Justiz

Ein Rocker als Kronzeuge

Ranghohes Mitglied der Hells Angelskönnte Bandenchef Kadir P. belasten

Schlechte Aussichten für die Rocker der Berliner Hells Angels um den türkischen Ex-Boxer Kadir P.: Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll sich jetzt ein ranghohes Führungsmitglied der berüchtigten Gruppe den Sicherheitsbehörden als Kronzeuge angeboten haben. Dem aus Persien stammenden Mann mit dem Spitznamen „Syrer“ droht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe, weil er an dem Mord an einem 26-jährigen Türken in einem Wettbüro an der Residenzstraße in Reinickendorf beteiligt gewesen sein soll. Tatvorwurf: gemeinschaftlicher Mord. Wie berichtet, waren am 10. Januar gegen 23 Uhr 13 Personen in das Lokal gestürmt, wenig später brach im Hinterzimmer Tahir Ö., durch mehrere Pistolenschüsse tödlich getroffen, zusammen. Elf Haftbefehle wegen gemeinschaftlichen Mordes wurden inzwischen vollstreckt. Der 37-jährige Kadir P. war nicht am Ort. Er wird mit dem Mordauftrag in Verbindung gebracht. Nach der Festnahme von Kadir P. am 10. Februar in Spandau teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass er den Ermittlungen zufolge der mutmaßliche Initiator des Auftragsmordes sei. Kadir P.s Bruder hat sich inzwischen in die Türkei abgesetzt.

Der Kronzeuge, der durch seine Aussagen laut Paragraf 46b Strafgesetzbuch seine zu erwartende Strafe erheblich verringern könnte, kam vor drei Jahren aus Hamburg in die Hauptstadt. Er befindet sich nach Morgenpost-Informationen im Zeugenschutzprogramm. Er wird an einem geheimen Ort vernommen, seine Familie wurde in Sicherheit gebracht. Es sei laut einem Experten nicht ausgeschlossen, dass er nach Abschluss des Verfahrens eine neue Identität bekommt.

Sein Wissen könnte nun die Berliner Hells Angels in erhebliche Schwierigkeiten bringen – der „Syrer“ hat seit einem Jahr den Status des Vollmitglieds und gilt als rechte Hand von Kadir P. Dieser Gruppierung werden Drogengeschäfte, Schutzgelderpressung und räuberische Erpressung nachgesagt. Denkbar ist laut einem Ermittler, dass er nicht nur diese Machenschaften aufdeckt, sondern für weitere Verhaftungen im Reinickendorfer Wettbüro-Mordfall sorgen könnte. Denn die Polizei geht davon aus, dass 13 Personen in das Lokal eindrangen, sich davor aber zur Tatzeit 25 weitere Männer befanden. „25 weitere Verdächtige, das wäre ein donnerndes Signal an die Szene“, so der Ermittler.

Der Kronzeuge dürfte interessant für zahlreiche Staatsanwaltschaften sein, denn Kadir P. und seine Gefolgsleute gelten deutschlandweit als das härteste Hells Angels Charter. Möglicherweise könnte auch ein brutaler Angriff auf die Hells Angels im brandenburgischen Finowfurt (Kreis Barnim) vor einigen Jahren aufgeklärt werden. Damals war Kadir P. noch bei den rivalisierenden Bandidos, bevor er die Seiten wechselte. Mehrere Hells Angels waren in dem Ort in ihren Autos ausgebremst worden, einem Führungsmitglied war mit einem Beil beinahe ein Bein abgetrennt worden. Bis heute gelten die damaligen Bandidos als Drahtzieher der Tat. Zwar wurden zwei Verdächtige in der Folge freigesprochen, der BGH eröffnete auf Antrag der Staatsanwaltschaft aber erneut das Verfahren.