Förderung

Senat spart bei den Sonderpädagogen

Weniger Spezialisten für förderbedürftige Kinder

In der Ausbildung der Sonderpädagogen sind gravierende Einschnitte geplant, doch an der Öffentlichkeit gehen diese Änderungen fast unbemerkt vorbei. Denn die Neuerungen sind unterhalb der Gesetzesebene in einer Ausführungsvorschrift vorgesehen. Diese kann von der Senatsbildungsverwaltung ohne Abstimmung im Parlament beschlossen werden.

Professor Ulrich von Knebel vom Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität warnt vor einer Absenkung der Standards in der Sonderpädagogik, die gerade im Zuge der Eingliederung der behinderten Kinder in die Regelschulen (Inklusion) für die betroffenen Kinder schwerwiegende Folgen haben kann. In dem Entwurf der Verordnung, die der Berliner Morgenpost vorliegt, wird der Förderschwerpunkt Sprache für die Sekundarstufe schlicht abgeschafft. Eine Ausbildung in dieser Fachrichtung ist im Lehramt für Sekundarschulen und Gymnasien nicht mehr vorgesehen. Derzeit aber haben etwa 580 Schüler in den weiterführenden Schulen einen Anspruch auf Sprachförderung. „Es gibt Sprachstörungen, die entweder nicht heilbar sind oder sich erst im Jugendalter entwickeln, wie etwa Stimmstörungen oder Stottern“, sagt von Knebel. Es sei also nicht davon auszugehen, dass sich die Zahl der förderbedürftigen Kinder an den Sekundarschulen künftig reduzieren würde. Die Schüler hätten ein Recht auf eine qualifizierte Förderung im Unterricht.

Zudem weist von Knebel darauf hin, dass es einen Beschluss der Kultusministerkonferenz gibt, nach dem es im Zuge der Inklusion keine Absenkung der sonderpädagogischen Standards geben darf. Diesem Beschluss widerspreche die veränderte Ausbildung, denn qualifiziertes Personal für die Sprachförderung gebe es dann an den Sekundarschulen und Gymnasien nicht mehr. Würden die Schüler mit ihren Schwierigkeiten allein gelassen, könne das zu Folgestörungen führen, beispielsweise zu Aggressivität. Auch an den Grundschulen steht laut dem Entwurf eine Änderung bevor, die den Experten Sorge macht. So sollen die Förderschwerpunkte Lernen, soziale und emotionale Entwicklung und Sprache nur noch in Zweierkombinationen studiert werden können. Bisher sind alle drei Förderschwerpunkte in der Ausbildung eine eigene Fachrichtung. Durch die Kombination müssen die Inhalte jeweils um die Hälfte reduziert werden. Insgesamt haben 70 Prozent der förderbedürftigen Kinder einen besonderen Unterstützungsbedarf in einem dieser drei Schwerpunkte. Spezialisten werde es aber mit der Reform der Ausbildung in diesem großen Bereich nicht mehr geben, warnt Ulrich von Knebel.

Flexibler Einsatz ist wichtig

Die Institute müssen nun die neuen Inhalte des Studiums festlegen und entscheiden, wo der Rotstift angesetzt wird. Statt mehr Sonderpädagogen auszubilden, reagiere die Bildungsverwaltung mit einer Absenkung der Standards, damit die Lehrer möglichst flexibel einsetzbar seien, sagt von Knebel.

Die Senatsbildungsverwaltung hält die Änderung indes für einen Erfolg versprechenden Weg. Da die Mehrheit der Schüler in einem der drei Schwerpunkte förderbedürftig ist, sei es besser, die später dort arbeitenden Lehrer breit und umfassend vorzubereiten, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. Bei den genannten Schwerpunkten seien durchaus auch Überschneidungen vorhanden.

Die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik spricht von einer „Entprofessionalisierung“ und „Verflachung der Ausbildung“. Bildungsinhalte und Methoden würden sich je nach Behinderung unterscheiden und seien nicht beliebig kombinierbar, heißt es. Auch die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Hildegard Bentele, ist skeptisch, was die Verordnung betrifft. „Die Qualität der Förderung darf durch die Reform der Lehrerbildung nicht gefährdet werden“, sagt sie. In den Beratungszentren für die inklusive Schule würden dringend spezialisierte Sonderpädagogen benötigt.