Fachwissen

Wenn der Hund Nagellack trägt

Ulrike Werner ist Verhaltenstherapeutin für Tiere. Häufig liegen die Probleme aber bei den Haltern

Als Ulrike Werner ihren Patienten begrüßte, trug dieser einen rosa Hausanzug mit Fliege. Sunny war zwei Jahre alt, und die Szene reizte die Frau Doktor zu einer kleinen Bosheit. Ob der Arme keine Beine habe, fragte sie Melissa P., die ihren Chihuahua in der Hand trug, mitleidig. Erst als die winzige Portion Hund auf dem Boden stand, wurden auch die Krallen sichtbar. Blauer Nagellack – Ton in Ton mit dem Frauchen.

Sunny, der nach gemeinsamem Bad und Massage seiner Besitzerin die Körperlotion ableckte. Schäferhündin Blanca, die bei Sturm aus dem Fenster im ersten Stock des Lichtenberger Mehrfamilienhauses sprang. Der weiße Schäferhund Knut, dessen Halter sich vor jedem Spaziergang nahe dem Potsdamer Platz mit Schienbein- und Schulterschonern sowie Lederhandschuhen vor Bissen schützen musste. „Irgendwann habe ich zu meinem Mann gesagt, wenn ich diese Geschichten nicht aufschreibe, platze ich“, erzählt Ulrike Werner. Seit 2005 betreibt die Veterinärin ihre mobile tierverhaltenstherapeutische Praxis, ehemals in Schöneberg, seit 2012 mit postalischem Sitz in Zossen. Von dort aus besucht sie Katzen und Hunde in Berlin und dem Umland, lässt sich von verzweifelten Haltern Verhaltensauffälligkeiten ihrer lieben Vierbeiner schildern und entwirft Therapiepläne.

Manche der Hundegeschichten, die Ulrike Werner in ihrem gerade erschienenen Buch „Der liebestolle Beagle und die 45 Nachthemden“ erzählt, klingen schier unglaublich. „Es sind aber keine Ausnahmen, die ich da zusammengestellt habe“, sagt die Tierexpertin mit dem offenen Blick und dem entwaffnenden Humor. Den braucht sie oft genug: Tränen fließen immer mal wieder in den mehrstündigen Anamnesegesprächen, die jeder ihrer Maßnahmen vorausgehen.

Das in der gut 200 Seiten starken Erlebnissammlung häufig zitierte Fantasiebild Werners sieht so aus: Gleich am Eingang ihrer Praxis führt ein Gang die Zweibeiner zum Kollegen auf die Couch, der andere die Vierbeiner zu Doktor Werner in den Wald. Sehr häufig sind es nämlich nicht die Tiere, bei denen die Ursache der Probleme zu suchen ist, sondern Herrchen oder Frauchen mit ihrem ganz eigenen seelischen Ballast. „Die Menschen“, sagt Ulrike Werner, „haben oft das gesunde Gefühl für ihr Haustier verloren.“ So muss die Verhaltensmedizinerin nicht nur Tierhaltungsfehler korrigieren oder statt des unerwünschten Verhaltens der Vierbeiner Ersatzverhalten antrainieren. Vor allem muss sie den besten Freund des Menschen aus sozialen Rollen befreien, in denen er gar nichts verloren hat: Partner- oder Kindersatz, Kummerkasten, Psychologe. „Mit dem, was der Hund heute so alles sein soll, ist er schlicht überfordert“, sagt Werner.

Wo ihre Berufung liegt, hatte die gebürtige Hamburgerin schon während des Studiums in Berlin festgestellt. Erfahrungen bei Jobs in der tierverhaltenstherapeutischen Sprechstunde an der Freien Universität (FU) sowie in Tierarztpraxen hatten sie nachdenklich gemacht: Da gab es den Schnauzer, dessen Halterin nicht wollte, dass seine lackierten Nägel geschnitten würden – trotz eines Ekzems an den Zehen. Oder den Hund, der wegen einer Ohrentzündung Medizin ins Ohr bekommen musste. Das lehnte der Besitzer entgeistert ab: Er habe dem Tier mit Blick auf die nächste Hundeausstellung extra 7,2 Gramm Rohrdichtungsmasse in die Ohren gefüllt, damit diese genau im richtigen Winkel stünden. „Da habe ich gedacht, das will ich nicht“, sagt Ulrike Werner. „Ich will die Einstellung der Menschen und die Haltungsbedingungen der Tiere ändern, anstatt so was zu unterstützen.“

Bisher, sagt Werner selbstbewusst, sei sie den Problemen ihrer Patienten noch immer auf die Spur gekommen. Dafür müssen die Tierhalter vor dem Hausbesuch seitenweise Fragen zum Tier beantworten. „Ich arbeite nicht wie die meisten Hundetrainer symptomatisch, sondern will immer an den Kern des Problems heran.“ Rund die Hälfte der Tiere wird von Tierärzten an sie überwiesen oder von ihren Besitzern vorgeführt, weil das Veterinäramt entsprechende Auflagen gemacht hat. Mit 180 der insgesamt rund 300 Berliner Veterinäre kooperiert Werner. Auch als gefährlich und aggressiv eingestufte Hunde landen bei ihr. Nicht immer geht die Diagnose glimpflich aus. „Gerade hatte ich einen Fall, wo ein nicht behandelbarer Hund auch aus Tierschutzgründen eingeschläfert werden musste“, sagt Werner.

Gelegentlich nimmt Ulrike Werner zu den Therapieterminen auch ihre Assistenten mit. Vitus, Moses und Jarda, ihre eigenen Hunde, erkennen den „Arbeitsmodus“ an einem speziellen Kopfhalfter oder Leckerlis. Authentisch, weil Artgenossen, aber doch kontrolliert sollen sie den verhaltensgestörten Tieren normale Kommunikation von Hund zu Hund vormachen. Bei manchen Diagnosen helfen Psychopharmaka. Schäferhündin Blanca bekam gegen ihre Sturmphobie neben anderen Maßnahmen eine angstlösende Medizin. Mischlingshündin Senta erhielt dank eines Medikaments trotz seniler Demenz die Chance auf einen stressfreien Lebensabend. Bei Boxermischling Lady diagnostizierte Ulrike Werner organische Ursachen ihrer Aggressivität, sie wurde operiert.

Manchmal allerdings retten die Veterinärin weder Witz noch Professionalität oder ihr energisches Auftreten. Manchmal bleibt nur Kopfschütteln. Melissa P. wollte auf ihr abendliches Schmuseritual mit Sunny nun einmal nicht verzichten. Und ihn deshalb auch eigentlich nicht kastrieren lassen. Prostataprobleme hin oder her. Er war doch ihr ganzer Liebling!

Dr. med. vet. Ulrike Werner: Der liebestolle Beagle und die 45 Nachthemden. mvg Verlag, München 2014, ISBN 978-3-86882-499-5, 14,99 Euro.