Unternehmenskultur

Familienfreundlich trotz Schichtdienst

Die BSR ist als Arbeitgeber beliebt. Das zeigt nun auch eine bundesweite Erhebung

Die Frage kann Torsten Kalisch nur mit Kopfschütteln quittieren. Nein, noch nie sei sein Sohn gehänselt worden, weil der Vater bei der Müllabfuhr ist. Früher, ja, da hätte der Beruf Müllmann andere Reaktionen hervorgerufen. „Heute nötigt das Respekt ab“, ist sich Kalisch sicher. Vor sechs Jahren, als sich der gelernte Maschinenanlagenmonteur bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) bewarb, hatten ihn Freunde zu bremsen versucht. Da kommst du nicht unter, sagten sie. Da wollen doch so viele hin. Alle könne die Stadtreinigung nicht nehmen. „Wenn das ginge, würde ja ganz Berlin hier arbeiten“, sagt Kalisch schlicht.

Was ein plumper Werbespruch sein könnte, ist für den Mitarbeiter des größten deutschen kommunalen Entsorgers ehrliche Überzeugung. Und nicht nur für ihn: Die jüngste Auszeichnung der Anstalt öffentlichen Rechts, die im Januar zum besten Arbeitgeber in der Branchensparte Rohstoffe, Energie, Ver- und Entsorgung gekürt wurde, sei „hochverdient“, finden neben Kalisch viele seiner Kollegen. Knapp 20.000 Arbeitnehmer- sowie gut 23.000 Arbeitgeberbewertungen bundesweit waren in die Erhebung der Zeitschrift „Focus“, des Online-Netzwerkes Xing und der Internetplattform Kununu eingeflossen. Einen „Bester Arbeitgeber Award“ erhielten pro Sparte je ein Betrieb mit über 500 Mitarbeitern sowie ein Mittelständler.

Fragt man Torsten Kalisch, was er an seinem Arbeitgeber schätzt, kommt die Antwort prompt. Familienfreundlich sei das Unternehmen, in dem Schichtdienst und schwierige Arbeitszeiten doch die Regel sind, und stets bereit, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen. Passen Teamkollegen nicht zusammen, „dann kann man das besprechen und es wird getauscht“, so Kalisch. Urlaubsplanung, Krankheit der Kinder oder Arztbesuche: „Da wird alles versucht, um es irgendwie hinzubekommen“, bestätigt Straßenreinigerin Andrea Herrmanns. Ein Kinderbetreuungsservice springt ein, wenn die Kita ausfällt. Junge Mütter können selbst ihre Ausbildung in Teilzeit absolvieren. Als Janine Wyberneit, tätig in der Administration auf dem Betriebshof Forckenbeckstraße, ihre kaufmännische Lehre machte, gab es das zwar noch nicht. „Die Unterstützung für mich als Alleinerziehende war aber phänomenal“, sagt die 27-Jährige. Sie durfte eine Mutter-Kind-Kur machen, der Chef passte ihre Arbeitszeiten an die der Kita an. Und auch jetzt wird wieder am Dienstplan gepuzzelt, damit Wyberneit im März ein Abendstudium starten kann. In den Schulferien fährt ihr Sohn ins von der BSR organisierte Ferienlager.

Für die Attraktivität eines Arbeitgebers sei entscheidend, inwieweit persönliche Anliegen mit denen des Unternehmens vereinbar seien, sagt Monika Huesmann, Professorin für Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Dabei müssten Arbeitnehmer jeden Alters und verschiedenster Interessenlagen berücksichtigt werden. Aufstiegschancen oder Arbeitsplatzsicherheit, Fragen der körperlichen Belastbarkeit oder das Genderthema: Die Herausforderungen für Firmen, die zunehmend um Personal werben, seien vielfältig. Als die BSR 2008 von der Initiative „Beruf und Familie“ der Hertie Stiftung als familienfreundliches Unternehmen zertifiziert wurde, gab es nur wenige weibliche Mitarbeiter. 2009 startete eine Kampagne zur Erhöhung des Frauenanteils, heute sind es 17 Prozent der 5300 BSR-Beschäftigten, bei der Straßenreinigung 200 von 1700. 2011, an ihrem ersten Tag, sei sie von vier Kollegen auf einem Kehrichtsammel-Fahrzeug eingearbeitet worden, erinnert sich Ingeborg Möller. 54 Jahre alt war die Einzelhandelskauffrau damals, dass sie bei der BSR noch eine Chance bekam, freute sie sehr. „Von Anfang an hat alles wunderbar geklappt.“ Mit Frauenfeindlichkeit, sind sich Möller und ihre Kollegin Andrea Herrmann einig, wurden sie nie konfrontiert. Das Klima sei gut, die Stimmung bei der Arbeit auch, bestätigt Torsten Kalisch. Dabei gab es auch bei der BSR harte Zeiten. Anfang des Jahrtausends, damals zählte die Belegschaft noch 7400 Mitarbeiter, wurde ein strikter Sparkurs eingeleitet. Der Arbeitsplatzabbau gelang ohne betriebsbedingte Kündigungen, weh tat er trotzdem. Annehmlichkeiten wie ein Freizeitheim oder das BSR-Orchester wurden abgeschafft. Parallel startete eine preisgekrönte Imagekampagne, die in den Augen der Öffentlichkeit aus vermeintlich muffeligen Saubermännern und -frauen in Orange sympathische Dienstleister mit gesellschaftlicher Mission machte.

Legendäre Slogans

Unter witzigen Slogans wie „Retter des Mülleniums“ oder „We kehr vor you“ waren echte BSR-Mitarbeiter abgebildet. „Das ist die erste und einzige Kampagne bundesweit, die gleichzeitig so nach innen und außen zielt. Den Mitarbeitern wird damit vermittelt, du bist uns wichtig und wir wissen auch, was du da draußen aushalten musst“, sagt Werbefachmann Michael T. Schröder, Ehrenpräsident des Marketing Clubs Berlin. Der Ruf einer Firma sei wichtig, ihm müsse aber auch Glaubwürdigkeit gegenüberstehen, sagt Professorin Huesmann. Bei der BSR scheint das gelungen. Andrea Herrmann: „Wenn ich weiß, das Unternehmen tut etwas für mich, dann tue ich das auch. Eine Hand wäscht die andere.“