Ausschreibung

Deutsche Bahn wagt den Alleingang

Der Konzern bewirbt sich um die Ringlinien der Berliner S-Bahn – jetzt aber ohne Partner

Die Deutsche Bahn will um den lukrativen S-Bahn-Auftrag in Berlin kämpfen – und das ohne fremde Hilfe. Als erster von mehreren Interessenten hat das bundeseigene Unternehmen jetzt offiziell verkündet, ein Angebot für das von den Ländern Berlin und Brandenburg europaweit ausgeschriebene Teilnetz Ring abgeben zu wollen. Der Aufsichtsrat des Bahnkonzerns habe bei einer Sondersitzung am Donnerstag dem Vorschlag des Konzernvorstands zugestimmt, hieß es in einer Erklärung. Zugleich billigte das Aufsichtsgremium den Vorschlag des Konzernvorstands, die im November gestartete Ausschreibung neuer S-Bahn-Fahrzeuge fortzusetzen. Dies bedeutet auch, dass frühere Pläne vom Tisch sind, sich in einem Bieterkonsortium mit den Zug-Lieferanten Siemens und Stadler um den Milliardenauftrag zu bewerben.

Bislang betreibt die Deutsche Bahn das gesamte Berliner S-Bahn-Netz in Eigenregie. Nach zahlreichen Pannen und jahrelangen Einschränkungen des Betriebs hatte sich der Senat 2012 zu einer Ausschreibung zumindest eines Teil des Netzes entschlossen. Gesucht wird ein neuer Betreiber für die Ringbahn-Linien S41 und S42 sowie dreier Zubringer-Linien. Der neue Betreiber muss zudem die für diese Linien benötigten etwa 400 S-Bahn-Triebwagen neu anschaffen. Der Auftrag umfasst rund ein Drittel des gesamten Berliner S-Bahn-Angebots, das täglich von bis zu 1,3 Millionen Fahrgästen genutzt wird. Die Ausschreibung hat einen Umfang von 9,4 Millionen Zug-Kilometern im Jahr und gilt damit als einer der größten Nahverkehrsaufträge in Europa. Nach Aussagen von Verkehrssenator Michael Müller (SPD) will der Senat bis Jahresende entscheiden, welches Unternehmen den Betriebsauftrag ab Dezember 2017 erhält.

Der Zeitplan ist überaus optimistisch: Hat doch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der das überaus komplexe Wettbewerbsverfahren im Auftrag der Länder führt, die möglichen Bewerber nach einer aufwendigen Pre-Qualifikation und monatelangen Vorgesprächen noch nicht einmal zur Abgabe eines konkreten Angebots aufgefordert. Viele Details des Auftrags seien bisher überhaupt noch nicht klar, heißt es aus Bieterkreisen. Das soll sich in Kürze aber ändern. Dem Vernehmen nach will der VBB im Frühjahr – voraussichtlich Mitte April – die Interessenten auffordern, ein verbindliches Angebot abzugeben. Dies ist dann die Stunde der Wahrheit. Angesichts der großen finanziellen Anforderungen könnte sich die Zahl der Bewerber schnell auf einige wenige reduzieren.

Allein der Kauf der rund 400 neuen S-Bahn-Triebwagen kann je nach gewünschter Ausstattung zwischen 600Millionen und einer Milliarde Euro kosten. So kam vor zwei Wochen die Meldung nicht überraschend, dass die Deutsche Bahn erwägt, sich bei ihrer Bewerbung mit starken Partnern aus der Industrie, den Schienenfahrzeugherstellern Siemens und Stadler, zusammenzutun. In einem noch zu gründenden Gemeinschaftsunternehmen hätte die Bahn wie schon heute die Organisation des laufenden S-Bahn-Betriebes übernommen, die Fahrzeughersteller hingegen hätten die tägliche Wartung der Züge und deren langfristige Instandhaltung übernommen. Dieses – in anderen EU-Ländern, aber auch in Niedersachsen praktizierte Modell – hätte für die Deutsche Bahn allerdings Neuland bedeutet. Entsprechend groß waren die Widerstände insbesondere bei der starken Eisenbahner-Gewerkschaft EVG, die einen Abbau von Arbeitsplätzen in den S-Bahn-eigenen Werkstätten befürchtete.

Heftige Kritik übten aber auch andere Fahrzeughersteller, die in einem möglichen Konsortium zwischen Bahn und Siemens/Stadler einen Verstoß gegen das Kartellrecht sahen. Lange juristische Auseinandersetzungen hätten gedroht. Doch die Deutsche Bahn ist von Anfang an mehrgleisig gefahren. Am Ende hat sie sich für die „klassische Variante“ entschieden: Betrieb, Fahrzeugkauf und Instandhaltung aus einer Hand. Es war am Ende wohl auch eine Frage der Reputation, ob Europas größtes Verkehrsunternehmen ausgerechnet am eigenen Konzernsitz die Hilfe Dritter benötigt, um einen Großauftrag zu erhalten.