Halbmarathon

Wie nach einer wilden Party

Sonne, Samba, strahlende Sieger – perfekte Bedingungen für den 34. Berliner Halbmarathon

Laut dröhnt die Musik aus den Boxen am Streckenrand. Mehr als 31.000 Athleten drängen sich zwischen den Absperrgittern auf der Karl-Marx-Allee. Inlineskater, Läufer, Handbiker und Rollstuhlfahrer – sie alle warten auf ihren Countdown, der ihnen das Startsignal für den 34. Berliner Halbmarathon gibt. „He is a Pirat“ aus dem Film „Fluch der Karibik“ schallt über die Köpfe der Teilnehmer hinweg und verbreitet freudige Ungeduld. Berlin will seinem Ruf, eine der stimmungsvollsten Marathon-Städte zu sein, wieder alle Ehre machen. Eine riesige Laufparty soll dieser Halbmarathon werden. „Es ist angerichtet“, meldet sich der Streckensprecher endlich zu Wort. Er zählt an: „Zehn, neun ...“ Das Fest beginnt.

Zwei Stunden zuvor herrscht an gleicher Stelle beinahe besinnliche Ruhe. Der morgendliche Dunst hängt in der Luft, der Fernsehturm streckt sich in einen strahlend blauen Himmel. Die einzigen Menschen in dem riesigen Startbereich, wo sich später Tausende tummeln werden, sind die Helfer und Ordner, die schon seit dem frühen Morgen letzte Vorbereitungen treffen. Auch Beate Ritter ist bereits seit halb sieben da. Sie gehört zum Start-Team, das dafür sorgt, dass die Teilnehmer auch in dem Bereich bleiben, dem sie zugeteilt sind. Es geht von A bis E, von Profi bis Debütant. Beate Ritter läuft selbst leidenschaftlich gern Marathon. „Da kribbelt es schon, wenn man hier so steht. Aber wenn man so oft selber läuft, muss man auch mal helfen“, sagt sie. Ihre Entschädigung ist demnächst der Boston-Marathon.

Klub der Kurzbeinigen

Gegen halb neun trudeln dann langsam die ersten Teilnehmer an der Karl-Marx-Allee ein. Auch Clemens, Karoline und Sabine lassen sich im Startbereich ein bisschen die Sonne ins Gesicht scheinen. Die drei 36-Jährigen aus Potsdam sind gut gelaunt. „Wir sind der Klub der Kurzbeinigen“, scherzt Karoline und: „Wir sind schon einmal zwei Stunden am Stück gelaufen – aber nicht 21 Kilometer.“ Trotzdem haben sie große Ziele. Die Frauen wollen unter zwei Stunden bleiben und Clemens will Weltrekord laufen. Nicht wirklich natürlich, denn der würde bei weniger als 58 Minuten und 23 Sekunden liegen. Der 26-Jährige Kenianer Leonhard Komon hatte vorab angekündigt, den Rekord knacken zu wollen, obwohl er vorher nie die Distanz von 21 Kilometern gelaufen war. Am Ende wurde Komon tatsächlich Erster, doch den Rekord knackte er mit einer Laufzeit von 59 Minuten und 12 Sekunden nicht.

Langsam wird es ernst im Startbereich. Immer mehr Athleten drängen sich zwischen den Gittern, es wird Glück gewünscht und Daumen gedrückt und schnell noch ein Becher frisches Wasser getrunken, die Elke Schreiber zu Hunderten zusammen mit ihren Kolleginnen füllt. Sie ist die Herrin des Wassers. Die 73-Jährige hilft bereits seit mehr als zwanzig Jahren beim Marathon. „Die Stimmung ist einfach immer toll. Und nie habe ich hier einen unfreundlichen Menschen erlebt.“

Der Countdown dröhnt durch die Boxen. Zuerst legen die Skater in einem unglaublichen Tempo los, die Besten werden schon eine halbe Stunde später wieder durchs Ziel fahren. Dann folgen die Handbiker und schließlich die Läufer. Tausende ziehen an den johlenden Zuschauern am Rand der Strecke vorbei. Die Sonne strahlt, es ist fast schon ein bisschen zu warm.

Halbzeit ist ungefähr in der Charlottenburger Windscheidstraße. Hier ist Streckenkilometer zehn. Doch dieses Etappenziel fordert auch einige Opfer. Denn an der zehn-Kilometer-Marke ist ein Zeitmesssystem installiert. Immer wieder stürzen die Skater über die mit Planen abgedeckten Kabel. Doch eine Kapelle motiviert zum Aufstehen, zum Weiterlaufen. Für die letzten versprengten Skater spielt sie „California Dreaming“. Nachdem nun auch ein Großteil der Läufer am Erfrischungspunkt in der Windscheidstraße vorbeigezogen ist, sieht es aus, wie nach einer wilden Party. Hunderte Plastikbecher säumen den Asphalt, tausende Füße machen daraus ein knirschendes Konzert. Zwei Kilometer weiter wird kräftig angefeuert. „Keiner hat gesagt, es wird leicht!“ steht auf den Schildern, die das Publikum hochhält, das am Kurfürstendamm Ecke Leibnizstraße Motivationsposten bezogen hat. Eine Band spielt „Hit the Road, Jack“ – wie passend. Mittlerweile sind mehr als zwei Stunden seit dem Start der Läufer vergangen und noch immer ziehen ganze Scharen über den Kurfürstendamm. Doch langsam ist die Anstrengung zu spüren. So mancher Läufer ist nur noch humpelnd unterwegs. Aber aufgeben? Kommt nicht in Frage. Außerdem lockt schon bald der nächste Erfrischungsstand. Nach drei Kilometern über den sonnigen Kurfürstendamm ohne rettenden Schatten in Sicht ist das auch eine verdiente Wohltat. Kaum einer, der hier nicht kurz stehenbleibt, um Atem für die letzten Kilometer zu schöpfen und wehmütig zu einem meterhohen Plastikbier zu schielen, das eine Brauereiam Wegesrand aufgestellt hat. Am Ende des Marathons wartet dann das echte – natürlich alkoholfrei.

Mittlerweile drängen sich im Ziel schon einige Tausend Läufer. Die schnellsten kamen nach rund einer Stunde an, die meisten nach mehr als zwei. Sie schieben sich von Station zu Station – Medaille, Foto, Erfrischung, Stärkung – durch knirschende Plastikbecher, zertretene Bananen und zerrissene Wärmecapes. Erschöpft, aber in den meisten Fällen stolz. Ine Michaela aus Oslo hat es auch geschafft. „Heute war einfach nicht mein Tag“, sagt sie zwar, „aber es war eine wundervolle Atmosphäre.“ Für sie, sagt sie, war es der schönste Marathon, an dem sie je teilgenommen hat. Auch Hendrik Jahnke aus Witzenhausen in Nordhessen ist mit seiner Leistung nicht ganz zufrieden. Er kam mit der flachen Strecke nicht so gut zurecht. „Aber das macht nichts“, sagt der 23-Jährige, „weil es ein tolles Erlebnis war.“

Nach weit mehr als drei Stunden kommen schließlich auch die letzten ins Ziel – mit erhobenen Armen und Jubelschreien. Die Zeit spielt keine Rolle. Es geht darum, dabei zu sein.