Projekt

Auf ein paar Bahnen in der Spree

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Constanze Nauhaus

Verein will den Kanal am Lustgarten in ein großes Schwimmbad verwandeln. Förderung aus Lottomitteln beantragt

Vor dem Lustgarten in Mitte könnten bald Schwimmer in die Spree springen. Die Idee eines Flussbades im Spreekanal wird zunehmend konkreter. Der Verein Flussbad Berlin will das Projekt umsetzen und hat mittlerweile einen Antrag auf Förderung bei der Stiftung Deutsche Klassenlotterie gestellt. Die Initiatoren hoffen, Ende Februar einen positiven Bescheid zu erhalten. Dann sollen gemeinsam mit Ingenieurbüros die genauen Kosten des Projekts und die Machbarkeit ermittelt werden. Schon seit seiner Gründung 2012 plant der Verein, den Spreekanal in Abschnitten zu renaturieren, seine Wasserqualität zu verbessern und ihn so in ein riesiges, innerstädtisches Badeparadies zu verwandeln. Gerade erst hat sich ein Beirat konstituiert, im Juli wird es in der Bauakademie eine Ausstellung geben, um das Projekt auch außerhalb der Architekten- und Städteplanerkreise bekannt zu machen.

„In Berlin fehlt das einfach“

Prominente Unterstützer hat die Idee bereits, Dombaumeisterin Charlotte Hopf ist sogar im Vorstand des Vereins. Auch Ulrike Rose, die ehrenamtlich die Vereinsarbeit koordiniert, trieb die Begeisterung für das Projekt in diesen Posten. „Ich bin früher immer in Flüssen geschwommen“, erzählt die Kulturmanagerin, „und da bin ich nicht die Einzige. In Berlin fehlt das einfach.“

Die Idee ist älter als der Verein. Sie kam den Brüdern Tim und Jan Edler erstmals 1998, als die beiden Architekten noch ihr Atelier am Monbijoupark hatten und die Spree direkt vor dem Fenster vorbeifloss. 2011 gelangte das Projekt zu einiger Bekanntheit – da gewann es den ersten Preis der Europa-Ausscheidung des Holcim Award, eines Preises für nachhaltige Stadtplanung. Und mittlerweile hätten in Berlin die Themen des Projekts – Nachhaltigkeit, Ökologie, Teilhabe am öffentlichen Raum – an Wichtigkeit gewonnen, so Tim Edler. 2012 gründeten die Brüder schließlich den Verein Flussbad Berlin.

Die Entwürfe sehen vor, den etwa eineinhalb Kilometer langen Spreekanal in drei Abschnitte zu teilen. Der geplante Schwimmbereich erstreckt sich vom Schloßplatz bis zum Bodemuseum. Am Ostufer sollen ins Wasser führende Freitreppen entstehen, auf der gegenüberliegenden Seite eine Steganlage. Davor, von der Gertrauden- bis zur Schleusenbrücke, ein Filterbereich. Den Oberlauf des Kanals schließlich will der Verein im Stil der Altberliner Sumpflandschaft renaturieren und in eine große Parklandschaft verwandeln.

Vor allem soll das Vorhaben die Wasserqualität der Spree nachhaltig verbessern. Am trüben Spreewasser ist vor allem die Berliner Mischwasserkanalisation schuld. Wenn Starkregen das Fassungsvermögen der Kanalisation überlastet, gelangt übergelaufenes Abwasser ungefiltert in die Spree. Ein Bypass-Kanal im Schwimmbeckenbereich soll dem entgegenwirken und das Abwasser zurückhalten. Die Vereinsmitglieder sind nicht die Ersten, die sich des Dreckwasserproblems der Spree annehmen. Vor Kurzem erst entwickelte ein junger Forscher an der Technischen Universität für seine Doktorarbeit schwimmende, bepflanzte Inseln, die als natürliche Kläranlagen Sauerstoff an das Wasser abgeben und so die Spree mit reinigenden Organismen beleben könnten.

Ein Rückhaltesystem wurde auch von Diplomingenieur Ralf Steeg erdacht, seit Herbst 2012 schwimmen seine Auffangcontainer für das dreckige Abwasser im Friedrichshainer Osthafen, als Pilotprojekt im Rahmen des Projekts „Spree 2011“. Interesse zur Kooperation gibt es, zumindest von der „Flussbad“-Seite. „Uns muss man eigentlich zusammendenken“, so Tim Edler. Skandalös findet er das Berliner Abwasserproblem. „Die Spree kommt relativ sauber nach Berlin, im Müggelsee kann man noch schwimmen. Danach nicht mehr. Berlin kümmert sich wirklich nachlässig um seinen Fluss.“ Die Berliner Wasserbetriebe, die das Abwassersystem im Auftrag des Landes betreiben, waren bisher nur insofern eingebunden, als sie dem Projekt für den Förderantrag bei der Klassenlotterie kraft ihrer fachlichen Kompetenz Plausibilität bestätigten.

Für appetitliches Wasser im Schwimmbecken soll auch der vorgeschaltete Filterbereich sorgen. Schilf und andere Wasserpflanzen filtern das Wasser ebenso wie eine sandige Kiesschicht am Kanalgrund. Durch den jetzt schon bestehenden Höhenunterschied von etwa eineinhalb Metern auf Höhe der Schleusenbrücke wird das Wasser auf natürliche Weise durch die Filterschicht gepresst, in am Grund verlaufende Drainagerohre, die es dann ins Schwimmbecken leiten. Dombaumeisterin Charlotte Hopf ist eines der Gründungsmitglieder und im Vereinsvorstand. 2011, als sie gerade eine Ausstellung in der Bauakademie zu historischen Bädern mitorganisierte, hatte sie erstmals von dem Projekt gehört. Und war sofort begeistert. „Ich hab hier in meinem Turmbüro aus dem Fenster geguckt und gedacht, das wär doch nett, habe die Herren Edler angerufen und gesagt, das machen wir“, sagt die Architektin. „Man kann einfach schwer dagegen sein. Die Frage der Wasserqualität stellt sich irgendwann ja von alleine.“ Problematisch sind allerdings die Eigentumsverhältnisse. Die Spree gehört wie alle Flüsse dem Bund, für ein solches Projekt müsste aber das Land Berlin als Träger fungieren. Der Spreekanal ist als Wasserstraße registriert, deshalb ist das Baden darin verboten. Allerdings fahren auf dem Kanal seit über 100 Jahren keine Schiffe mehr. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Mühlen an der Spree durch die fortschreitende Industrialisierung überflüssig wurden, mussten die Schiffe nicht länger auf den unbequemeren Seitenarm ausweichen. Auch deshalb kann man das Schwimmen im Spreekanal nicht als Neunutzung bezeichnen, im Gegenteil, es wäre historisch. Denn nachdem der Kanal für die Schifffahrt verzichtbar wurde, entstand beispielsweise an der Jungfernbrücke eine Badeanstalt. Die Resonanz auf die Pläne des Vereins ist positiv. Ein klarer Vorteil sei, dass nichts gebaut werden soll, sagt Tim Edler. „Da gibt es kein Kampfobjekt. Wir behandeln lediglich eine funktionale Brachfläche.“ Auch die Anzahl der Leidtragenden wäre gering. Einige Boote könnten nicht mehr unterhalb des Freiheits- und Einheitsdenkmals parken, dort sollen nach den Flussbad-Plänen Umkleidekabinen entstehen.

Ein noch unabsehbarer Faktor sind die Kosten. Vorab sind diese nicht einzuschätzen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt sympathisiert mit der Idee. „Das ist sicherlich ein sehr interessantes Projekt, das die Berliner Innenstadt um ein weiteres Highlight bereichert“, so Sprecherin Petra Rohland. Allerdings sehe man ohne ein Finanzierungskonzept zurzeit keine Umsetzungsmöglichkeit. Momentan würden Lösungskonzepte für das Abwasserproblem untersucht, das Flussbad spiele zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Rolle in der Planung, aber: „Das Ziel ist dasselbe“, so die Sprecherin. Tim Edler glaubt, dass die Initiative wie schon beim Wiederaufbau des Schlosses aus der Bevölkerung kommen müsste. Das Projekt sei zu groß, um nur eine witzige Idee von ein paar Architekten zu sein. Mit einer Mischung aus verschiedenen Fördertöpfen und eventuell Crowdfunding sollte es aber machbar sein, da ist der Architekt zuversichtlich. „Bisher fließt der Unterhalt des Bundes doch in ein rein dekoratives Element.“