Garten

Sehnsucht nach dem Duft von falschem Jasmin

Regina Köhler plant ihren Sommer im Garten auf dem Dorf

Unter dem alten Süßkirschbaum, der hinter unserer Scheune am Feldrand steht, blühen die Schneeglöckchen. Ein Zeichen dafür, dass es bald Frühling wird. Mich macht das kribbelig. Ich würde am liebsten das Laub von den Beeten harken und irgendetwas einpflanzen. Doch ich beherrsche mich. Im vergangenen Jahr hatten wir Ende März plötzlich Frost und Schnee. Das ging bis in die erste Aprilwoche. Viele Knospen, die sich bereits herausgewagt hatten, sind damals erfroren.

Zugegeben, ich hatte das alles längst vergessen. Der wunderbare Sommer hat wohl dafür gesorgt, dass mir das kalte Frühjahr nicht in Erinnerung blieb. Erst als ich kürzlich in meinen Aufzeichnungen kramte, las ich wieder vom Frost im April. Ich habe mir deshalb vorgenommen, dieses Mal nicht zu früh mit der Gartenarbeit zu beginnen. Wenn Zeit ist, sitze ich jetzt also lieber in der Sonne, warte ab und versuche mich daran zu erinnern, was ich mir im Herbst alles vorgenommen hatte in Sachen Garten.

Leider habe ich mir wieder nichts davon aufgeschrieben. Ein Rundgang durch Hof und Garten soll helfen. Als Erstes entdecke ich meine weiße Rose, eine Wildform, die im Juli zu blühen anfängt. Vor fünf Jahren hatte ich sie auf die Wiese hinters Haus gepflanzt, zusammen mit zwei anderen Rosen und einem Sommerflieder. Zunächst ist sie schnell gewachsen: Anderthalb Meter hoch und mehr als einen Meter breit ist sie geworden, bis plötzlich einige dicke Äste verdorrten. Inzwischen ist nur noch ein Viertel der Pflanze übrig.

Für mich ein Rätsel, da es der schönen Weißen weder an Wasser noch an Licht gefehlt hat. Die einzige Erklärung könnte ein Loch im Wurzelbereich sein, das ich letzten Sommer entdeckt habe. Wahrscheinlich von einer Wühlmaus gegraben. Die fressen ja gern die Wurzeln verschiedener Pflanzen. Ich bin unschlüssig. Soll ich eine neue Pflanze einsetzen oder einfach abwarten und hoffen, dass die Rose sich wieder berappelt? Und wie kriege ich die Wühlmaus aus dem Garten, wenn es denn eine ist?

Während ich darüber nachdenke, bleibt mein Blick an der Hecke hängen, die den Vorgarten zur Straße hin abgrenzt: Schneebeere, Flieder, Holunder und wilde Stachelbeere. Die Hecke ist riesig geworden, weil ich sie im vergangenen Jahr zu schneiden vergaß. Dafür hat endlich mal der Flieder geblüht. Ich wusste gar nicht, dass er so wunderbar weiß ist. Das hätte ich in diesem Frühjahr gerne wieder. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich mit der Schere ran muss, weil die Hecke sonst zwar weiter nach oben wächst, aber immer struppiger wird. Mir fällt der Lieblingsspruch meiner Mutter ein, die immer sagt, dass ein guter Gärtner unbedingt eine Schere haben muss und diese auch einsetzen sollte. Also runter mit der Hecke. Aber erst dann, wenn der Flieder verblüht ist, notiere ich in Gedanken.

Im Vorgarten ergeben sich noch andere Fragen. Wo wollte ich noch Phlox nachsetzen, im Buchsbaum-Rondell oder im Beet vor der Hecke? Außerdem fällt mir ein, dass ich Salbei nachpflanzen sollte. Eine große Pflanze ist mir im vergangenen Winter erfroren. Und der falsche Jasmin, kann ich den jetzt noch zurückschneiden? Auf seine Blüten kann ich nicht verzichten, kein Juni ohne diesen wild-süßen Duft, der den Garten meiner Kindheit prägte.

Plötzlich ist die Sehnsucht da nach den Gerüchen und den Farben von Frühling und Sommer, nach all den Blüten, die mein Garten wieder haben wird. Angefangen vom Tränenden Herz über Rosen und Frauenmantel bis hin zum Phlox, den Stockrosen und dem Gartenehrenpreis.

Bleibt zum Schluss eine wichtige Frage: Wie kann ich den Maulwurf überzeugen, wieder aus unserem Garten zu verschwinden? Jahrelang war er nur kurz zu Gast, bis er sich im vergangenen Winter häuslich niederließ, und das mit wachsender Begeisterung. Die große Wiese auf dem Hof hat er inzwischen fast vollständig umgepflügt.