Interview

„Eltern sollten auf das Urteil der Lehrer vertrauen“

Grundschullehrer beraten die Eltern, welche Schulform für ihr Kind infrage kommt.

Dabei berufen sie sich vor allem auf den Zensurendurchschnitt der Schüler. Viele Eltern halten das für ungerecht. Die Noten seien schwer vergleichbar, sagen sie. Regina Köhler sprach darüber mit Bildungsforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin.

Berliner Morgenpost:

Herr Ramseger, wie vergleichbar sind die Grundschulnoten?

Jörg Ramseger:

Schulnoten sind prinzipiell nicht vergleichbar und für die Auswahl von Schülern deshalb nur begrenzt geeignet. Sie sind ein mathematisches Symbol für ein subjektives Werturteil. Viele Studien haben gezeigt, dass die Prognosegenauigkeit der Grundschulempfehlung zwischen 65 und 70 Prozent liegt. Eine höhere Sicherheit ist nicht zu haben.

Welche Erfahrungen haben Eltern gemacht, die sich nicht an die Grundschulempfehlung gehalten haben?

Studien in vergangenen Jahren haben gezeigt, dass etwa ein Drittel der Kinder, die ohne eine entsprechende Empfehlung an einem Gymnasium angemeldet worden sind, es dort geschafft haben. Allerdings haben hingegen etwa zwei Drittel der Kinder mit Gymnasialempfehlung das Abitur geschafft.

Gibt es objektivere Kriterien als Noten?

Standardisierte Leistungstests wären möglich, sind aber sehr aufwendig in der Konstruktion. Doch ich warne vor asiatischen Verhältnissen. Dort werden die Kinder permanent getestet. Die Eltern sind extrem darauf fixiert, und die Kinder büffeln von morgens bis abends. Das ist nicht wünschenswert. Die Tests erfassen immer nur ein kleines Leistungsspektrum. Das Spektrum der Schule würde damit auf einige wenige Kernkompetenzen reduziert. Zudem würden solche Tests keine individuell angemessenen Unterrichtsangebote mehr zulassen. Die brauchen wir aber, wenn wir Kinder mit verschiedenen Fähigkeiten gemeinsam unterrichten wollen.

Was ist Ihre Empfehlung?

Die Eltern sollten auf das Urteil der Lehrer vertrauen. Die geben sich große Mühe und sind bestimmt nicht leichtfertig. Dieses Urteil ist zwar subjektiv und individuell gefärbt, aber nicht völlig beliebig. Es ist ein fachliches Ermessensurteil, getragen von den Erfahrungen des jeweiligen Lehrers. Es ist wertvoll, wenn auch nicht mathematisch eindeutig.

Es gibt also keine völlige Gerechtigkeit bei der Beurteilung von Schülern?

Nein, und damit müssen Eltern sich abfinden. Schulerfolg ist nicht vollständig planbar und nicht eindeutig vorhersehbar. Manches hängt vom Zufall ab, zum Beispiel davon, in welche Klasse das Kind kommt oder an welchen Lehrer es gerät. Eltern sollten darauf vertrauen, dass ihr Kind seinen Weg findet, und sie können diesbezüglich seit der Sekundarschulreform auch beruhigter sein. Alle Oberschulen führen heute zum Abitur, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen.

Welche anderen Kriterien spielen für den Lernerfolg eines Kindes eine Rolle?

Für das Lernen sind mitunter auch unvorhersehbare Dinge entscheidend. Längere Krankheiten, die Scheidung der Eltern, Probleme in der Pubertät.