Sicherheitskonzept

Neongelb für mehr Sicherheit

Die Deutsche Bahn verstärkt ihre Präsenz in den wichtigsten Bahnhöfen. Mitarbeiter in leuchtenden Westen sollen Randalierer und Diebe vertreiben

Der Mann in der dunkelgrünen Tarnjacke ist knallrot im Gesicht. Drohend baut er sich auf dem S-Bahnsteig vor seinem Gegenüber, einem älteren Herrn mit Aktentasche auf und fängt an, ihn wüst zu beschimpfen. Der völlig verängstige Reisende schaut sich hilfesuchend um, doch weit und breit ist keine Helfer in Sicht. Szenen wie diese sind an Berliner Bahnhöfen häufiger zu erleben. Nicht selten kommt es dabei auch zu Handgreiflichkeiten oder gar Gewalttaten. Obwohl deren Zahl statistisch gesehen vergleichsweise gering ist, fühlen sich viele Fahrgäste vor allem in den Abend- und Nachtstunden oft nicht sicher. Das soll sich jetzt ändern.

Mit speziellen Einsatz-Teams will die Bahn gegen Randale und Belästigung, aber auch gegen Fahrkartenbetrug, Graffiti und Buntmetalldiebstahl verstärkt vorgehen. „An größeren und mittleren Bahnhöfen erhöhen wir die Präsenz von Sicherheitskräfte um das Zwei- bis Dreifache“, kündigte am Donnerstag der Sicherheitschef der Deutschen Bahn, Gerd Neubeck, bei der Vorstellung des neuen Konzepts am Berliner Ostbahnhof an. Bundesweit seien inzwischen 16 Einsatzgruppen mit insgesamt 150 Mitarbeitern gebildet worden, die zuvor unter anderem ein spezielles Deeskalationstraining erhalten haben. Die Sicherheitskräfte seien an gelben Signalwesten zu erkennen und in der Regel den ganzen Tag über auf den Bahnsteigen unterwegs. „Sie sind vor Ort präsent und für unsere Kunden ansprechbar“, so Neubeck.

Bei ihrem Einsatz gehe es nicht allein darum, Straftaten zu verhindern, sondern auch gegen gewalttätige Randalierer oder aufdringliche Bettler vorzugehen, hieß es. Was nicht bedeute, dass Obdachlose, die gerade bei aktuell eisigen Temperaturen häufig Schutz in großen Bahnhöfen suchen, verjagt werden sollen. „Niemand wird vertrieben, solange er sich ordentlich benimmt“, sagte Neubeck. Die Bahn habe seit Jahren eine freundliche und tolerante Haltung, die beibehalten werden soll. „Da gibt es Eisenbahnen in Europa, die da ganz anders handeln“, so Neubeck. Allerdings gebe es Grenzen. Käme es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen oder werde der Bahnhof vorsätzlich verunreinigt, müssten auch Obdachlose mit einem Verweis rechnen, sagte ein Bahnsprecher.

Drei Einsatzteams in Berlin

Drei der 16 neuen Einsatzteams sind aktuell in Berlin stationiert. Jede Gruppe hat dabei einen speziellen Einsatzschwerpunkt. Dazu gehören die Sicherheit der Fahrgäste an den Bahnhöfen, der Kampf gegen Graffiti-Schmierereien und den Buntmetall-Diebstahl. Gerade die Buntmetalldiebe sorgten zuletzt wiederholt für erhebliche Störungen im Bahnverkehr, sind doch die bei ihnen besonders begehrten Kupferkabel oft Teil der Sicherheits- und Signaltechnik, ohne die der Zugverkehr heute nicht funktioniert. Mehr als ein Ärgernis sind für die Bahn Graffitischmierer. Pro Jahr verursachen sie bundesweit einen Sachschaden von 7,6 Millionen Euro. Das bereits 2013 gebildete Einsatzteam „Graffiti“ für Berlin und Brandenburg habe allein im Vorjahr 100 Täter auf frischer Tat stellen können, so die Bahn.

20 Mitarbeiter gehören zum Einsatzteam „Stationen“. Sie ergänzen die bereits 300 von der Bahn eingesetzten Sicherheitskräfte in der Hauptstadt und sollen vor allem auf den Stationen Zoologischer Garten, Friedrichstraße, Alexanderplatz, Ostbahnhof, Gesundbrunnen und Lichtenberg patroullieren. Diese Bahnhöfe seien nach der Anzahl der Fahrgäste – insgesamt an allen sechs Stationen rund eine Million Fahrgäste am Tag – und der Häufung krimineller Delikte ausgewählt worden. „Wir wollen die Präsenz dort verstärken, wo es Not tut“, begründete Neubeck die Auswahl.

Die neuen Einsatzteams sind weder mit Waffen noch mit besonderen Rechten ausgestattet. Sie verfügen lediglich über eine Ausbildung und einige Mittel zur Selbstverteidigung. „Wir wollen keine Hilfssheriffs nach amerikanischen Vorbild“, betonte Neubeck. Nach dem Gesetz hätten die Mitarbeiter Jedermannsrechte wie jeder Reisende oder Passant auch, sagte ein Bahnsprecher. Die speziell ausgebildeten Mitarbeiter, die vor ihrem Einsatz eine IHK-Prüfung für Sicherheitskräfte ablegen müssen, könnten im Bahnhof Hausverweise und im Zug Beförderungsverbote aussprechen. Gewaltsam durchsetzen dürfen sie diese Anordnungen jedoch nicht, dies bleibe der Polizei vorbehalten.

„Das Wichtigste ist ohnehin, beruhigend auf die Streithähne einzuwirken“, sagt Jörg K., einer der Mitarbeiter im neuen Einsatzteam „Stationen“. Er habe die Erfahrung, dass allein das selbstbewusste Auftreten der uniformierten Streife schon eine Situation beruhigen kann. Hilfreich sei auch die Erste-Hilfe-Ausbildung, die die Mitarbeiter alle zwei Jahre wiederholen müssten. Dass sie durch die signalgelben Westen jetzt weithin sichtbar sind, stört seinen Kollegen Meik P. nicht. „Wir wollen uns ja nicht verstecken“, sagte er.

Keine Neueinstellungen

Bundesweit setzt die Deutsche Bahn rund 3700 Sicherheitskräfte ein. Deren Zahl soll sich auch nicht erhöhen. „Wir planen da keine Neueinstellungen“, so Neubeck. Das Einsatzkonzept sei lediglich dahingehend geändert worden, dass die Mitarbeiter auf Schwerpunkte konzentriert würden. Eine ständige Präsenz von Sicherheitskräften an allen 5300 Stationen im deutschen Eisenbahnnetz sei weder notwendig, noch bezahlbar, betonte Neubeck. Es käme darauf an, „die Kräfte zu bündeln“. Was im Umkehrschluss auch heißt, dass an kleineren Bahnhöfen und in berlinfernen Regionen künftig eher weniger Sicherheitskräfte zu sehen sein werden.