Unfallgefahr

Mit 166 Kilometern pro Stunde durch die 50er-Zone

Neue Verkehrsstatistik: Alkohol und zu hohe Geschwindigkeit zählen zu den größten Risikofaktoren. Weniger Unfalltote in Berlin

Die Fälle sind typisch. Zwei Kinder sind am Mittwoch im Straßenverkehr angefahren und schwer verletzt worden. Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, waren die neun Jahre alten Jungen offenbar von Autofahrern zu spät gesehen worden. Einer der Jungen wurde am Nachmittag auf der Stendaler Straße in Hellersdorf von einem Transporter erfasst, als er an einem Fußgängerüberweg auf die Fahrbahn rannte. Fast zur gleichen Zeit riss sich ein Gleichaltriger auf der Falkenberger Brücke in Neu-Hohenschönhausen von der Hand eines Erwachsenen los und wurde auf der Straße von einem Auto angefahren. Beide Kinder kamen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Der Junge, der in Hellersdorf verunglückte, liegt auf der Intensivstation.

Als „Risikogruppe“ bezeichnete Polizeipräsident Klaus Kandt Kinder im Straßenverkehr. Ebenso wie Radfahrer und Senioren seien sie besonders gefährdet. Kandt stellte am Donnerstag gemeinsam mit den Berliner Staatssekretären für Inneres und Verkehr die Verkehrsstatistik für 2013 vor. 722 Mal verunglückten Kinder bis 14 Jahre demnach vergangenes Jahr auf Berlins Straßen (ein Minus von 54 im Vergleich zu 2012), eines von ihnen starb dabei.

Häufig passieren Unfälle mit Kindern laut Polizei, weil der Verkehr von ihnen nicht beachtet wird oder die Kinder plötzlich hinter Hindernissen wie parkenden Autos auf die Straße treten. Auch führe es häufig zu Unfällen, wenn Kinder etwa mit dem Rad auf der falschen Fahrbahn fahren würden, sagte Kandt. „Es ist besonders wichtig, Kindern das richtige Verhalten im Straßenverkehr zu zeigen.“ Zwar engagiere sich die Polizei mit zahlreichen Veranstaltungen wie Sicherheitstrainings in Kitas und Schulen, aber die Vorbildfunktion von Erwachsenen könne durch die Polizei nicht ersetzt werden, so Kandt. „Ich kann deshalb nur an alle Erwachsenen appellieren, etwa bei Rot auch an der Ampel stehen zu bleiben.“

Insgesamt zeigten sich Polizeipräsident Kandt, Innenstaatssekretär Bernd Krömer (CDU) und Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Donnerstag zufrieden mit den Daten zur Sicherheit auf den Straßen. Zwar stieg die Gesamtzahl der Unfälle um 0,1 Prozent auf rund 131.000, doch gab es 2013 so wenige Verkehrstote wie noch nie seit der Wiedervereinigung. 37 Menschen starben im Berliner Verkehr, unter ihnen 14 Fußgänger, neun Radfahrer, neun Autofahrer und vier Motorradfahrer.

Der Trend in dieser Statistik ist seit Jahren mit wenigen Ausreißern rückläufig. 2012 gab es 42 Tote – im Jahr 1990 waren es 226. Im Vergleich aller Bundesländer schneidet Berlin besonders ab. In Relation zur Einwohnerzahl starben in der Hauptstadt mit neun Toten je eine Million Einwohner die wenigsten Menschen im Straßenverkehr. Die schlechteste Bilanz hat dagegen Brandenburg aufzuweisen, wo auf eine Million Einwohner 64 Verkehrstote kamen.

Hauptursachen der Unfälle sind falsches Abbiegen, Missachten der Vorfahrt, zu schnelles Fahren und Trunkenheit am Steuer. Innenstaatssekretär Krömer sagte, weiterhin seien ständige Kontrollen durch die Polizei wichtig. „Ich persönlich wäre auch dafür, bei bestimmten Delikten die Bußgelder zu erhöhen“, sagte Krömer.

787.000 Mal Raser gefasst

Zu schnelles Fahren wurde von der Polizei 787.000 Mal geahndet. Bei 12,4 Millionen Geschwindigkeitsmessungen waren 5,5 Prozent der Fahrer zu schnell. Den Negativrekord hielt ein Autofahrer, der mit 166 Stundenkilometern statt mit erlaubten 50 geblitzt wurde. Radfahrer wurden in etwa 29.000 Fällen erwischt, besonders häufig bei Rotlichtverstößen (knapp 14.000 Fälle).

Angesichts von insgesamt mehr als 1900 Schwerverletzten kritisierten die Grünen am Donnerstag, der Senat komme seinem Ziel nicht näher, die Zahl der schweren Unfälle zu senken. Die Zahl stagniere auf dem hohen Niveau der Vorjahre. „Die Gefahrenstellen sind bekannt. Es ist angesichts der Zahlen unverständlich, warum diese nicht auch zeitnah beseitigt werden“, sagte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Stefan Gelbhaar. Die meisten der insgesamt mehr als 16.000 Unfälle mit Verletzten gab es 2013 ähnlich wie in den Vorjahren an der Schönhauser Allee Ecke Bornholmer Straße und Wisbyer Straße in Pankow, am Großen Stern in Tiergarten und am Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg.

Auch von Seiten des Radfahrerclubs ADFC wurde kritisiert, die Gefahrenstellen müssten zügiger beseitigt werden. Unverständlich sei es auch, dass Gelder zum Ausbau der Fahrradinfrastruktur im Haushalt noch gesperrt seien, sagte ADFC-Vorstandsmitglied Bernd Zanke. „Der Anteil des Radverkehrs ist Schätzungen zufolge auf gut 16 Prozent gestiegen. Gerade in der City reichen die Radwege kaum noch aus.“

Das Abgeordnetenhaus hatte im Herbst vier Millionen Euro jährlich für den Ausbau der Fahrradwege in Berlin beschlossen – das Plus von 1,5 Millionen Euro hatten die Haushälter jedoch zunächst sperren lassen und den Senat aufgefordert, die mit den zusätzlichen Geldern geplanten Maßnahmen zu erläutern. Mit dem Bericht der Senatsverkehrsverwaltung darüber sei man bei der Sitzung des Haushaltsausschusses am Mittwoch aber noch nicht zufrieden gewesen, sagte CDU-Haushaltsexperte Christian Goiny. „Wir möchten kontrollieren, ob mit den Steuergeldern das passiert, was das Parlament beauftragt hat.“ Am 19. März soll die Senatsverwaltung nun erneut berichten.

Verkehrsstaatssekretär Gaebler zeigte sich am Donnerstag über die andauernde Sperrung verärgert. Die Bezirke könnten mit vielen Baumaßnahmen noch nicht anfangen, so Gaebler. „Das Abgeordnetenhaus schießt sich ein Eigentor, wenn es erst mehr Geld beschließt, es dann aber nicht freigibt.“