Erinnerungskultur

Wenn die Heimat abgebaggert wird

Neues Archiv erinnert an 136 verschwundene Dörfer durch den Abbau von Braunkohle

Heimat, das ist mehr als irgendein Ort. Sie gehört zur menschlichen Identität. Wenn es stimmt, was Psychologen sagen, dann verloren die Einwohner von Horno einen Teil ihrer Seele. Zehn Jahre ist es nun her, dass das Dorf in der Niederlausitz abgebaggert wurde, damit mehr Braunkohle gefördert werden kann. Doch der Schmerz sitzt tief – auch wenn sich das Leben im umgesiedelten Neu-Horno inzwischen „normalisiert“ habe, wie Dorfvorsteher Bernd Siegert sagt. Die Freiwillige Feuerwehr, der Männerchor, der Spielmannszug – „Es ist uns einigermaßen gelungen, das gesellschaftliche Miteinander zu bewahren.“ Horno (niedersorbisch Rogow) ist nur ein Ort von vielen, die in den vergangenen fast 100 Jahren der Braunkohleindustrie zum Opfer fielen. In Neu Horno – einem Stadtteil der Kreisstadt Forst im Südostzipfel von Brandenburg – haben sie einen „Gedenkort“: Das „Archiv verschwundener Orte“.

Seit 2006 erinnert es an sämtliche Orte, die in der Lausitz bereits abgebaggert wurden. 136 Dörfer mussten dort seit 1924 dem Braunkohlebergbau ganz oder teilweise weichen – wurden „abgerissen, devastiert“, wie Archivleiterin Dörthe Stein sagt. Mehr als 25.000 Menschen verloren ihr Zuhause.

Basis des Dokumentationszentrums ist eine begehbare Landkarte der Lausitz. Alle verschwundenen Orte sind dort verzeichnet und rot markiert – auch das alte Horno. Die Stimmung ist ein bisschen wie auf einem Friedhof. Finanziert hat das „Archiv verschwundener Orte“ der Energiekonzern Vattenfall. Er will auch in Zukunft Geld mit der Kohle aus der Lausitz verdienen. Weitere Orte sollen den Braunkohlebaggern weichen. Alleine für den Ausbau der Braunkohle-Lagerstätte Jänschwalde-Nord bei Cottbus sollen drei Dörfer weichen: Grabko, Kerkwitz und Atterwasch. Viele der Bewohner kämpfen gegen ihre Umsiedlung, andere haben bereits aufgegeben.

Archivleiterin Stein stammt selbst aus Horno. Im Frühjahr 2004 machten Bagger das Dorf mit der mittelalterlichen Feldsteinkirche dem Erdboden gleich. 320 Einwohner mussten ihre Häuser verlassen. „Es war nicht schön“, sagt die 44-Jährige. „Ich wünsche es keinem, jemals so eine Umsiedlung erleben zu müssen.“ Heute lebt ein Großteil der Bürger von Alt-Horno im 20 Kilometer entfernten Neu-Horno, ein Retortendorf am Rande von Forst mit modernen Mehrfamilienhäusern. Doch: „Neue Häuser geben nicht das Heimatgefühl wieder“, sagt Ortsvorsteher Siegert. Unter den Älteren seien viele traumatisiert.

Wichtig und einzigartig sei diese Erinnerungskultur, betont Archivleiterin Stein. „Manche Besucher sind überglücklich, wenn sie ihr Haus oder ihren Ort wiedersehen.“ Andere gingen rückwärts wieder heraus – „mit Tränen in den Augen“. Rund 1000 Besucher kämen jedes Jahr, auch von weit her. In den westdeutschen Braunkohlerevieren, etwa im Rheinland, gebe es solch eine Gedenkkultur nicht, sagt Stein.

Trotz der Energiewende ist die Braunkohle wieder stark im Kommen. 2013 stieg die klimaschädliche Stromproduktion aus dem fossilen Energieträger auf den höchsten Wert seit 1990. Und der Energiehunger wächst.

Bernd Siegert war schon Ortsvorsteher im alten Horno und hat einen Großteil seines Lebens gekämpft: gegen die Industrie, gegen die Politik, vor Bundes- und EU-Gerichten und vor dem schwedischen Parlament, denn Vattenfall ist ein schwedischer Staatskonzern. Am Ende wurde Horno trotzdem abgebaggert. „Wir waren Verlierer“, sagt der 62-Jährige. Das Wichtigste sei aber, überhaupt gekämpft zu haben für seine Heimat. Siegerts Worte klingen nicht verbittert, eher stolz. Immerhin, sagt er, könne man seinen Kindern und Enkelkindern sagen: „Wir haben alles versucht.“