Interview

„Manchmal bestellt sich jemand Pizza zur Vernehmung“

Diana Szymanski ist Verhörspezialistin bei der Kriminalpolizei. Im Interview erklärt sie, worauf es bei ihrer Arbeit wirklich ankommt

Gerade hat Anna Loos im ZDF ihr Debüt als Kommissarin Helen Dorn gegeben. Doch wie viel haben Fernsehkrimis mit der Ermittlungsarbeit von realen Polizeibeamten zu tun? Darüber sprach Ulla Reinhard mit der Berliner Kriminalhauptkommissarin und Ausbilderin Diana Szymanski.

Berliner Morgenpost:

Frau Szymanski, wenn Sie den „Tatort“ schauen...

Diana Szymanski:

...schalte ich spätestes nach 20 Minuten ab. Das halte ich nicht aus. (lacht)

Die Arbeit der Polizei wird Ihnen nicht realistisch genug dargestellt?

Absolut nicht. Es fängt schon damit an, dass die Kommissare die Beschuldigten immer gleich auf der Straße vernehmen oder am besten am Arbeitsplatz. Das ist doch weltfremd!

Wo vernehmen Sie Verbrecher?

Also erst einmal weiß ich im Verdachtsstadium noch gar nicht, ob es sich um einen Verbrecher handelt. Wir sprechen deshalb von Beschuldigten. Und dann arbeitet die Polizei genauso wie andere Behörden mit Terminen. Da heißt es nicht, „Kommen Sie bitte morgen aufs Präsidium“, sondern meistens gibt es schriftliche Vorladungen mit genauen Uhrzeiten. Nur wenn es eilt, etwa bei einem aktuellen Mordfall, vernehmen wir Zeugen auch mal direkt vor Ort.

Im „Tatort“ eilt es fast immer...

Und dabei werden grundlegende Dinge vergessen! Polizisten müssen Beschuldigte und auch Zeugen vor einer Vernehmung belehren. Sie müssen Beschuldigte darauf hinweisen, dass sie sich nicht äußern müssen zum Tatvorwurf. Zeugen müssen wiederum nicht ihre Angehörigen belasten. Außerdem muss sich niemand selbst belasten und es gibt weitere Opferrechte. Eine richtige Belehrung dauert eine Weile, aber da hat der Fernsehzuschauer natürlich längst umgeschaltet.

Wie geht es weiter in der echten Vernehmung?

Dann werden die Fragen gestellt und der Vernommene schildert grundsätzlich das Geschehen. Jede Frage und jede Antwort muss schriftlich dokumentiert werden. Bei Sofortvernehmungen außerhalb des Büros passiert das oft handschriftlich. Ansonsten nutzen die Polizeibeamten oder die Schreibkräfte einen Computer. Strafverteidiger nehmen die Protokolle später vor Gericht auseinander, deshalb ist es wichtig, genau zu arbeiten.

Polizisten wollen die Wahrheit herausfinden. Wie steht es mit Vernehmungstaktiken?

Davon gibt es eine Menge und die Polizei geht damit sicher nicht hausieren. Ein Grundsatz ist aber beispielsweise, dass es der Wahrheitsfindung nicht dient, psychischen Druck aufzubauen. Also, auch wieder so ein Beispiel aus dem Fernsehen, zu schreien „Geben Sie doch endlich zu, dass Sie es waren“, bringt nichts. Eine besondere Taktik ist die kriminalistische List. Ein Polizist darf keine Tatsachen vortäuschen, aber durchaus listig sein.

Was ist der Unterschied?

Ich kann dem Beschuldigten sagen, dass wir DNA-Spuren am Tatort gefunden haben, sollte das stimmen. Auch wenn es sich nicht um seine DNA handelt, kann ein solcher Satz ausreichen, um den Beschuldigten nervös zu machen. Eine Täuschung wäre es, ihn anzulügen und zu behaupten, man habe seine DNA gefunden.

Im TV nehmen Kommissare heimlich DNA-Proben von Zigaretten oder Gläsern.

Das haben wir nicht nötig. Gibt es einen Beschuldigten, der nicht freiwillig eine Speichelprobe abgibt, bekommen wir in der Regel einen richterlichen Beschluss. Man darf nicht vergessen: Erlangt ein Polizist unzulässig Beweise, können diese unter Umständen nicht vor Gericht verwertet werden. Dass dem Beschuldigten in der Vernehmung nicht Gewalt angetan werden darf, versteht sich von selbst. Aber wir müssen auch darauf achten, dass er genügend schläft. Bei der Mordkommission dauern die Vernehmungen manchmal mehrere Tage. Die Beamten müssen penibel Pausen einlegen, damit es später nicht heißt, die Willensentschließungsfreiheit des Beschuldigten wäre beeinträchtigt worden.

Wie gut muss es dem Beschuldigten gehen?

Er muss natürlich auch zu essen und zu trinken bekommen. Manchmal bestellt sich jemand eine Pizza zur Vernehmung. Das müssen wir nicht erlauben, können wir aber. Oder die Polizeibeamten bringen auf Wunsch des Beschuldigten Döner mit. In unseren Räumen herrscht Rauchverbot – für einen Beschuldigten kann eine Ausnahme gemacht werden. Dahinter steckt natürlich auch das Kalkül, dass er eventuell mehr verrät, wenn er sich einigermaßen wohl fühlt.

Könnte man auch sagen, Sie schleimen sich ein bisschen ein?

Nein. Es geht darum, eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. In der Ausbildung nennen wir das „Aufbau eines Vertrauensverhältnisses“. Warum sollten wir nicht freundlich sein? Es kommt auch vor, dass die Chemie zwischen einem Polizisten und einem Beschuldigten absolut nicht stimmt. Dann übernimmt eventuell ein Kollege.

Aber die Polizei ist doch nicht immer freundlich zu einem mutmaßlichen Straftäter?

Das hängt von der Situation ab. Wir fragen auch mal hartnäckiger nach, wenn es angebracht ist. Da fällt mir die Klassiker-Taktik vom guten und bösen Polizisten ein. Der böse Beamte benimmt sich daneben. Dann kommt der gute Beamte hinzu, erteilt seinem Kollegen einen Rüffel. Der Beschuldigte ist dem guten Beamten dankbar und öffnet sich ihm gegenüber mehr. Das funktioniert immer prima.

Inwiefern läuft eine Vernehmung anders, wenn ein Anwalt anwesend ist?

Anwälte haben nicht zwangsläufig das Recht, bei einer polizeilichen Vernehmung dabei zu sein. Das wird übrigens auch manchmal falsch wiedergegeben im Fernsehen. Da Anwälte ihren Mandanten oft raten, nichts zu sagen, ist es manchmal ein Kompromiss, sie an der Vernehmung teilzunehmen zu lassen. Der Anwalt warnt seinen Mandanten dann in bestimmten Situationen, etwa wenn der Beschuldigte Gefahr läuft, sich aus Sicht des Anwalts unnötig zu belasten.

In den Vernehmungen geht es manchmal um Taten, bei denen Opfern großes Leid zugefügt wurde.

Deshalb müssen Polizisten immer eine professionelle Distanz bewahren – sowohl gegenüber dem Täter als auch gegenüber dem Opfer. Sonst geht man kaputt. Den Polizisten, der das Vergewaltigungsopfer mit zu sich nach Hause nimmt, um es zu schützen, gibt es in der Realität nicht. Vor allem bei Sexualstraftaten werden die Opfer von sehr erfahrenen Beamten vernommen, die das nötige Feingefühl aufbringen.

Sie sind Expertin für Vernehmungen von Kindern und Jugendlichen. Was ist dabei zu beachten?

Kinder haben zum Beispiel ein anderes zeitliches Empfinden. Kürzlich habe ich eine Videovernehmung mit einem dreieinhalb Jahre alten Jungen gesehen. Er konnte sagen, wer der Täter war und was er gemacht hatte, aber das Ganze zeitlich überhaupt nicht einordnen. Bei Vernehmungen mit Kindern und Jugendlichen ist genau darauf zu achten, was man ihnen altersgemäß an Urteilsvermögen zumuten kann. Außerdem müssen wir natürlich besonders sensibel vorgehen.

Kann eine Vernehmung auch Spaß bringen?

Oh ja. Wenn ein Täter nach langem Ringen ein Geständnis ablegt, gibt einem das ein gutes Gefühl. Aber ich habe auch sehr zähe Vernehmungen erlebt. Hinterher wusste ich nicht, ob der Beschuldigte oder der Geschädigte die Wahrheit sagt.

Gibt es denn im Fernsehen überhaupt noch Krimis, die Sie ohne schlechtes Gefühl gucken?

Die Fernsehserie CSI. Die ist zwar auch unrealistisch, aber ich hoffe, dass es all die technischen Möglichkeiten irgendwann tatsächlich gibt.

Würden Sie einem „Tatort“-Redakteur gerne mal Ihre Meinung sagen?

Mein Stiefsohn hat mal bei einer „Tatort“-Produktion mitgearbeitet. Ich habe ihm eine Liste mitgegeben, auf was er alles hinweisen soll. Aber es hat nichts gebracht. Er war nur Praktikant.