwechsel. Kurz nach dem versuchten Durchbruch der Autonomen, nach Festnahmen und dem Zurückdrängen der Störer rufen einige Beamte die Rettungssanitäter der Bundespolizei zu der Kreuzung. Auf dem Rasenstück liegt ein Kollege von ihnen. Er ist ansprechbar, klagt aber über heftige Schmerzen im Genick. Teile seines Körpers seien taub. Der Mann wird untersucht, und zwar genauso, wie es in einem „echten Einsatz“ passieren würde. Langsam, beinahe in Zeitlupe wird der Helm abgenommen, denn eine Wirbelsäulenfraktur ist nicht auszuschließen. Tatsächlich entdecken die Sanitäter im Nacken eine dunkelrote und blutige Stelle. Etwa faustgroß. Aufgeklebt – aber die Schminkarbeit sieht echt aus. Eklig. Die Rettungseinheit fordert einen Notarzt der Bundespolizei an. Der kommt Sekunden später, beschließt eine Sofortverlegung des Patienten ins Unfallkrankenhaus. Wegen der unübersichtlichen Verkehrslage rund um die Krawalle würde der Weg auf der Straße zu lange dauern. Nun wird ein Hubschrauber angefordert. Knapp fünf Minuten später landet er auf dem Gelände der Bundespolizei und nimmt den verletzten Polizisten mit. Nach einer Runde in der Luft landet er erneut, und der „Schwerverletzte“ verabschiedet sich bei der Ärztin an Bord. Dann schnappt er sich seinen Helm – das nächste Szenario wartet.

Die Übung ist für zwei Tage angesetzt. Sechs Schiedsrichter mit weißen Armbinden beobachten das Geschehen und Vorgehen der Einheiten. Sie sollen einschreiten, wenn es zu „ruppig“ wird. „Wir wollen die Situationen so echt wie möglich darstellen. Aber es wäre alles andere als sinnvoll, wenn unsere Kollegen im Einsatz unverletzt bleiben und sich beim Training verletzen“, sagt ein Beamter, der an diesem Tag einen Angehörigen der linken Szene darstellt. Aber, so ehrlich wolle er sein, es mache – neben allem dienstlichen Ernst – auch Spaß, die Seiten zu wechseln.

Wüsste man nicht, dass sich unter den schwarzen Kapuzenjacken, hinter den Sturmhauben und den schwarzen Sonnenbrillen Polizisten befinden, würde man es mit der Angst zu tun bekommen. Die Frauen und Männer reißen die Arme nach oben. „Kommt doch her, Ihr Lappen“, brüllt einer. „Deutsche Polizisten – schützen die Faschisten. Nie, nie, nie wieder Deutschland“, ruft ein anderer. Anders geht es beim 1. Mai in Kreuzberg auch nicht zu. „Kein Wunder“, so ein Beobachter. „Die müssen sich die Sprüche ja seit Jahren anhören. Da nimmt man eine Menge Details mit nach Hause.“

Kurze Pause. Das nächste Szenario wird vorbereitet. Die Sonne scheint ununterbrochen. Ein Beamter wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es sind nur 22 Grad, und die Übung ist auf wenige Stunden beschränkt. Im Ernstfall wie am 1. Mai sieht das ganz anders aus: „Man muss schon sehr fit sein, wenn man den ganzen Tag lang bei hohen Temperaturen und im Echtfall auf den Beinen ist. Über Straßen läuft, auf denen oft Steine und zerborstene Flaschen liegen“, so der Abteilungsführer Carl U. Stolz. Der Mann weiß, wovon er spricht. Bis zum Atomabkommen hat er alle „Nuklear-Schlachten“ mitgemacht, die Castor-Transporte, G-8-Gipfel. „Mein persönlicher Rekord war, während einer Großdemonstration sieben Liter Wasser zu trinken und nur einmal pinkeln zu müssen. Den Rest hat der Körper ausgeschwitzt.“

Die Prognosen für den kommenden 1. Mai und die Tage davor sind noch vage. Zwar hat die rechtsextreme NPD bereits für den 26. April einen Aufzug mit Kundgebung angekündigt, bei der Berliner Polizei geht man allerdings davon aus, dass damit keine großen Ausschreitungen einhergehen werden. „Wir bezweifeln, dass von dieser Seite genügend Anhänger mobilisiert werden können“, so ein ranghoher Polizeiführer, der anonym bleiben möchte. Es werde kein kleiner Einsatz werden, weil die linke Szene Gegendemonstrationen organisieren wird. „Die Lage wird aber zu bewältigen sein.“ Viele gewaltbereite Autonome würden dem Beamten nach auch vermeiden wollen, wegen Störungen bei dem NPD-Aufzug festgenommen oder wegen Gewaltausbrüchen gar in Untersuchungshaft zu kommen und dann am 1. Mai auf der Straße zu „fehlen“. Denn dass der 1. Mai so weitgehend friedlich und folgenlos bleiben wird wie der im Vorjahr, gilt bei der Berliner Polizei als fraglich. „Im letzten Jahr zog die Revolutionäre Mai-Demo durch den Kiez und Mitte bis zum Brandenburger Tor, vorbei an zahlreichen Banken, dem Finanzministerium und vielen Geschäften, die ins Feindbild der linken Szene passen würden. Gewalt blieb aus, denn offenbar hat die Szene nicht damit gerechnet, bis ins Zentrum zu gelangen und war deshalb überhaupt nicht vorbereitet“, so der ranghohe Beamte weiter. „Wir gehen davon aus, dass dies in diesem Jahr anders werden könnte.“ Im Innenstadtbereich müsse an diesem Tag mit gezielten und schnell durchgeführten Aktionen von Kleinstgruppen gerechnet werden.

Bei solchen Tätergruppierungen greifen die Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) unter der Führung von Steffen Z. (36) ein. Die Polizisten gelten als Spezialkräfte, stürmen auch Wohnungen und nehmen Straftäter fest – nur wenn mit Bewaffnung zu rechnen ist, übernehmen die GSG9 oder das SEK. „Wir sind dafür zuständig, gewalttätige Demonstranten zu beobachten, ihr Vorgehen beweissicher zu dokumentieren und dann den Zugriff durchzuführen“, berichtet der durchtrainierte Beamte. Was in seinen Erzählungen so banal klingt, ist im Ernstfall lebensgefährlich, denn die Einheit geht auch direkt in den „Schwarzen Block“ hinein und greift sich den Täter. Zermürbend und demoralisierend soll dabei das Vorgehen der BFE wirken: Während die Festnahme selbst blitzschnell erfolgt, ziehen sich die Beamten mit dem Straftäter bewusst langsam zurück. „Das wirkt extrem einschüchternd und hat schon das Konzept großer Tätergruppen durcheinander gebracht“, so ein Angehöriger der Einheit. Dieses Prozedere wird mindestens einmal pro Monat trainiert.

So realistisch wie möglich

Donnerstagnachmittag, letzte Übung. Die Störer haben sich vereint, es gibt keine Armbinden mehr, die die Gruppen unterscheiden, jetzt „ziehen sie alle an einem Strang“. Auf dem Fuhrparkgelände der Kaserne haben sie ein altes Auto quer gestellt, Baumstämme darum platziert, ein Müllcontainer steht daneben. Sie grölen, Rauchbomben werden gezündet und simulieren das Brennen der Barrikade. Die Schiedsrichter und Beobachter stehen auf einem Dach, als die Polizei durchgreift. Ein Wasserwerfer kommt um die Ecke, und er „löscht“ tatsächlich. Die Statisten schmeißen mit Plastikflaschen und Holzsteinen, ein Räumpanzer rammt die Barrikade. Es wird gebrüllt und gekämpft, Handschellen klicken, „Störer“ werden abgeführt. Die „guten Jungs“ sind ebenso nass wie die „bösen Jungs“.

Abteilungsführer Carl U. Stolz ist zufrieden. „Hat alles gut hingehauen. Vorgehen und die Einsatztaktik haben gezogen.“ Haben seine Leute trotzdem Angst? „Wir haben bei Auswahlgesprächen mit Bereitschaftspolizisten für den Kosovo-Einsatz die Antwort auf diese Frage bekommen, die wir uns selbst gestellt haben“, berichtet der Polizeidirektor. „Die Kandidaten haben geantwortet, selbstverständlich Angst zu haben, wenn es ernst wird. Sie seien sich aber ihrer guten Ausstattung und Ausbildung bewusst. Und würden sich vor allem auf ihre Kollegen rechts und links verlassen können.“