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Einer grenzt sich aus

Der Veranstalter des Christopher Street Days will Strafanzeige gegen den Bezirk Mitte stellen. Politiker und Schwulenverbände üben Kritik

Robert Kastl kämpft nicht gegen alle, aber gegen ziemlich viele. Alle Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus hat er gegen sich, im Bezirksamt Mitte schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen, wenn der Name Kastl fällt, und ein Großteil der schwulen und lesbischen Community in Berlin steht dem Treiben Kastls skeptisch gegenüber. Aber das prallt am Geschäftsführer des CSD e. V., dem Organisator des jährlichen Christopher Street Days, ab. Im Gegenteil: Am Mittwoch holte er zum Gegenschlag aus. Drei Strafanzeigen sind auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft, er verspricht nicht weniger als die Aufdeckung eines Gebührenskandals, eines Umweltskandals und mehrerer Akte von Behördenwillkür. Und über allen diesen Dingen steht der Verdacht der Homophobie.

Fußball-Weltmeisterschaft geht vor

Im Zentrum der Kritik der CSD-Macher steht das Bezirksamt Mitte. Jedes Jahr ringt der Bezirk zusammen mit den Veranstaltern um die Route für den Umzug der Schwulen-Demonstration. Dabei gilt es, die Termine mit den Organisatoren der Fanmeile zu Europa- und Weltmeisterschaften, der Fashion Week und anderer Veranstaltungen, die auf die Straße des 17. Juni und das Brandenburger Tor drängen, abzustimmen. Kastl fühlt sich vom Bezirk benachteiligt und sogar betrogen. In monatelangen Recherchen hat der Verein die Abrechnungen anderer Veranstaltungen eingesehen und wittert Willkür. Während den Organisatoren der Fanmeile und der Fashion Week großzügige Rabatte eingeräumt würden, würde der CSD voll zur Kasse gebeten, kritisiert Kastl. Insgesamt habe das Land Berlin seinen bevorzugten Veranstaltern 650.000 Euro zu wenig für die Durchführung der Veranstaltungen am Brandenburger Tor berechnet. Obwohl der Verein das Abgeordnetenhaus und den Regierenden Bürgermeister darüber informiert habe, sei nichts geschehen. Deshalb stelle der Verein Strafanzeige gegen das Bezirksamt, kündigte Kastl am Mittwoch an.

Der derart scharf kritisierte Baustadtrat des Bezirks Mitte, Carsten Spallek (CDU), weist die Kritik ebenso detailreich, wie die Vorwürfe erhoben wurden, zurück. Die Angriffe seien teilweise falsch oder „nicht nachvollziehbar“, erklärte Spallek am Mittwoch und verwies gleichzeitig auf das vom Bezirk eingeleitete Widerspruchsverfahren.

Auch in diesem Jahr gibt es Ärger um den CSD-Umzug. Die Veranstalter wollen die Parade am 21. Juni stattfinden lassen, an diesem Tag findet jedoch das Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien gegen Ghana statt. Der Bezirk räumt der Fanmeile an diesem Tag eine höhere Priorität ein als dem Umzug und sucht nach einer alternativen Route. Das bewertet der CSD als willkürliche Schlechterstellung und „offen zur Schau gestellte Homophobie“.

Hinter dem Streit über die Gebühren steht ein weiterer, grundsätzlicher Konflikt. Der CSD-Verein hat beschlossen, den traditionellen Umzug nicht mehr Christopher Street Day zu nennen, sondern „Stonewall“. Als Grund gibt der Verein an, künftig politischer agieren zu wollen. Das hat viele schwule Aktivisten irritiert, weil nur wenige Menschen, darunter Kastl, darüber entschieden haben. Üblich sei es, derart weitreichende Veränderungen in der Szene zu diskutieren und gemeinsam zu beschließen. Die Umbenennung hat einen weiteren Grund: Während der Begriff Christopher Street Day mittlerweile in Deutschland eingeführt, allgemein gebräuchlich und daher nicht patentrechtlich zu schützen ist, ist das bei Stonewall nicht der Fall. Passend dazu hat Kastl sich den Begriff Stonewall schützen lassen. Kritiker befürchten, dass er künftig mit den Markenrechten Kasse machen möchte und so der Veranstaltung langfristig Schaden zufügt.

Der Unmut in der homosexuellen Community ist groß. Das zeigte sich auch auf dem CSD-Forum am Mittwochabend im DGB-Haus in Charlottenburg. Das Publikum scheint in zwei Lager geteilt. Durch den Streit mit dem Bezirksamt Mitte sei viel Porzellan zerschlagen worden, kritisierte ein Teil der Anwesenden. Die Auseinandersetzung mit den Politikern hätte mit dem Forum abgestimmt werden müssen, hieß es. Zudem wurde eine Urabstimmung zur Namensänderung der Veranstaltung gefordert.

Der Christopher Street Day geht auf die erste Demonstration von Homosexuellen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in New York im Jahr 1969 zurück. Die Demonstration nahm ihren Ausgang in der Bar „Stonewall Inn“, die in der Christopher Street lag. Während der Jahrestag weltweit eher unter dem Namen Stonewall bekannt wurde, wird in Deutschland der Name Christopher Street Day benutzt. Kritiker wittern hinter der Umbenennung daher wirtschaftliches Kalkül. Künftig kann der Verein Gebühren für die Nutzung des Begriffs Stonewall in Deutschland verlangen. Schon jetzt ist mindestens eine Abmahnung bekannt, die gegen die Nutzung des Begriffs bei Facebook gestellt wurde.

„Verhärtete Fronten“

Im Abgeordnetenhaus wird das rigide Verhalten kritisiert. „Das Verhalten des Vereins hat zu verhärteten Fronten geführt“, sagt der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU, Stefan Evers. „Mit seinem Verhalten setzt er den gesellschaftlichen Konsens für den CSD aufs Spiel.“ Ähnlich äußert sich die SPD. „Es ist fragwürdig, wenn der CSD rechtlich gegen seinen Kooperationspartner, den Bezirk, vorgeht“, sagt der Gleichstellungsexperte Tom Schreiber. „Das zeigt die Inkompetenz der Entscheider.“

Die Kritik hat nun auch die beiden Politiker ins Visier des Vereins gebracht. Am Mittwoch zeigte Kastl ein Foto mit den aus seiner Sicht größten „Mauschelpolitikern“: Darauf zu sehen waren Spallek, Schreiber, Evers und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Die drei Landespolitiker seien „Mitwisser“ der Behördenwillkür in Mitte, weil sie nichts gegen das Treiben Spalleks unternommen hätten. Das sehen die Politiker als Bestätigung für ihre Kritik an Kastl. Schreiber und Evers fordern einen Personalwechsel an der Vereinsspitze, sollte sich Kastl nicht wieder mäßigen.