Verkehr

Park & Ride auf dem Abstellgleis

Berlin will Parkplätze zum Umsteigen nicht mehr fördern. Verkehrsexperten und Politiker sehen das jedoch kritisch

Acht Uhr morgens auf der Seegefelder Straße in Spandau. Autos reihen sich Stoßstange an Stoßstange. Jeder zweite Wagen trägt im Kennzeichen die Buchstaben HVL für den Landkreis Havelland – Pendler aus Brandenburg auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in Berlin. Die wenigen Park&Ride-Plätze (P&R) an der parallel verlaufenden Regionalbahntrasse sind um diese Zeit längst belegt. Der Parkplatz am Bahnhof Albrechtshof sogar gesperrt. Bei Berufspendlern aus dem Berliner Umland ist die unbefestigte Fläche besonders beliebt, weil sie dort bereits mit dem kostengünstigen AB-Ticket vom Auto in die Regionalbahn umsteigen könnten. Doch die Bahn nutzt ihn während der laufenden Modernisierung des Bahnhofs, um Baufahrzeuge und Material abzustellen.

Susanne A., die täglich aus dem abgelegenen Falkenseer Ortsteil Finkenkrug in eine Berliner Drogerie zur Arbeit fährt, ärgert sich darüber. „Mit der Bahn wäre ich eigentlich viel schneller. Doch wenn ich erst stundenlang mit dem Auto herumkurven muss, um einen Parkplatz in Bahnhofsnähe zu finden, dann geht das nicht“, sagte die Berufspendlerin.

Doch an der angespannten Parkplatzsituation am Stadtrand wird sich kaum etwas ändern. Denn das Land Berlin hat sich aus der Förderung des Baus neuer P&R-Plätzen verabschiedet. 44 Park&Ride-Anlagen mit insgesamt 5140 Stellplätzen gibt es derzeit in Berlin – die meisten älteren Baudatums. Innerhalb der zurückliegenden zehn Jahre ist lediglich am U-Bahnhof Hönow eine neue P&R-Fläche mit 157 Plätzen entstanden. „Zu teuer, zu uneffektiv“, lautet die Begründung im Hause des Stadtentwicklungssenators Michael Müller (SPD).

Gefragte Flächen an Bahnhöfen

„Aufgrund der finanziellen Situation gab es seit 2001 keinen Haushaltstitel zur Förderung von Park&Ride-Parkplätzen“, antwortete Müllers Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) auf eine Parlamentarische Anfrage der CDU-Abgeordneten Katrin Vogel. „Hinzu kommt, dass P&R-Plätze hochwertige Flächen in unmittelbarer Nähe an S-Bahnhöfen in Anspruch nehmen, die einer wirtschaftlichen effizienteren Nutzung vorbehalten werden sollten“, so Gaebler.

Dabei wünscht sich der Senat, dass die Brandenburger bereits vor der Stadtgrenze ihre Autos stehen lassen, damit sie nicht die Straßen in der Innenstadt verstopfen. Stattdessen sollen sie auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Schon mit dem Stadtentwicklungsplan Verkehr hatte das Berliner Abgeordnetenhaus 2010 beschlossen, mit dem Land Brandenburg über eine Überarbeitung der gemeinsamen P&R-Konzeption zu verhandeln. „Aufgrund anderer Prioritätensetzung konnte damit aber bisher nicht begonnen werden“, erklärte nun Staatssekretär Gaebler.

Das Brandenburger Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (MIL) wiederum hält weitere P&R-Angebote für erforderlich. Das MIL schätzt, dass im Land zu den bestehenden rund 18.000 P&R-Stellflächen rund 4500 weitere P&R-Plätze hinzu kommen müssten. Mit etwa 1,1 Millionen Euro will Brandenburg dieses Jahr vier zusätzliche P&R-Flächen in Havelland, Oberhavel und Barnim fördern. Den Berliner Standpunkt möchte man im MIL nicht kommentieren „Eine Einschätzung des Bedarfs auf Berliner Stadtgebiet durch das Land Brandenburg erfolgt nicht“, so Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade.

Die Christdemokratin Katrin Vogel nennt die Haltung des Senats „sehr unbefriedigend“. Die Politikerin hat ihren Wahlkreis in Treptow-Köpenick und lebt in Altglienicke. „Ich sehe ja Tag für Tag, wie viele Leute aus Brandenburg kommen, wenn ich morgens durch die Stadt fahre. Viele würden bestimmt ihr Auto stehen lassen, wenn es bessere Angebote gäbe“, ist Vogel überzeugt. Stattdessen sei nun sogar der P&R-Platz am S-Bahnhof Altglienicke infrage gestellt, weil dort ein Investor ein „Welcome-Center“ mit Hotel und Konferenzräumen plane. Die Piraten im Bezirk haben deshalb beantragt, am Bahnhof mindestens 400 Parkplätze für Umsteiger zu erhalten.

Nur 630 Plätze für 14.600 Pendler

Auch die Autofahrerverbände halten eine Abkehr von Park&Ride auf Berliner Stadtgebiet mindestens für fragwürdig. „Die meisten Pendler aus Brandenburg sind wegen der schlechten Nahverkehrsangebote in der Fläche auf das Auto angewiesen“, so Jörg Becker vom ADAC Berlin-Brandenburg. Um Staus in Berlin zu vermeiden, müsse deshalb das P&R-Angebot verbessert werden. Derzeit stünden etwa für 14.600 Pendler aus Falkensee nur 630 Parkplätze an Bahnhöfen zur Verfügung. Rund 55.100 Pendlern aus dem Raum Hennigsdorf könnten gerade auf 1530 P&R-Plätzen ihr Auto abstellen, um in die Bahn umzusteigen. Dabei nutzten bessere Angebote für Pendler auch der Umwelt: 500.000 Liter Kraftstoff und etwa 1000 Tonnen Kohlendioxid könnten eingespart werden. Der Automobilklub appelliert deshalb an den Senat, „die Schaffung zusätzlicher Park&Ride-Angebote außerhalb des Stadtgebiets intensiv voranzutreiben“.

Der Automobilklub ACE hatte 2013 bundesweit Park&Ride-Angebote getestet. Die sieben Berliner Umsteiger-Parkplätze, darunter auch in Falkensee und Altglienicke, waren demnach oft völlig überfüllt. Dabei hatten die Tester herausgefunden, dass Autofahrer viel Zeit und Geld sparen, wenn sie ihr Auto am Stadtrand abstellen. 58 Minuten schneller als Autofahrer waren ACE-Tester mit dem Regionalzug am Berliner Hauptbahnhof. Dabei war die Bahnfahrt rund drei Euro billiger als die Tour mit dem eigenem Fahrzeug. Der ACE kritisiert deshalb, dass die Park&Ride-Anlagen in und um Berlin die Nachfrage „bei Weitem nicht decken“.

Im neuen „Masterplan Parken“, den Müllers Verkehrsverwaltung vorlegen will, wird das Thema Park&Ride keine Rolle mehr spielen. Stattdessen will Berlin mehr für Fahrradfahrer tun, die ihr Vehikel an Bahnhöfen abstellen möchten. „Wir wollen vor allem Bike&Ride-Plätze schaffen und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen“, sagte Sprecherin Petra Roland. „An unserem Standpunkt zum Thema Park&Ride hat sich nichts geändert.“