Taxitest

Einsteigen, anschnallen, Umweg bezahlen?

Wer sich in Berlin nicht auskennt, zahlt im Taxi mehr als er müsste. Oder doch nicht? Die Morgenpost hat den Test gemacht

Wer in Eile ist, die Stadt nicht kennt oder kräftig gefeiert hat, steigt ganz gern mal ins Taxi. Mehr als 100.000 Fahrgäste werden in Berlin jeden Tag befördert. 7700 Taxikonzessionen sind aktuell vergeben – ein Rekord. Doch die große Konkurrenz weckt auch schwarze Schafe.

Tatort Flughafen Tegel. Ende Februar wurde ein Fahrer zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er soll in 14 Fällen horrende Summen für Fahrten vom Flughafen in die Stadt kassiert haben. Darunter 296 Euro für eine Strecke von zehn Kilometern. Die Opfer: ahnungslose Touristen. „Es gab und gibt in Tegel möglicherweise immer noch Taxifahrer, die ihr Unwesen treiben“, sagt Detlev Freutel, Vorsitzender des Taxiverband Berlin-Brandenburg.

Laut Personenbeförderungsgesetz müssen Fahrer die kürzeste Route nehmen. Sie können nur eine andere wählen, wenn der Fahrgast dem zustimmt. Zudem gelten in Berlin einheitliche Tarife: 3,40 Euro Grundpreis und 1,79 Euro für die ersten sieben Kilometer, danach 1,28 Euro. Wie groß ist die Betrugsgefahr in Berlin also? Die Berliner Morgenpost hat nachgeprüft.

Der Taxitest

Zwei Reporter fahren jeweils in verschiedenen Taxen kurz hintereinander vom Bayerischen Platz in Schöneberg zum Flughafen Tegel – und zurück. Insgesamt acht Fahrten. Sie geben sich ahnungslos – der Fahrer soll die Strecke wählen. Mit einer App zeichnen sie den exakten Weg auf. Der Routenplaner von Google Maps gibt zwei Möglichkeiten vor (siehe Karte): eine lange Strecke über die Autobahn A100 (rosa) und eine kurze durch die Stadt (dunkelgrün). Dabei ist die kürzeste Strecke nicht gleich die schnellste. Ist die Autobahn frei, kommt man dort schneller voran, es wird aber eben auch teurer. Wie werden die Taxifahrer sich verhalten?

Erste Hinfahrt, 16 Uhr

Nach jeweils knapp 30 Minuten kommen die Reporter am Flughafen an und bezahlen jeweils genau 19 Euro. Beide Fahrerinnen nehmen die kurze Route. Sie entscheiden ohne nachzufragen und fahren ohne Navigationssystem. „Auf der Autobahn ist gerade Stau. Das hier ist der kürzeste und schnellste Weg“, weiß eine Fahrerin. Besser geht es nicht.

Erste Rückfahrt, 16.45 Uhr

Jetzt treten Unterschiede auf. Reporter eins fährt wieder durch die Stadt. „Ob Autobahn oder Stadt: Das gibt sich nicht viel“, sagt der Fahrer. Nach 22 Minuten ist man am Bayerischen Platz, der Preis: 19,60 Euro. Reporter zwei wird gefragt, ob er es eilig hat. Als er verneint, nimmt der Fahrer die längere Route über die Autobahn A100 – obwohl dort noch Stau ist. Die Fahrt dauert fast 35 Minuten und kostet 22,30 Euro. 13 Minuten länger gefahren und 2,70 Euro teurer: Hier hat der Fahrer seinen Vorteil ausgenutzt.

Zweite Hinfahrt, 17.30 Uhr

Reporter eins erreicht wieder nach knapp 30 Minuten und exakt 19 Euro sein Ziel. Sein Fahrer erklärt: „Klar kann ich auch über die Autobahn fahren. Aber die drei Euro sind den Stress nicht wert. Wenn mich jemand bei der Innung meldet, bekomme ich Probleme.“ Reporter zwei gibt an, dass er es eilig hat – der Fahrer wählt die A100. Das zahlt sich aus. Nach 23 Minuten ist er am Ziel, bezahlt dafür aber 2,60 Euro mehr als Reporter eins.

Zweite Rückfahrt, 18.30 Uhr

Bei den letzten Fahrten des Tages stimmt etwas nicht. Beide Fahrer nehmen ohne zu fragen die Autobahn. Auf Nachfrage erfährt Reporter eins, dass der Weg durch die Stadt verstopft sei. Auf der Hinfahrt war allerdings kein Stau zu erkennen. Mit 21 Minuten ist die Fahrt kaum schneller als die erste Rückfahrt durch die Stadt. Dafür aber fast drei Euro teurer. Reporter zwei braucht sogar noch länger. Sein Fahrer verlässt die A100 eine Ausfahrt später. Die Karte zeigt: Er fährt einen unnötigen Schlenker (hellgrün), der einen Kilometer beziehungsweise mehr als einen Euro Fahrgeld zusätzlich kostet.

Das Ergebnis

Bei fünf von acht Fahrten gab es nichts zu beanstanden. Das Nachrechnen von Fahrdistanz und -preis ergibt in allen Fällen: Der Tarif stimmt. Bei der kurzen Route Richtung Tegel wurde sogar jedes Mal der exakt selbe Betrag fällig. Auffällig ist jedoch, dass bei Fahrten Richtung Stadt in drei von vier Fällen die längere Route gewählt wurde – zweimal ohne die gesetzlich geforderte Absprache, darunter einmal mit einem fadenscheinigen Vorwand und einmal mit einem zusätzlichen Umweg. Weil fast alle Fahrer per Umsatzbeteiligung bezahlt werden, ist zu verstehen, dass sie schnell ankommen wollen, um mehr Fahrten pro Tag machen zu können. Zwar hätten sie auf Bitte wohl auch die kürzere Route genommen, wer sich aber nicht auskennt – oder nichts sagt –, zahlt am Ende schnell ein paar Euro drauf. Und ist dabei oft nicht einmal eher am Ziel. Möglich, dass das oft lange Warten auf Kundschaft in Tegel zum Minibetrug verleitet. Aber nicht akzeptabel.