Streetart

Die Wand lebt

In Berlin gibt es 700 Fassadenbilder, alle mit einer eigenen Geschichte. Norbert Martins ist ihr akribischer Chronist

Am U-Bahnhof Kottbusser Tor ist es bunt. Die Menschen, das Treiben, die zusammengewürfelte Architektur. Das Bild an der Ecke Skalitzer Straße, Admiralstraße auf der Rückseite des Cafés Südblock ist in dem Durcheinander aus Eindrücken schwer auszumachen. Steht man dann davor, fragt man sich, wie man es hatte übersehen können, wie es sich so in Gelb und Orange in lateinamerikanischer Ästhetik über drei Wände erstreckt. „Löhne rauf, Mieten runter“ steht in großen Lettern gemalt.

An diesem farbgewordenen Protest beginnt Norbert Martins seine Tour durch Kreuzberg. Er ist zehn Minuten zu früh, den dicken Aktenordner mit den gesammelten Fotos der Wandbilder und eines seiner Bücher unter den Arm geklemmt.

Martins erzählt die Geschichte des Protestbilds. Wie ein Lehrer, der für sein Fach brennt. Es ist eine von Hunderten Geschichten, die der 66-Jährige ehemalige Elektrotechniker zu Berlins Wandbildern erzählen kann. „Dieses Bild ist entstanden, als hier am Kottbusser Tor das Protestcamp war“, erzählt er, „erinnern Sie sich?“ Der Lehrer spricht. Und ob. Damals im August 2012 versammelten sich Anwohner, um auf die steigenden Mieten in Kreuzberg aufmerksam zu machen. Um zu demonstrieren, dass sie sich nicht so einfach aus ihren Wohnungen verdrängen lassen wollen. Das Bild der Interbrigados, einer Gruppe politischer Aktivisten, zeigt wütende Anwohner mit Protestbannern in den Händen. Die Botschaft: Wir bleiben alle.

Ben Wagin als Vorreiter

Öffentliche Protestbilder wie dieses gibt es kaum noch. „Die meisten der Wandbilder sind mittlerweile Schönmalerei“, sagt Martins. Er meint es nicht abwertend, es ist eben eine gesellschaftliche Entwicklung. Ursprünglich kamen die Wandbilder mal aus Mexiko nach Deutschland, wo sie der Maler und Ehemann von Frida Kahlo, Diego Rivera, als Protestform etabliert hatte, damit auch diejenigen die Botschaft verstehen konnten, die nicht lesen und schreiben konnten. In Berlin hat Norbert Martins seit Mitte der 70er-Jahre an die 700 Wandbilder gezählt.

Auf seiner Tour durch Kreuzberg sieht er nicht aus wie einer, der sich der Straßenkunst, der Streetart, verschrieben hat – denn eben das sind Wandbilder. Öffentliche Leinwände. Er sieht nicht alternativ aus, nicht hip, auch nicht in vergangener Zeit. Eher ordentlich mit dem grau melierten Bart und der dunkelblauen Funktionsjacke. Aber er ist ja auch kein Künstler, sondern nur der Chronist ihrer Werke. Egal, ob sie im wilden Kreuzberg in Baulücken gemalt sind oder in Lichtenberg und Hellersdorf an Plattenbauten, wo immer mehr von ihnen entstehen.

Das erste Wandbild in Berlin entstand 1975 in der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten. Das Bild mit dem Titel „Weltbaum I – Grün ist Leben“ des Künstlers Ben Wagin zeigt den Auspuff eines Motorrads und einen Baum, der ob seiner Zerstörung durch die Abgase vor Schmerzen schreit. Oberhalb dieser Szenerie fuhr ursprünglich mal ein Lastkahn, der Bäume transportierte. Die düstere Vision des Künstlers: Irgendwann werden wir unsere Natur importieren müssen, weil wir unsere eigene zerstören. Heute sind von dem Kahn nur noch einige blasse Flecken auf der Fassade geblieben. Berlins erstes Bild war auch Martins erstes Bild, als er vor mehr als dreißig Jahren zufällig bei einem Spaziergang mit seiner Frau daran vorbeikam. Seitdem hat er nicht mehr aufgehört, zu fotografieren.

Martins biegt in die Reichenberger Straße ein. „So, hier haben wir auch ein Bild.“ Nichts zu sehen. Wo genau? Er grinst. Auftritt gelungen. „Na da“, sagt er und zeigt auf eine große Baulücke. Tatsächlich ist auf die seitliche Fassade eines Hauses mit einfachem schwarzen Strich ein Bild gemalt: Eine Fassade mit Ziegelschornstein. Darüber haben die Künstler Metall angebracht, das vor Jahren, als es noch nicht oxidiert war, immer die jeweilige Farbe des Himmels angenommen hat, der sich in dem Metall spiegelte. Einer der Künstler war der junge Yadegar Asisi, in Berlin bekannt für sein Panorama des geteilten Berlins und den 360-Grad Rundumblick am Pergamonaltar.

Die Wandbilder erzählen Berliner Geschichten und Geschichte. So wie die von Hausbesetzern in den 80er-Jahren ungelenk gemalten Bäume an einer Häuserfassade. „Wir bleiben hier drin“ steht dazwischen geschrieben. Die Geschichte wiederholt sich.

Oder die bemalte Hausfassade eines Motorradclubs in der Waldemarstraße: Ein Biker steht in Jeansweste an sein Motorrad gelehnt irgendwo auf einem amerikanischen Highway. Martins kramt in seinem Ordner. „Hier, das war der Entwurf, den die Jungs vom Bikerclub gerne gehabt hätten“, sagt er und zeigt grinsend auf eine Skizze: Nackte Frau vor schwarzem Hintergrund. „Damit war die Stadt natürlich nicht einverstanden.“

Führungen auf Nachfrage

Und überhaupt, die Stadt. Martins ärgert sich über Berlin. „Es wird nicht mit den Wandbildern geworben, und es gibt keine öffentlichen Führungen.“ Er zeigt auf eine Gruppe junger Touristen. „Aber sehen Sie?“ Die Gruppe steht vor einem Graffito, Jack Nicholson grinst ihnen dämonisch entgegen. „Die jungen Leute wollen genau das sehen.“ Er selbst bietet Führungen auf Nachfrage an, doch Martins ist auf Mundpropaganda angewiesen, die Touristen außerhalb der Stadt selten erreicht.

Norbert Martins hat Angst, dass niemand das weiterführt, was er über lange Jahre geschaffen hat. Denn seine Arbeit ist eine unendliche. Wandbilder sind nicht für die Ewigkeit geschaffen. „Sie sind Kunstwerke auf Zeit“, sagt Norbert Martins. Sie entstehen und gehen wieder, manchmal nach Monaten, weil eine Haus renoviert wird, manchmal nimmt sie die Witterung erst nach vielen Jahren mit.