Berliner helfen

„Eine andere Perspektive auf die Welt“

Beim Circus Sonnenstich trainieren Kinder und junge Menschen mit Down-Syndrom - Artistik und Akrobatik geben ihnen Selbstvertrauen

Linda, 20, strahlt, während sie mit ihren kleinen Füßen auf der großen Laufkugel trippelt. Es macht ihr sichtlich Spaß. Max, 16, guckt ganz ernsthaft und konzentriert auf sein Diabolo. Er ist ein Könner, wirbelt mit den Stöcken die Halbkugeln an Seilen umher. Faris, 18, läuft auf großen, schwarzen Stelzen durch die Turnhalle. Er hat den Überblick und genießt es. Es ist Dienstagnachmittag, Trainingszeit für die Nachwuchsartisten des Circus Sonnenstich. Ihr Trainingsort ist die Turnhalle der Helene-Haeusler-Schule an der Mendelssohnstraße in Mitte. 18 junge Leute sind es, die mit Hingabe bei der Sache sind. Sie kommen aus allen Teilen Berlins. Viele von ihnen haben ein Down-Syndrom. Einige ein anderes Handicap. Mit dabei auch Albrecht, ein zwölfjähriger, sehr begabter Schüler. Ohne Behinderung. Er hatte ein Schulpraktikum zum Thema „Soziale Verantwortung“ in der Zirkusgruppe absolviert und ist dabei geblieben, weil es ihm so viel Spaß macht.

Vor mehr als 16 Jahren gründete Michael Pigl-Andrees den Circus Sonnenstich. Derzeit sind fast 50 junge Behinderte dabei, im Alter zwischen sieben Jahren bis Ende 20. Es gibt das Team der 17 ausgebildeten Artisten, die ihr Fach beherrschen und mit ihrem Programm auftreten. Fast alle haben ein Downsyndrom. Seit etwa zwei Jahren probt die Nachwuchsgruppe mit Linda, Max, Faris und den anderen. Erst im Herbst 2012 wurde die Kindergruppe gegründet, in der jetzt zwölf Mädchen und Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren spielerisch an Akrobatik und Artistik herangeführt werden. Die Dachorganisation, zu der der Circus Sonnenstich gehört, ist das Zentrum für bewegte Kunst. Das Zentrum bietet auch inklusive Zirkus-Werkstätten an. Der 46-Jährige Michael Pigl-Andrees ist Sozialpädagoge. Er hatte eine Klasse an einer Schauspielschule absolviert und jahrlang bei professionellen Artisten Unterricht genommen. Er schwärmt von seinen Schützlingen im Circus Sonnenstich. „Es sind tolle Persönlichkeiten.“

Die individuelle Förderung sei wichtig, sagt er. Jeder Jugendliche habe einen anderen Zugang zu Laufkugel, Diabolo, Jonglage oder Trapez. „Einige sind kraftvoll und selbstbewusst, andere sind vorsichtig, schüchtern und haben wenig Zutrauen zu sich selbst.“ Jeder habe andere Stärken und Schwächen. Um sie herauszufinden, ist intensive Betreuung wichtig. Deshalb sind fünf Trainer am Dienstagnachmittag dabei. Sie helfen, Ängste abzubauen und Blockaden zu lösen. Im Betreuer-Team ist auch Anna-Katharina Andrees, Schauspielerin, Theater- und Tanzpädagogin, die als Projektleiterin Programme und Workshops für den Circus Sonnenstich entwickelt.

Max, der seine Diabolo-Nummer schon bei einer Gala im Berliner Varieté-Theater „Chamäleon“ gezeigt hat, übt an diesem Nachmittag die Balance auf dem Rollbrett, dem Rola-Bola. Linda, die Künstlerin auf der Laufkugel, hängt am Trapez. Die junge Frau aus Falkensee ist seit zwei Jahren beim Circus Sonnenstich. Angefangen hat sie dort, wie alle anderen, mit dem Stelzenlauf. „Auf Stelzen haben die Jugendlichen eine andere Perspektive auf die Welt“, sagt Michael Pigl-Andrees. „Dann sind sie größer als andere, auch größer als ihre Helfer und ihre Lehrer. Das stärkt das Selbstbewusstsein.“ Faris, erzählt der Sozialpädagoge, sei erst seit einem halben Jahr dabei. „Er spricht mehr, seitdem er im Zirkus ist.“ Anfangs habe er es kaum in der Vorstellungsrunde ausgehalten, mit der jedes Training beginnt. „Weil er nicht gut sprechen konnte. Aber jetzt ist Faris ganz aufmerksam dabei und bemüht sich, von sich zu erzählen.“ Das Laufen auf Stelzen ist der Auftakt, wenn jemand neu in die Gruppe kommt. Danach lernt er die Balancetechniken kennen, auf der Laufkugel und auf dem Rollbrett. „Um in seine Mitte zu finden, und zu sich selbst zu kommen.“ Und schließlich folgt die Akrobatik. Linda habe anfangs Angst gehabt vor dem Stelzenlauf, erzählt Michael Pigl-Andrees. „Jetzt macht sie es supergut.“

Etwas ganz Wichtiges lernen die behinderten Jugendlichen im Circus Sonnenstich: Hilfe ist nicht nur eine soziale Dienstleistung, die sie bekommen, weil sie schwächer sind als Menschen ohne Behinderung. Hilfe in der Akrobatik ist etwas technisch Notwendiges. Deshalb lernen die Nachwuchsakrobaten im Circus Sonennstich, sich gegenseitig zu helfen, auf der Laufkugel, an den Stelzen, am Trapez. Auch die Nachwuchsgruppe des Circus Sonnenstich mit Max, Linda und Fris soll zum Ensemble werden, das auftreten kann. „Aber dafür ist weit mehr nötig als ein Training, das einmal in der Woche stattfindet“, sagt Michael Pigl-Andrees. Doch dafür fehlt noch die Finanzierung.