Bildung

Wir sprechen Deutsch

Immer mehr Menschen schreiben sich für Sprachkurse an den Volkshochschulen ein

Selvije Arslan folgte der Liebe. Die 29-Jährige zog vor drei Jahren aus Mazedonien nach Berlin und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in Marienfelde. Sie erzählt lebhaft, man spürt, dass ihr das Suchen und vor allem Finden der deutschen Vokabeln Spaß macht. „Wenn man nicht spricht, lernt man auch nicht.“ Seit fünf Monaten belegt die gelernte Näherin und Friseurin einen Deutschkurs an der Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf an der Goethestraße.

Dort wie überall in der Stadt nahm die Anzahl der Deutschkurse in den vergangenen Jahren rapide zu – eine Reaktion auf die erhöhte Nachfrage. Nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung stieg die Anzahl der Deutschkurse zwischen 2008 und 2012 um mehr als ein Viertel, berlinweit nahmen 44.608 Menschen im Jahr 2012 teil. Am gefragtesten sind Kurse in Mitte und Neukölln: Allein in Mitte erhöhte sich die Zahl der Teilnehmer innerhalb von zwei Jahren von etwa 9700 auf mehr als 11.600 im Jahr 2012. Auch Steglitz-Zehlendorf verzeichnet eine vermehrte Nachfrage, 2012 lernte dort ein Drittel mehr Menschen Deutsch als noch zwei Jahre zuvor.

Jola Wozniak-Kreutzer erlebte diese Entwicklungen selbst mit. Seit 1990 unterrichtet sie Deutsch an der Volkshochschule in Steglitz-Zehlendorf. „Ich mag es sehr, mit Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten. Man erweitert seinen Horizont und sieht die Welt aus einer anderen Perspektive. Und der große Unterschied zur Schule ist: alle sind motiviert“, erzählt die ehemalige Gymnasiallehrerin, die in Polen Germanistik studierte.

Balbir Singh verbessert bei ihr seine Deutschkenntnisse. „Ich bin Rentner – frischgebacken“, verkündet er und freut sich über das treffende Adjektiv. Seit 36 Jahren lebt der Inder in Deutschland, war bisher aber nie auf Deutschkenntnisse angewiesen. „Seit 1978 arbeite ich bei der US-Botschaft“, erzählt der 65-Jährige. Er habe sich dort um die Technik gekümmert – und Englisch habe immer ausgereicht. Mit dem Umzug der Botschaft von Bonn nach Berlin 1999 kam auch er hierher. Warum er nun mit einem Deutschkurs angefangen habe? „Jetzt habe ich Zeit“, sagt er lachend. 200 Unterrichtsstunden absolvierte er bisher und findet das Deutsche, „außer der Grammatik“, eigentlich nicht schwer. Kein Wunder, Balbir Singh ist auch ein Sprachtalent. Panjabi, Urdu, Hindi und Englisch spricht er, das verschafft ihm Vorteile beim Erlernen einer neuen Fremdsprache.

Das geht nicht allen so. Für viele Volkshochschüler ist Deutsch ihre erste Fremdsprache. „Die Zielgruppe der Deutschkurse hat sich permanent verändert“, berichtet Jola Wozniak-Kreutzer. Früher seien die Teilnehmer vor allem aus Ländern gekommen, mit denen Deutschland bilaterale Abkommen hatte, wie die Türkei oder Marokko. Nach der Wende seien vermehrt Aussiedler aus Russland dazugekommen, in den letzten Jahren viele junge Akademiker aus Spanien oder Italien. „Diese neue Welle verändert die Kursdynamik stark“, so die Lehrerin. Die neuen, gut ausgebildeten Lerner verfügten meist über Englisch- und teilweise weitere Fremdsprachenkenntnisse. Sie versuchten oft, das Tempo im Kurs vorzugeben, seien besonders ehrgeizig. „Lerngewohnte Lerner“ nennt man sie im Volkshochschuldeutsch. Manchmal führe das zu Problemen zwischen den Teilnehmern. Da stoße schon mal südeuropäisches Temperament, Zuspätkommen oder ein als zu laut empfundenes „Hallo Chicas, wie geht’s?“ auf Unverständnis bei Lernenden aus China oder anderen asiatischen Ländern, „die eher reagieren als agieren und nur sprechen, wenn sie gefragt werden“, sagt die Kursleiterin. „Als Lehrer müssen wir da vermitteln und erklären, Konfliktkompetenz ist Teil unserer Ausbildung.“

Lernen für Alltag oder Heimat

Wozniak-Kreutzer selbst bildet an der Volkshochschule Mitte Kursleiter aus, für Deutsch als Fremd- und als Zweitsprache. In letzteren, im Fachjargon als „DaZ“ abgekürzten Kursen lernen die Schüler ein „handlungsorientiertes Deutsch“. Sie wenden sich an Menschen wie Selvije Arslan oder Balbir Singh, die in Deutschland leben und Sprachkenntnisse für ihren Alltag brauchen. Jeden Vormittag verbringen die beiden fünf Stunden im Seminarraum und trainieren Telefonate mit der Kindergärtnerin, Arztbesuche und Gespräche mit Behörden. Für die meisten DaZ-Teilnehmer ist Deutsch die erste Fremdsprache, die sie erlernen. „DaF“ hingegen – Deutsch als Fremdsprache – richtet sich an Personen, die vorübergehend in Deutschland sind und die Sprachkenntnisse eher in ihrem Heimatland brauchen, um sich dort beruflich weiterzuentwickeln, in der Tourismusbranche etwa. Ihr Ziel ist meist nicht, in Berlin zu leben.