Prozess

Bushido und die nervigen Fans

Der wegen Körperverletzung angeklagte Rapper wird vom Amtsgericht freigesprochen

Amtsrichter Torsten Dube brachte es in seiner Urteilsbegründung auf den Punkt: „Wenn man das Verhalten der Zeugen sieht, dann zieht es einem die Schuhe aus.“ Es ist ein Fazit und gleichzeitig auch ein Wortspiel. Denn um einen Schuh ging es auch in diesem Strafprozess gegen Anis Mohamed Youssef Ferchichi alias Rapper Bushido, der am Donnerstag im Moabiter Kriminalgericht frei gesprochen wurde – und das genüsslich lächelnd zur Kenntnis nahm.

Der Staatsanwalt hatte dem 35-Jährigen vorgeworfen, am 19. Mai vergangenen Jahres gegen 17.30 Uhr einen 17-Jährigen nach einer „verbalen Streitigkeit“ körperlich attackiert zu haben. Und zwar mit seinem Schuh. „Der Geschädigte“, heißt es im Anklagesatz, „erlitt dadurch Kopfschmerzen, Schmerzen am rechten Arm sowie eine leichte Rötung am Kopf.“ Ebenfalls wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt war ein Nachbar von Bushido. Auch der 45-Jährige wurde von dem Amtsrichter frei gesprochen.

Großer Medienandrang

Der Prozess sollte zunächst im kleinen Verhandlungsraum 101 stattfinden, wurde jedoch wegen des großen Medienandrangs in den Saal 500 des Justizpalastes verlegt, wo sonst zumeist Mörder und Terroristen auf der Anklagebank sitzen. Bushido indes hatte wohl ein noch größeres Medieninteresse erwartet. „Voll wenig Presse im Gericht“, informierte der Rapper seine Fans über Twitter. Vor Gericht war Bushido sofort bereit, den im Anklagesatz geschilderten Vorfall aus seiner Sicht zu schildern: Eine Gruppe junger Männer hätte an diesem Sonntagnachmittag vor seinem Haus in Lichterfelde gestanden und immer wieder geklingelt. Seine Frau habe die „penetrant klingelnden“ Jungs vier Mal über Sprechfunk informiert, dass er, Bushido, nicht zu Hause sei. Sie hätten dennoch weiter genervt. Bevor Bushido rausging, habe er noch seinen Nachbarn informiert: „Er gehört zu meinen besten Freunden und war jahrelang Türsteher. Ich wusste, dass er Erfahrungen hatte, in derartigen Situationen deeskalierend zu wirken.“

Als die Jungs die beiden Männer kommen sahen, wurde es ihnen vermutlich mulmig. Sie sprangen in einen BMW. Zurück blieb jedoch der 17-Jährige, der vergeblich an der Klinke der hinteren Tür rüttelte. Der BMW fuhr ohne ihn los. Der Nachbar, so Bushido, habe den jungen Mann dann festgehalten. Er selbst habe die Polizei informiert, die wenig später auch gekommen sei.

„Ich war nicht in aggressiver Stimmung“, beteuerte der Rapper. „Ich fand es eher lustig, dass sie ihren Kumpel so im Stich gelassen hatten. Da machen sie gemeinsam Klingelstreiche, und einer bleibt zurück.“ Ob er mit dem Schuh geschlagen hatte, wollte der Richter wissen. Bushido schüttelte den Kopf. „Nein, absolut nicht“, sagte er. „Alle Schuhe, die vor Ort waren, befanden sich an den Füßen.“ Er wisse aber noch, dass der 17-Jährige drohte, er werde ihn anzeigen, wenn wirklich die Polizei komme. „Das habe ich in diesem Moment nicht ernst genommen“, so der Angeklagte. Ein paar Tage später habe er ein oder zwei der jungen Männer noch einmal auf der Straße gesehen. „Ich habe angehalten und mit ihnen gesprochen. Ich habe ihnen gesagt, dass es so nicht geht.“ Anschließend hätten sie sich die Hand gegeben, und er habe sich mit ihnen sogar noch fotografieren lassen.

In der Regel folgen bei derartigen Verfahren die konträren Aussagen der Zeugen. In diesem Prozess jedoch nicht. Amtsrichter Dube trug die obligatorische Belehrung vor: dass nicht gelogen werden dürfe, sich Zeugen aber auch nicht selber belasten müssten. Beispielsweise, wenn sie einen anderen falsch belastet haben, der sich nun vor Gericht verantworten müsse.

Diese Belehrung, so schien es, war den Zeugen schon bekannt. Der 17-Jährige nannte sogar den richtigen Paragrafen der Strafprozessordnung (§ 55), der das Auskunftsverweigerungsrecht regelt. Die Frage des Richters, was er beruflich mache, beantwortete er mit „nix“. Die Frage, ob er also nur rumhänge, mit „ja“. Auch die anderen drei Zeugen – zwei Schüler und ein Arbeitsloser – verwiesen entweder auf die Ratschläge ihrer Anwälte oder behaupteten, nichts gesehen zu haben. „Ich saß ja nur hinter dem Lenkrad“, sagte ein 21-Jähriger. „Da habe ich nichts mitbekommen.“ Worauf Amtsrichter Dube erwiderte: „Ich glaube Ihnen kein Wort.“ Es sei schon verblüffend, „wie leichtfertig Angaben bei der Polizei gemacht“ würden.

Der 21-Jährige ergänzte noch, dass er eigentlich ein großer Fan von Bushido sei. Auf seiner Seite bei Facebook behauptet er sogar wahrheitswidrig, er sei seit 2004 Musiker in der Band des Rappers. Als ihn Bushidos Verteidiger Stefan Conen darauf anspricht, bekommt der Zeuge einen roten Kopf.

Ankläger beantragt Freisprüche

Für den Staatsanwalt gab es nach dieser Beweisaufnahme nicht mehr viel zu sagen. Die Vorwürfe hätten sich in der Hauptverhandlung nicht bestätigt, lautete sein wenig überraschendes Resümee. Es bleibe nur die Frage, warum der Angeklagte nicht sofort die Polizei rief.

Verteidiger Conen erklärte dazu in seinem kurzen Plädoyer, dass am Hause seines Mandanten sehr oft Klingelstreiche verübt würden und Bushido nicht jedes Mal die Polizei rufen wolle.

Nach dem Prozess verließ Bushido eilig den Saal. Kein Wort für die Fernseh- und Radioreporter, die ihn sofort umringten. Er bahnte sich grimmig seinen Weg. Aber immerhin gab es noch über Twitter eine Stellungnahme: „Freispruch!!!“