Morgenpost vor Ort

Vorsicht, herabstürzende Fassade

Der Unterricht läuft noch, als völlig unerwartet Bauarbeiter vor die Elisabeth-Christinen-Grundschule (ECG) an der Lindenberger Straße fahren. Ihre Ladung: geschätzte 40 Meter Bauzaun.

Binnen kürzester Zeit errichten die Männer vor der Fassade des Schulgebäudes auf dem Schulhof den Bauzaun. So muss es sich vor zwei Tagen auf dem Grundstück der Schule in Pankow abgespielt haben. Die Eltern wurden nicht informiert, doch bestand anscheinend die Gefahr, dass Fenster oder Fassadenteile herunterstürzen und Schüler verletzen könnten. Daher war wohl diese Eile geboten. Seitdem steht der Bauzaun auf dem Schulgrundstück.

Oliver Görs, Vorsitzender der Gesamtelternvertretung (GEV), war völlig überrascht von dem Bauzaun. „Am Freitagnachmittag habe ich einen Anruf erhalten“, sagt er, „ich soll schnell in die Schule kommen.“ Als Vorsitzender der GEV habe er keine Informationen bekommen. „Weder wurde ich von der Schulleitung in Kenntnis gesetzt, noch vom Bezirksamt.“ Der Vorsitzende des Fördervereins der Schule hegt den Verdacht, dass die Fenster locker sind und drohen, in die Tiefe zu stürzen. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost konnte die zuständige Schulstadträtin aus Pankow, Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), am Sonnabend nichts zu der Errichtung des Bauzauns sagen. Sie sei über diese Maßnahme nicht informiert, werde sich aber am Montag sofort darum kümmern. „Lieber einmal mehr eine Vorsichtsmaßnahme, als dass jemand zu Schaden kommt“, sagt die Schulstadträtin.

Schulsanierung in Gefahr

Die ECG befindet sich seit ungefähr zehn Jahren im Sanierungsstau, seitdem werde nichts unternommen, um die Bausubstanz zu erhalten, sagt Görs. Seit 2004 werde nichts gemacht, da man ja offiziell in ein anderes Schulgebäude umziehen werde. „Anfangs wurde immer noch von Sanierung gesprochen, Jahre später sagte man uns, die Schule würde in ein zu sanierendes Schulgebäude an der Buchholzstraße umziehen.“ Nun würde es beim zuständigen Bezirksamt immer nur heißen, saniert werde nicht mehr, da ja der Umzug geplant sei. „An dem Altbau, in den wir ziehen sollen, wurde noch nicht einmal mit den Arbeiten begonnen.“ Aktuell hieß es, die Schule könne 2016/2017 umziehen. Daran wird aber mit Blick auf die Personalsituation in Pankow mittlerweile auch gezweifelt. Nach Angaben des GEV-Vorsitzenden gibt es für 69 Schulen in Pankow nur vier Bauleiter. „Alle Eltern haben Angst, dass die Pläne wieder nicht umgesetzt werden“, sagt Görs. „Und das, obwohl sie beschlossen sind.“

Geschildert wurde der jüngste Vorfall in Sachen Schulsanierung, der sich am vergangenen Freitag in Pankow zugetragen hatte. Auch an vielen anderen Bildungseinrichtungen besteht dringender Sanierungsbedarf. Die Betroffenen wollen das nicht länger hinnehmen. Heftig wird inzwischen darüber diskutiert, wer verantwortlich ist an dieser Misere und was man dagegen tun kann. Mit ihrem sechsten Leserforum wird sich die Berliner Morgenpost dieses Themas annehmen. Unter dem Motto „Sanierungsfall Schule – was muss sich ändern“ wollen Politiker, Eltern und Schüler am 3. März darüber reden, was geschehen muss.

Seit langem beklagen Schüler, Lehrer und Eltern an vielen Berliner Schulen undichte Dächer, kaputte Fenster und bröckelnden Putz. Hinzu kommt ein Reinigungsproblem. Klassenzimmer und Toiletten werden oft tagelang nicht oder nur unzureichend gesäubert. In den sanitären Anlagen stinkt es, die Waschbecken sind verdreckt, die Kloschüsseln nicht gereinigt. An Wasserhähnen und Fliesen macht sich Schimmel breit. An einigen Schulen gehen die Schüler deshalb kaum noch auf die Toiletten.

Auf dem Leserforum ist der bauliche Zustand der Berliner Schulen das große Thema. Dabei wird es um Möglichkeiten und Engpässe bei anstehenden Sanierungen gehen, aber auch um die Frage der Sauberkeit in den Schulgebäuden und die Probleme bei der Vergabe von Reinigungsaufträgen.

Laut einer aktuellen Vorlage der Bildungsverwaltung für das Abgeordnetenhaus liegt der Sanierungsstau bei den Schulen in bezirklicher Trägerschaft bei 864 Millionen Euro. Das Land will in den kommenden Jahren zwar etwa 580 Millionen Euro für Sanierung und Neubau von Schulen ausgeben. Ein großer Teil des Geldes muss allerdings in die Schaffung neuer Schulplätze investiert werden, da die Schülerzahlen steigen. Bis 2015 sind allein 25,7 Millionen Euro für ein Containerprogramm eingeplant, um auf diese Weise dringend nötige Schulplätze zu schaffen. Zuständig für die Sanierung der Schulen sind die Bezirke. Die Bezirkspolitiker müssen also entscheiden, wo das vorhandene Geld investiert wird, welche Schule saniert wird und welche nicht. Zwei Bildungsstadträte werden über ihre Arbeit berichten. Außerdem wird darüber diskutiert werden, wie Eltern oder andere Gruppen bei Renovierungen der Schulen helfen können. Und was Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) tun kann.