Ermittlungen

Mord in Steglitz aus Rache nach Missbrauch?

Kioskbetreiber Thomas W. war laut Polizei als Pädophiler aktenkundig. Streit vor dem Mord mit zwei Männern. Zeugen gesucht

Die Ermittlungen im Fall des in Steglitz erstochenen Kioskbesitzers Thomas W. haben eine überraschende Wende genommen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll das Opfer selbst eine kriminelle Vergangenheit gehabt haben. Thomas W. soll Kinder sexuell missbraucht und Kinderpornografie besessen haben. Der Mord könnte demnach eine Rachetat gewesen sein und nicht, wie zunächst angenommen, ein Raubmord.

Wie berichtet, war der 50-Jährige am Freitagabend von Kunden in seinem Blut liegend in dem Geschäft an der Kniephofstraße Ecke Göttinger Straße aufgefunden worden. Als der Notarzt eintraf, konnte er nur noch den Tod des 50-Jährigen feststellen.

Brisanz erlangen die neuen Erkenntnisse vor allem wegen eines Vorfalls, der sich erst kürzlich in dem Zeitungsladen abspielte. In der vergangenen Woche sollen nach Morgenpost-Informationen zwei Männer Thomas W. in seinem Laden aufgesucht haben. Einer der Männer soll W. mehrfach „Kinderschänder“ genannt haben und auf ihn losgegangen sein. Sein Begleiter hielt ihn offenbar zurück und verhinderte eine Schlägerei. Eine Sprecherin der Polizei sagte auf Anfrage, dass dies im Rahmen der Ermittlungen geprüft werde. Anzeige habe Thomas W. wegen des Vorfalls nicht erstattet.

Die Fälle, die der Polizei nach Morgenpost-Informationen bekannt sind, liegen unterdessen recht lange zurück: In den Jahren 2000 und 2002 fiel Thomas W. den Ermittlungsbehörden auf, weil er Kinder sexuell missbraucht und offenbar auch kinderpornografisches Material besessen haben soll. Ob die Auseinandersetzung in der vergangenen Woche im Zusammenhang mit den zurückliegenden Taten steht oder aber auf neuere Taten zurückzuführen ist, die bislang nicht bekannt waren, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Unauffälliger Lebenswandel

Die Meinungen über Thomas W. gehen im Steglitzer Kiez derweil stark auseinander. Wird er von einigen Anwohnern als ausgesprochen freundlich und beliebt beschrieben, äußern andere Skepsis in Bezug auf seine Persönlichkeit. Er sei auffällig freundlich zu Kindern gewesen, heißt es. Er habe oft den Kontakt zu ihnen gesucht, sich mit ihnen unterhalten und ihnen Süßigkeiten geschenkt. „Ich habe meinen Kindern verboten, zu ihm zu gehen, mir kam das komisch vor“, sagt eine Mutter. Eine Bäckerin, bei der Thomas W. regelmäßig Brötchen kaufte, kann sich hingegen nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist. Ein weiterer Anwohner berichtet, wie hilfsbereit Thomas W. gewesen sei, habe er ihm doch neulich geholfen, sein zugefrorenes Auto zu enteisen.

Anwohner haben am Sonnabend Blumen vor den Zeitungsladen gelegt. Es sind nicht wenige.

Der Lebenswandel von Thomas W. wird in der Nachbarschaft als eher unauffällig beschrieben. Er soll alleine gelebt, aber eine Freundin in Thailand gehabt haben, der er Geld schickte. Pünktlich um 18.30 Uhr habe er jeden Abend seinen Laden geschlossen, die Jalousien heruntergelassen und das Licht ausgemacht. Der gelernte Steinmetz wohnte in einer an den Laden angrenzenden Wohnung im Erdgeschoss, insgesamt bezahlte er wohl eine Miete von nur etwa 700 Euro, weil das Objekt von Hausschwamm befallen sein soll.

Der Zeitungsladen galt als Institution im Kiez, lief aber offenbar nicht gut. Eine Nachbarin erzählt, ihr gegenüber habe Thomas W. gesagt, er wolle das Geschäft aufgeben. Auch der vorherige Betreiber des Ladens spricht davon, dass W. kein glückliches Händchen für Geschäfte und sogar Schulden bei ihm gehabt habe. „Der hat sich so durchgewurschtelt“, sagt der ehemalige Besitzer, der seinen Namen nach dem Verbrechen nicht in der Zeitung lesen will. Er sei selbst zweimal in dem Geschäft überfallen und schwer verletzt worden. „Für Räuber ist in solchen Läden schnelles Geld zu holen, die Tür ist offen, und sie müssen nur reingehen.“

Ob es dem Täter um Geld ging, erscheint nach den nun bekannt gewordenen Details jedoch zumindest zweifelhaft. Und selbst wenn etwas aus dem Geschäft entwendet wurde, muss darin nicht unbedingt das Motiv liegen.

Am Tag nach dem Verbrechen fuhren die Ermittler noch mal zum Tatort. Sie suchten unter anderem den nahe gelegenen Friedhof auf Spuren ab. Vermutlich suchten sie vor allem nach der Tatwaffe – einem Messer. Durch die Obduktion der Leiche am Sonnabendvormittag wurde noch einmal eindeutig festgestellt, dass W. erstochen wurde. Einzelheiten wollte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, nicht nennen, „weil es sich um Täterwissen handelt“. Informationen der Morgenpost zufolge wurde Thomas W. mehrfach mit dem Messer attackiert. Ein Stich soll sein Herz getroffen haben.

Im Zeitungsladen sind am Sonnabend noch immer Spuren der Verwüstung zu sehen, die auf einen Kampf schließen lassen. Ein Tisch und Flaschen sind umgefallen, Zeitungen liegen auf dem Boden. Im Laden ist eine Videokamera angebracht. Ob die Tat von einer Überwachungskamera gefilmt wurde, hat die Polizei noch nicht bekannt gegeben.

Eine Stunde Zeitfenster

Thomas W. wurde am Freitag das letzte Mal um 17.45 Uhr lebend gesehen. Eine Stunde später wurde er von einem Mann und einer Frau mit Stichverletzungen in seinem Geschäft gefunden. Die Polizei bittet Zeugen, sich bei der 5. Mordkommission des Landeskriminalamts unter Telefon 46 64 91 15 55 zu melden. Hinweise nimmt auch jede andere Polizeidienststelle entgegen. Interessant für die Ermittler sind insbesondere Beobachtungen, die zwischen 17.45 und 18.45 Uhr am Tatort und in der näheren Umgebung gemacht wurden.