Berliner helfen

„Es wird schlimmer werden“

Die Kälte wird zum Problem für Obdachlose. Die Berliner Morgenpost und der Radiosender 104.6 RTL starten deshalb eine Hilfsaktion

Draußen wird es langsam dunkel. Es schneit und es ist nasskalt. Jenny De la Torre hat ihre Sprechstunde gerade beendet. Sie sieht müde aus. Etwa 20 Patienten hat sie an diesem Montag behandelt. Obdachlose Menschen, von denen die meisten keine Krankenversicherung haben. „Immer öfter kommen aber auch arme Menschen zu uns“, sagt die Ärztin. Die werden nicht weggeschickt. „Wer kommt, hat Hilfe nötig. Wir fragen deshalb nicht weiter, sondern helfen.“ Bei diesem Wetter haben viele einen Infekt oder eine Halsentzündung. „Das wird noch schlimmer, wenn es so kalt bleibt“, sagt die Ärztin.

Jenny De la Torre ist eine kleine Frau. Sie hat schwarze Haare und freundliche braune Augen. Seit fast zwanzig Jahren kümmert sie sich um Obdachlose. 2006 hat sie gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Pflugstraße 12 in Mitte ein Gesundheitszentrum eingerichtet. Von Montag bis Freitag betreut sie dort Menschen, die in Obdachlosenheimen oder auf der Straße leben. Und immer mehr Arme.

Mike braucht warme Schuhe

Rund 100 Menschen kommen jeden Tag in das Haus an der Pflugstraße. Sie lassen sich von Jenny De la Torre behandeln oder von einem der Fachärzte, die hier ehrenamtlich Sprechstunden anbieten. Andere haben Fragen an die Sozialarbeiterin, brauchen Rechtsberatung oder ein Mittagessen.

Mike ist noch nicht bei Jenny De la Torre gewesen. Er lebt zwar schon seit mehr als drei Jahren auf der Straße, richtig krank war er aber zum Glück bisher nicht. An diesem Montag sitzt der 32 Jahre alte Mann auf der Bahnhofsbrücke Friedrichstraße. Er hat mehre Sachen übereinander gezogen und eine rotkarierte Decke auf den Brückenboden gelegt, die ihm als Sitz gilt. Die nasse Kälte kriecht trotzdem in seinen Körper. Er friert. Da hilft es auch nicht, immer wieder die Hände aneinander zu reiben.

Mike sammelt Geld. „Für Essen“, sagt er und fügt hinzu, dass er gerade dabei ist, ein neues Leben zu beginnen. Die Spielsucht habe ihn zu Fall gebracht. Seine Lehre als Koch habe er deshalb abgebrochen, Schulden gemacht, die Wohnung verloren. Nun soll alles anders werden. Anfang Januar ist Mike in einem sozialen Wohnprojekt untergekommen. Und er will seine Lehre wieder aufnehmen. Er will es jedenfalls versuchen. „Bei diesem Wetter brauchen Obdachlose vor allem Schlafsäcke und warme Sachen“, sagt Mike. Er weiß das aus Erfahrung. Den vergangenen Winter hat er nachts meist unter der S-Bahnbrücke am Tiergarten verbracht. Da zieht es nicht so, sagt er, und bei Regen werde man nicht nass.

Aber auch hier auf der Bahnhofsbrücke sind warme Sachen nötig. Mike sitzt schon seit zwei Stunden dort. 2.50 Euro hat er von Passanten bekommen, die meist in aller Eile an ihm vorübergehen. „Etwas mehr müsste es schon noch werden“, sagt Mike. Gefütterte Schuhe wären auch schön, in seinen Halbschuhen habe er ständig kalte Füße.

In diesen Tagen werden aber nicht nur warme Sachen dringend gebraucht. Dieter Puhl, er leitet die Berliner Bahnhofsmission am Bahnhof Zoologischer Garten, hat noch einen anderen Wunsch. „Wir würden uns sehr über Rucksäcke, Reisetaschen oder Rollkoffer freuen“, sagt er. Die Obdachlosen bräuchten etwas, um ihre dicken Sachen und ihre Decken unterzubringen. „Das passt nicht in eine Plastiktüte.“ Außerdem habe es etwas mit Menschenwürde zu tun. „Die Leute sehen eben nicht wie Penner aus, wenn sie tagsüber ihre Sachen in Koffern oder Taschen bei sich tragen, statt in Plastikbeuteln.“

Puhl sagt, dass die Berliner spendenfreudig sind. Er hofft deshalb auf möglichst viele Koffer und Taschen. Natürlich würden auch Geldspenden helfen. Die Bahnhofsmission sei rund um die Uhr geöffnet, zusätzliches Personal dafür unabdingbar. „Ohne Spenden schaffen wir das nicht“, sagt Puhl.

Kurz vor 17 Uhr drängeln sich mindestens 40 Menschen vor dem Eingang der Bahnhofsmission. Gleich gibt es Abendessen. Dieter, er ist gerade 60 Jahre alt geworden und seit 15 Jahren obdachlos, steht ganz vorn in der Schlange. Er hat Hunger und er will sich ein wenig aufwärmen.

Dieter trägt einen bunten Pullover. Darunter ein blaues Hemd. Darüber eine schwarze Lederjacke. Seine schwarzen Hosen stecken in halbhohen Schuhen. „Ich habe auch lange Unterhosen. Die ziehe ich aber erst an, wenn es noch kälter wird“, sagt er.

Schlafen wird Dieter heute Nacht in einem Obdachlosenwohnheim. Draußen zu bleiben, das schafft er nicht mehr. „Ich bin nicht mehr ganz gesund“, sagt Dieter. Und er sagt auch, dass er gern wieder arbeiten würde. „Früher war ich mal Pförtner bei der Deutschen Bahn und auch im Reinigungsdienst.“ Kürzlich hat ihm jemand eine Arbeit versprochen. Worum es sich handelt, könne er noch nicht verraten, sagt Dieter. Er hoffe sehr, dass es klappt.

Ralf Sponholz ist einer der zehn festangestellten Mitarbeiter der Bahnhofsmission. „Bei diesem Wetter haben wir besonders viel zu tun hier“, sagt er. Ohne freiwillige Helfer wäre das nicht zu schaffen. Etwa 100 Ehrenamtliche würden ihn und die anderen Mitarbeiter unterstützen. Hinzu kämen jährlich rund 190 Menschen, die sich entscheiden durften, zu arbeiten, statt eine Gefängnisstrafe anzutreten.

Sponholz kennt viele der Obdachlosen, die sich im Essensraum an den Tischen drängen. „Bei dieser Kälte kommen auch nachts viele Menschen zu uns“, sagt er. Denen würden die Mitarbeiter der Bahnhofsmission eine Liste mit Adressen von Notunterkünften geben. Oder eben warme Schuhe, einen Schlafsack oder eine dicke Jacke. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. „Schlafsäcke sind viel besser als Decken“, sagt Sponholz. Sie seien deutlich wärmer und böten den Obdachlosen auch mehr Schutz.

Auch Jenny De la Torre gibt ihren obdachlosen Patienten Ratschläge, wenn es darum geht, wo sie in diesen Wintertagen die Nächte verbringen können. „Eine gute Sache ist der Kältebus der Berliner Stadtmission“, sagt sie. Jeder Berliner sollte die Handynummer parat haben, unter der dieser Bus gerufen werden kann. „Wer einen obdachlosen Menschen abends draußen auf der Straße oder im Park liegen sieht, der sollte den Kältebus rufen.“ Bei Minusgraden drohe sonst der Kältetod oder mindestens eine Lungenentzündung.

In Berlin gebe es rund 11.000 Wohnungslose, sagt De la Torre. Die meisten von ihnen würden in Obdachlosenheimen und anderen Unterkünften leben. „Die anderen sind auf der Straße. Sie brauchen dringend unsere Hilfe.“ Geld- und Sachspenden sind gefragt.

Wer spenden will, kann dies über den Verein Berliner helfen tun (siehe Info-Kasten), der die die Arbeit von Jenny De la Torre und der Bahnhofsmission unterstützt.