Die Berlinbauer

Zwischen Madrid und Kreuzberg

Die Berliner Morgenpost stellt in einer Porträtserie sonntags Star-Architekten vor. Heute: Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano. Sie planen in ihrem Berliner Büro Bauten für die ganze Welt. Sobejano lehrt an der Universität der Künste

Dunkler Anzug, weißes Hemd. Äußerlich trifft Enrique Sobejano ins Schwarze. Das Outfit des Architekten entspricht dem typischen Dresscode der Planer. Äußerlich. Ansonsten passt der Mitbegründer des Büros „Nieto Sobejano Arquitectos“ genauso wenig wie seine Frau und Kollegin Fuensanta Nieto in eine Schublade. Weder mit ihrer Architektur noch mit ihrer Persönlichkeit. Die beiden Spanier stehen für eigenwillige Bauten, zu denen Superlative wie „außergewöhnlich“ passen, die aber nichts mit Effekthascherei zu tun haben. Zumal Nieto und Sobejano oft Bestehendes auf moderne Art für die Zukunft weiterentwickeln – insbesondere bei Kulturbauten. Beispielsweise mit der Erweiterung der Moritzburg in Halle, ihrem Museums- und Forschungszentrum in der historischen Ruinenstadt Madinat al-Zahra in Córdoba oder dem Museum San Telmo in San Sebastian.

Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto stehen an erster Stelle der Rankings internationaler Architekturbüros. Spätestens seit ihrer Auszeichnung im Jahr 2010 mit dem weltweit renommierten und höchst dotierten Aga-Khan-Preis (500.000 US-Dollar) für „Madinat al-Zahra“ bei Córdoba zählen sie zu den innovativsten europäischen Architekten. Die Planer mit ganz eigener skulpturaler Formensprache sind sehr erfolgreich – und zugleich bodenständig geblieben. Der 56-jährige Architekt und Professor Sobejano wirkt jedenfalls beim Gespräch in der Universität der Künste (UdK) unkompliziert und offen. Dass der in Berlin lehrende Spanier gerade von seinem Seminar kommt und in einer Stunde schon wieder der nächste Termin ansteht, lässt Sobejano sein Gegenüber nicht spüren. Sobejano ist gelassen, ja, fast schon unerwartet hanseatisch nüchtern, ruhig und äußerst konzentriert.

Ebenso entspannt, dafür aber spürbar temperamentvoller wirkt Sobejanos Frau Fuensanta Nieto. Die 56-Jährige lässt mit ihrer herzlich-lebhaften Art beim Telefoninterview einige Tage nach dem Treffen mit ihrem Mann die räumliche Distanz von etwa 1800 Kilometer Luftlinie von Berlin nach Madrid schnell vergessen. Fast hat man das Gefühl, man sitzt sich persönlich gegenüber und kennt sich schon.

Das geplante gemeinsame Gespräch mit beiden in ihrem Büro an der Schlesischen Straße in Kreuzberg hat leider nicht geklappt. Frau Nieto bekam keinen Flieger mehr, entschuldigt sie sich am Telefon nachträglich. Am Tag nach dem vereinbarten Treffen flog sie zwar nach Berlin, doch dort bot der volle Terminkalender gerade mal Platz für ein kurzes Shooting mit dem Fotografen. Nieto und Sobejano präsentieren sich vor ihrem Entwurf für die neue Deutschlandhalle. Der eigenwillig gefächerte Baukörper, der an eine Ziehharmonika erinnert, hatte bei dem Berliner Wettbewerb 2010 allerdings keinen Erfolg. Die Jury entschied sich für eine eher brave Variante, den City-Cube, ein rein funktionaler, zurückhaltender Bau, der voraussichtlich Ende April eröffnet wird.

„Berlin fehlt der Mut für herausragende Bauten“, kommentierte der Berliner Architekten und Ingenieurverband (AIV) damals die umstrittene Entscheidung für den City-Cube. Genau diese Mutlosigkeit beklagen auch Nieto und Sobejano, die mit ihren Entwürfen international Aufsehen erregen, in Berlin bislang aber noch nicht punkten konnten. „Wir haben bei Wettbewerben viel Glück in anderen Städten, bauen jetzt aktuell auch in München, aber leider nicht in Berlin“, sagt Enrique Sobejano. An seiner Liebe zu Berlin ändert das offenbar nichts. „Berlin ist die richtige Stadt für uns“, sagt Sobejano. So, wie er das sagt, ist da ganz offensichtlich kein Platz für irgendeinen Zweifel.

Seit 2008 unterrichtet Sobejano als Professor des Lehrstuhls für Experimentelles Gestalten und Grundlagen des Entwerfens an der UdK in Berlin Studienanfänger und Masterabsolventen. Genauso lange, mehr als fünf Jahre, führen Nieto und Sobejano auch ein Büro an der Spree. Möglicherweise wird es bald auch der Hauptsitz der Planer aus Madrid, wo Fuensanta Nieto als Professorin an der „Universidad Europea de Madrid“ unterrichtet. Die Architekten verbindet aber nicht nur ihr Büro in Kreuzberg mit Berlin. Ihr Sohn hat hier zwei Jahre Architektur studiert, ihre Tochter besucht in Berlin eine private Schule für Visuelle Kommunikation, und: das Paar hat sich vergangenes Jahr ein Dachgeschoss in Charlottenburg gekauft. „Wir werden jetzt öfter hier sein“, sagt Sobejano.

„Natürlich würden wir gern in Berlin bauen“, sagt auch Fuensanta Nieto und sie fügt noch hinzu: „Es gibt hier einen Widerspruch“. Die Stadt selbst sei sehr innovativ, kulturell und sozial progressiv, die aktuelle Architektur dagegen meist sehr konservativ, sind beide sich einig. Dabei sei gerade in Berlin in der jüngsten Vergangenheit so viel Neues entstanden. „Denken Sie doch nur an die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe oder an all die Bauwerke von Hans Scharoun“, sagt Frau Nieto. Scharouns Philharmonie war einer der Bauten, die die damals jungen Architekten Nieto und Sobejano bei ihrem ersten Besuch in Berlin 1985 nachhaltig beeindruckten. Beeindruckt in einem ganz anderen Sinn waren die Planer damals auch vom geteilten Berlin. „Die Mauer hat mich sehr schockiert“, erinnert sich Sobejano heute an seine Eindrücke der ersten Reise nach Berlin.

„Reisen zieht sich durch mein Leben“, sagt Sobejano, der in Madrid eine deutsche Schule besuchte und schon im Alter von 15 Jahren begann, die Welt außerhalb Spaniens zu entdecken. Heute sind seine Reisen meist mit der Architektur, mit seinen Studenten, aber auch mit der Familie verbunden.

Auch als die beiden jungen Architekten von 1986 bis 1991 Leiter des in Spanien angesehenen Magazins „Arquitectos“ in Madrid waren, bereisten sie architektonisch interessante Metropolen. „Das war für uns eine sehr wichtige Zeit, wir sind durch die ganze Welt gereist, haben uns die jeweilige Architektur angesehen und darüber geschrieben“. Nieto und Sobejano begegneten und interviewten international renommierte Kollegen wie James Stirling, Peter Eisenman oder Frank Gehry. „Das alles war eine wichtige und gute Schule für uns“, resümiert Sobejano heute.

Wie sie ein Paar wurden, „ist eine lustige Geschichte“, sagt Sobejano. Obwohl sie sich bereits aus der Schulzeit in Madrid vom Sehen her kannten, kamen sie sich erst in New York näher. Dort studierten sie an der renommierten Columbia University. „Da hat 1981 alles angefangen“, erzählt Fuensanta Nieto. Für ein Referat über den spanischen Architekten Moneo beauftragte ein Professor die beiden Aufbaustudenten aus Madrid. „Ihr beide seid Spanier, ihr macht das gemeinsam“, hieß es. Gesagt, getan, gefunkt. Knapp 33 Jahre sind die Planer schon ein Paar. Die Mischung aus privater und beruflicher Beziehung scheint offenbar recht produktiv. „Mein Mann hat sehr klare Vorstellungen und erkennt schnell die Probleme, die es zu lösen gilt“, beschreibt Fuensanta Nieto die Stärken Enrique Sobejanos. Auf ihre eigenen Stärken angesprochen, ist sie zögerlicher. „Das kann ich schwer sagen, ich denke, es gelingt mir ganz gut, die Umgebung mit einzubeziehen“, antwortet Nieto. Das Arbeiten in zwei so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland und Spanien hat Folgen. Enrique Sobejano: „In Madrid fordern wir unsere Mitarbeiter oft auf, seid mehr deutsch, um Dinge besser zu organisieren. In Berlin sagen wir oft, seid spanischer – etwas offener und lockerer.“

Lesen Sie am nächsten Sonntag: Der Österreicher Bernhard Schönherr