Sanierung

Rost hinter der Fassade

Nach dem Alten Turm sollen nun der neue Glockenturm und die Kapelle der Gedächtniskirche instand gesetzt werden

Die letzten Gerüste um den Alten Turm der Gedächtniskirche sind noch nicht abgebaut, da entsteht bald schon die nächste große Baustelle auf dem Breitscheidplatz. Denn sowohl die vor 50 Jahren eingeweihte Kapelle als auch der neue Glockenturm sind sanierungsbedürftig. Beide gehören zum Gebäudeensemble der neuen Gedächtniskirche. Für die Kapelle wurde in den vergangenen Monaten in einer Machbarkeitsstudie der genaue Sanierungsbedarf erhoben, sie soll von innen und außen wieder optimal hergestellt werden. Beim Glockenturm müssen die Schäden und Ursachen erst noch festgestellt werden.

Die Sanierungskosten für die Kapelle übernimmt die Wüstenrot Stiftung. Sie ist auf Architektur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spezialisiert und führt das Projekt als Bauherr durch. „Eine Kirche aus den 1960er-Jahren stellt für uns auch ein kulturelles Erbe dar, das ist bei den Menschen noch nicht richtig angekommen“, sagt Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung. Ziel sei es, das Gebäude für zukünftige Generationen zu erhalten.

Reparatur statt Erneuerung

Die Planung für die Sanierung der Kapelle hat bereits begonnen und soll Ende des Jahres abgeschlossen sein, Baubeginn soll 2015 sein. Die Kosten sind von der Wüstenrot Stiftung auf 1,4 Millionen Euro budgetiert. Bei der Sanierung steht laut Architekt Steffen Obermann der Erhalt im Vordergrund, um den ursprünglichen Charakter der Gebäude zu bewahren. Statt alles auszutauschen und zu erneuern, umfasst die Sanierung daher lediglich Reparaturen und Instandsetzungen. „Es sind keine spektakulären Veränderungen vorgesehen, sodass wir es als Erfolg betrachten, wenn nachher kein großer Unterschied zu sehen ist“, sagt Obermann. Die Liste der Umbauarbeiten ist trotzdem lang: Hinter der Glas- und Stahlfassade muss Rost beseitigt werden und es wird ein neuer Anstrich benötigt. Außerdem müssen die glasgefüllten Betonwaben der äußeren Wandschale instand gesetzt werden. Im Inneren der Kapelle sollen die Holzfurniere restauriert werden. Dazu wird eine neue Lüftungsanlage eingebaut, die für frische Luft sorgen und die Luftfeuchtigkeit für die Orgel regeln soll. „Im Prinzip gehen wir an alles – Böden, Wände, Decken“, sagt Obermann.

Viele Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, sind anfälliger als ältere Bausubstanz und müssen öfter saniert werden. „In der Nachkriegszeit wurde viel mit neuem Baumaterial wie Schaumstoff oder Kunststoff experimentiert“, weiß Philip Kurz. Das Problem liege darin, dass die Restauration mit diesen Materialien im Gegensatz zu Putz wenig erforscht sei. Architekt Obermann stimmt zu: „Die großen Glasscheiben, die für den Innenraum der Kapelle verbaut wurden, gab es so vor dem Krieg noch gar nicht. So war mit dieser großen Experimentierfreude leider sehr wenig Erfahrung verbunden.“

Eine Restaurierung der Kapelle ist zum heutigen Zeitpunkt nicht zwingend. Bei längerer Wartezeit müsste man jedoch generalsanieren, und damit auch viel nachbauen. „Wir wollen die Seele eines Gebäudes erhalten. Deswegen glaube ich, dass wir dafür einen guten Zeitpunkt erwischt haben“, sagt Kurz.

Zu der Kapelle gehört auch ein kleiner Garten, dessen Grünfläche sich zwischen Innenraum und Außenwand befindet. Laut Pfarrer Martin Germer habe sich das Konzept des ursprünglichen Architekten Egon Eiermann nicht bewährt. Dieser hatte dort neben Gras auch Rosen anpflanzen lassen, was sich als zu pflege- und personalintensiv herausstellte. „Ob Rosenstöckchen, Kletterrosen oder Efeu – in der Machbarkeitsstudie ist noch nicht festgelegt, wie der Garten zukünftig aussehen soll“, sagt Kurz. Pfarrer Germer bringt die Idee ins Spiel, dass es eine Kooperation mit den Gärtnern des nahe gelegenen Berliner Zoos geben könnte, die sich um die Pflanzen der Kapelle kümmern könnten.

Neben Gottesdiensten finden in der Kapelle Taufen und Trauungen sowie die Proben des Bach-Chors statt. Dafür müsse auch die Funktionalität verbessert werden, so Germer. So sollen eine zweite Toilette und eine Teeküche entstehen. Für den Pfarrer soll die Kapelle nach der Sanierung vor allem eins bleiben: „Ein Ort der Stille am so belebten Breitscheidplatz mitten in der Stadt.“

Letzte Instandsetzung 1999

An allen vier Gebäuden des neuen Kirchenensembles wurden seit ihrer Errichtung mehrere Betonsanierungen durchgeführt, etwa alle zehn bis 15 Jahre. So bedarf der Glockenturm auch einer Sanierung, da er zuletzt 1999 instand gesetzt wurde. Doch es muss noch festgestellt werden, welche Teile des Turms restauriert werden müssten. Von Jahr zu Jahr verschlechtere sich die Originalsubstanz, erklärt Steffen Obermann. Jedoch seien die obersten sieben Reihen des Turms am heikelsten. In den 60er-Jahren habe man mit Beton sehr leichtfertig gebaut, das Material häufig überschätzt. „Heute würde man sogar von Baufehlern sprechen, daher ist es beim Glockenturm nicht so einfach wie bei der Kapelle“, sagt der Architekt. Ziel sei es, bis Ende 2014 herauszufinden, ob nur Teile oder der ganze Turm von den Schäden am Beton betroffen sind.

Um das zu bewerkstelligen, soll im Mai mit dem Einrüsten des Turms begonnen werden. Dazu müssten jedoch erst die Märkte und Stände um die Kirche ihren Platz räumen, was eine andauernde Streitfrage ist. Der Bezirk hat den Standbesitzern kürzlich ein Ultimatum bis zum 1. Mai für die Räumung gesetzt. Die Finanzierung für die Sanierung des Glockenturms geht laut Pfarrer Germer in die Millionen, man sei derzeit noch auf der Suche nach möglichen Partnern, um die Kosten zu stemmen. Die Untersuchung der fälligen Baumaßnahmen wird noch von der Wüstenrot Stiftung getragen, die Kosten dafür belaufen sich auf 100.000 Euro.