Nachwuchs

Die Düsentriebs von morgen

Beim Wettbewerb „Jugend forscht“ gibt es in diesem Jahr so viele Teilnehmer wie nie zuvor. Ein Besuch bei Berliner Gewinnern

„Wieso, weshalb warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ Diesen Sesamstraßen-Slogan haben sich Mareike und ihre Freundin Julia schon als kleine Mädchen zu eigen gemacht und ihre Eltern gelöchert. Dass dieses Interesse für Technik und Naturwissenschaft irgendwann einmal beim Wettbewerb „Jugend forscht“ landete, war da nur konsequent. Mareike (15) und Julia (16) von der Georg-Büchner-Oberschule in Lichterfelde haben sich mit der Frage befasst: Sind Lebensmittel belastet? Dafür untersuchten sie Bodenproben auf Radioaktivität. Anlässlich der Atomkatastrophe von Fukushima wollten sie wissen, ob auch der Tschernobyl-Gau immer noch Spuren hinterlässt. Die Proben sammelten sie selbst und Freunde in ganz Europa. In vielen wiesen sie Cäsium 137 nach, das nur bei Kernspaltungsprozessen entsteht. Für ihre Arbeit erhielten sie den ersten Preis im Fachgebiet Physik.

173 Arbeiten eingereicht

Mareike und Julia gehören zu den 325 Teilnehmern, die in diesem Jahr bei den drei Regionalwettbewerben von „Jugend forscht“ in Berlin angetreten sind und insgesamt 173 Arbeiten eingereicht haben. Ursprünglich hatten sich sogar 467 Schüler und Studenten angemeldet, das ist gegenüber dem Vorjahr ein Zuwachs von 56 Prozent. Erfahrungsgemäß reichen aber einige Jugendliche dann doch keine Arbeit ein. Im Bundesschnitt liegt die Steigerungsrate bei 7,8 Prozent und hat in diesem Jahr zu einer Rekordbeteiligung von 12.000 Anmeldungen deutschlandweit geführt. Dass gerade in Berlin so viel mehr Jugendliche dabei sind, erklärt Wettbewerbsleiter Ralph Ballier vor allem mit dem gewachsenen Engagement von Schulen im Bereich Naturwissenschaften. Im August 2013 eröffnete das Schülerforschungszentrum Berlin, das an die Lise-Meitner-Schule in Neukölln angeschlossen ist und schon im ersten Jahr 14 Arbeiten für den Wettbewerb begleitet hat. Außerdem gab es im vergangenen Jahr spezielle Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer.

Das war nötig, erklärt Ballier, weil die Qualität der Arbeiten in der Vergangenheit nicht immer gut genug war. Vor zwei Jahren hatte die Jury beim Landeswettbewerb keine ersten Plätze vergeben. Damit war Berlin beim Bundeswettbewerb erstmals nicht vertreten, denn nur die Landessieger werden zum Bundesfinale entsandt. „Alle standen damals unter Schock und sahen, dass sich dringend etwas ändern muss“, erzählt Ralph Ballier. Im vergangenen Jahr fiel die Bilanz deutlich positiver aus: Ein erster Platz und zwei dritte Plätze gingen an Berlin. Außerdem wurde das Romain-Rolland-Gymnasium als „Jugend forscht Schule 2013“ ausgezeichnet. Auch diese Erfolge haben einen Motivationsschub ausgelöst und für eine höhere Beteiligung beim Wettbewerb gesorgt.

Zum ersten Mal dabei sind Steven Förster und Sebastian Schneider mit ihrer Arbeit „Rock & Roll“. Die 21-Jährigen, die beide ein Oberstufenzentrum besuchen und kurz vor dem Abitur stehen, haben einen autonomen Rover gebaut, eine Art „Drohne, nur am Boden“, erklärt Steven. Für dessen Steuerung entwickelten sie eine Software, mit deren Hilfe der Rover über GPS-Signale Wegpunkte abfahren kann. Ein kompliziertes Gefährt, das sie wochenlang zusammenschraubten und programmierten. „In den letzten Tagen wurde es eng, da gab es nur drei Stunden Schlaf“, erzählt Steven mit Augenringen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt: Im Bereich Technik errangen sie den ersten Preis, eine Auszeichnung, die ihnen bei der Stellensuche demnächst helfen kann.

50 Jahre Wettbewerb

Bei „Jugend forscht“ reichen Jugendliche zunächst ihre Arbeiten für den Regionalwettbewerb ein. Mit Biologie, Chemie, Mathe, Physik, Technik, Arbeitswelt sowie Geo- und Raumwissenschaften gibt es insgesamt sieben Fachgebiete, in denen jeweils eine Arbeit den ersten Preis bekommt. Die Regionalsieger treten dann beim Landeswettbewerb gegeneinander an, und die dortigen Gewinner werden zum Bundesfinale geschickt. Der Wettbewerb findet in zwei Alterssparten statt: „Jugend forscht“ für die 15- bis 21-Jährigen und „Schüler experimentieren“ für Kinder ab der vierten Klasse. Die Junioren treten aber normalerweise nur im Regionalwettbewerb an.

Der elfjährige Jeremias ist einer der 190 Teilnehmer von „Schüler experimentieren“. Für seine Arbeit „Wachsen Pflanzen in der Disco?“ hat er Kresse gezüchtet und beobachtet, wie sie unter verschiedenen Lichtverhältnissen gedeiht. Der Fünftklässler von der Ritterfeld-Grundschule in Spandau richtete LED-Leuchten mit verschiedenen Wellenlängen auf die Kressepflanzen.

Die Jury war vom Forschergeist des Jungen so überzeugt, dass er bei den Junioren den ersten Preis in Biologie erhielt. Und Jeremias ist sich sicher, dass er im kommenden Jahr wieder dabei sein wird. Auch Wettbewerbsleiter Ralph Ballier hofft, dass Berliner Jugendliche 2015 wieder ähnlich viele und ebenso qualitativ hochwertige Arbeiten wie in diesem Jahr einreichen werden. Immerhin feiert der 1965 vom Publizisten und Verleger Henri Nannen gegründete Wettbewerb „Jugend forscht“ dann sein 50-jähriges Bestehen.