Interview

„Jugendsprache ist besonders kreativ“

Kiezdeutsch hat einen schlechten Ruf. Sprachforscherin Heike Wiese sieht darin eine Bereicherung

Der Kinofilm „Fack ju Göhte“ ist mit aktuell über 6,5 Millionen Zuschauern ein Blockbuster – und sorgt wegen seiner drastischen Dialoge für viele Diskussionen bei Eltern, Lehrern und Jugendlichen. In der unkorrekten Komödie um einen kriminellen Aushilfslehrer, der schwer erziehbare Schüler zähmt, gehören Ausdrücke wie „Verpiss Dich“ oder „Schlampe“ noch zu den harmloseren. Wie Jugendsprache funktioniert, warum Kiezdeutsch ein kreativer Dialekt ist und sich Eltern mit ihren Kindern über Sprachgebrauch unterhalten sollten, erklärt die Germanistik-Professorin Heike Wiese. Mit der Sprachforscherin, die an der Universität Potsdam lehrt, sprach Andrea Huber.

Berliner Morgenpost:

Spiegelt der Film „Fack ju Göhte“ das aktuelle Schulhofdeutsch?

Heike Wiese:

Die Jugendlichen im Film sprechen immer im selben Stil, also immer nur eine bestimmte Art Deutsch. Das entspricht überhaupt nicht der Realität. Jugendliche reden untereinander ganz anders als mit mir, wieder anders mit ihren Eltern oder Lehrern. Weder für Eltern noch für Kinder dürfte der Film ein Schock sein, denn die Eltern wissen, dass ihre Kinder auch so sprechen können. Jugendsprache ist ja nichts Geheimes.

Verschieben Filme wie „Fack ju Göhte“ sprachliche Grenzen?

Kinder merken, dass der Film mit der Realität nichts zu tun hat, sie können das einordnen. Man darf zudem nicht vergessen, dass die Eltern zu ihren Schulzeiten auch eine eigene Sprache benutzt haben. Meine Generation hat beispielsweise durchgehend das Wort „Spast“ benutzt, ein schlimmer, verachtender Ausdruck – ich wusste damals gar nicht, was es bedeutet, bis meine Eltern mich darüber aufgeklärt haben.

Sprechen die Filmfiguren in „Fack ju Göhte“ Kiezdeutsch? Und was haben Kiezdeutsch und Jugendsprache miteinander zu tun?

Kiezdeutsch ist viel kreativer und reicher als das, was im Film zu hören ist. Das ist kein Vorwurf an den Film, der keine Reportage, sondern eine Komödie ist, in der die Macher überzeichnen müssen. Kiezdeutsch hat sicher einiges mit Jugendsprache zu tun, Jugendsprache ist immer besonders kreativ, sie ist der dynamischste Teil in jeder Sprache. Vieles, was im Kiezdeutschen passiert, insbesondere in puncto Wortschatz, ist jugendsprachlich. Anderes aber, besonders im Bereich der Grammatik, wird zum Teil auch von Älteren gesprochen, manches hört man auch schon von Kita-Kindern.

Der Film scheint das Vorurteil zu bestätigen, dass vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten Kiezdeutsch sprechen. Ist das haltbar?

Nein. Kiezdeutsch ist vor allem in Wohngebieten verbreitet, in denen eine große sprachliche Vielfalt herrscht. Ob die Kinder dann aus einem akademischen Haushalt kommen oder nicht, spielt weniger eine Rolle. Auch meine Kinder fangen langsam mit Kiezdeutsch an.

Wie stark ist der Einfluss des Türkischen auf die Kiezsprache?

Viel geringer, als ich zu Beginn meiner Forschungsarbeit dachte. Kiezdeutsch wird gesprochen, wenn sich Jugendliche beziehungsweise Menschen verschiedener Herkunft miteinander unterhalten. Da kommen ein paar türkische Begriffe rein, was aber nicht erstaunlich ist. An manchen Stellen finden sich auch Elemente der türkischen Grammatik, das aber sehr selten. Die meisten Entwicklungen in Kiezdeutsch finden wir auch in anderen Bereichen des Deutschen, wenn auch dort oft noch nicht so systematisch. Ein Muster aus dem Türkischen ist die „M-Doppelung“: „Gib mal Cola Mola!“ Das bedeutet „Cola usw.“.

Ist Kiezdeutsch also ein eigener Dialekt, vergleichbar dem Schwäbischen oder Bayerischen?

Ja. Kiezdeutsch ist deutscher Dialekt. Im Vergleich zu anderen Dialekten bekommt Kiezdeutsch eine stärkere Dynamik dadurch, dass viele Sprecher mehrsprachig sind. Diese sind offener für sprachliche Vielfalt und Variation, und daher entwickelt sich mehr.

Warum neigt die Kiezsprache/Jugendsprache zum Obszönen, Derben, wie es der Film suggeriert?

Die Kiezsprache neigt nicht dazu. Im Kiezdeutschen kann man auch Liebeserklärungen machen, Komplimente – dafür haben wir zum Beispiel auf Spielplätzen viele Belege gefunden. Das ist keine Sprache, die inhaltlich auf den Bereich Aggression begrenzt ist.

Aber gibt es bei Jugendlichen nicht den Wunsch, Erwachsene durch Kraftausdrücke zu provozieren?

Nicht nur. Für Jugendsprache typisch ist eine Ausweitung von bewertenden Ausdrücken, doch das geht in zwei Richtungen. Es gibt negative Ausdrücke – wie „Spast“ in meiner Generation – aber eben auch positive Ausdrücke wie „geil“.

Wollen und müssen sich junge Menschen nicht sprachlich von den Erwachsenen abgrenzen?

Jugendlichen ist es vor allem wichtig, in ihrer Peergroup akzeptiert zu sein – was andere Jugendliche von ihnen halten, ist ihnen wichtiger als das Urteil ihrer Eltern. Jugendsprache benutze ich erst einmal, um dazuzugehören, Abgrenzung ist nicht die vorrangige Motivation.

Gibt es eigentlich große Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Eher weniger. Ein Unterschied wurde in einem Schülerprojekt deutlich, das wir zur Zeit an Kreuzberger Schulen unterstützen. Wir helfen hier Schülern, eigene sprachwissenschaftliche Projekte durchzuführen. Dabei hat eine Gruppe untersucht, wie Jungen und Mädchen in Whatsapp-Nachrichten schreiben. Sie haben gefunden, dass die Jungen untereinander viel freundlicher waren, während die Mädchen in ihren Nachrichten mehr Schimpfwörter benutzen, auch wenn sie nicht ernst gemeint waren. Das widerspricht dem Klischee. Die Jungs sprechen sich an mit „mein Bruder, mein Lieber“ und die Mädchen schrieben: „Na du Schlampe, wo warst du denn gestern?“

Sollten Eltern nach den Kinobesuch mit ihren Kindern über die „Fack ju“-Sprache reden? Oder würden Sie Entwarnung geben?

Was diesen Film betrifft, würde ich sagen: Entwarnung. Ich finde aber, Eltern sollten immer mit Ihren Kindern über Sprachgebrauch reden, das ist spannend und faszinierend. Und die Eltern können dabei viel von ihren Kindern lernen. Das geht mir mit meinen Töchtern selbst oft so.