Filmstar

Die Welt schaut auf ein Flüchtlingsheim

Kamerateams aus den USA, China und Japan besuchen Berlinale-Gewinner Nazif Mujic in Berlin

Nazif Mujic sieht müde aus. Es ist das dritte Interview, das er gibt an diesem Tag. An anderen waren es manchmal noch mehr. Zuletzt waren es ein Kamerateam aus den USA, das seine Geschichte hören wollte. Am Tag zuvor waren Medien aus Frankreich, China und Japan da, um sich davon zu überzeugen, dass die Nachricht wahr ist: Dass ein Filmstar der Berlinale, ausgezeichnet 2013 als bester männlicher Darsteller, in einem Asylbewerberheim lebt und fürchtet, in seine Heimat Bosnien abgeschoben zu werden. In die Heimat, von der jener preisgekrönte Film erzählte – und in dem Nazif Mujic sich selbst spielte.

Nazif Mujic empfängt die Journalisten im Pausenzimmer des Sicherheitspersonals und nicht mehr wie zuvor in seinem Wohnraum. Seit unentwegt Journalisten vor der Tür stehen, haben die Pförtner Anweisung, diese nur noch nach Anmeldung in die Wohngebäude zu lassen. Das Asylbewerberheim war einmal ein Seniorenheim, es liegt tief im Wald, weit weg von der Welt. 450 Menschen leben hier. Alle haben ähnlich tragische Geschichten wie Nazif Mujic und seine Familie. Doch nur für ihn interessieren sich die Journalisten. Ihnen erzählt Mujic, heute 43 Jahre alt, dass tatsächlich alles so war wie im Film. „Wahrheitskino“ eben, an dem die Kritiker die Authentizität lobten. Ein Mann lebt in einer baufälligen Hütte in einer Roma-Siedlung bei Tuzla und versucht, mit Schrottsammeln seine Familie zu ernähren. Er tut alles, um seine Frau Senada zu retten, die nicht krankenversichert ist und beinahe stirbt, weil kein Arzt sie ohne Bezahlung behandeln will.

Neid und Unverständnis

Über eine Zeitungsnotiz war der bosnische Regisseur Danis Tanovic auf Nazif Mujic aufmerksam geworden. Nach dem Erfolg seines Films auf der Berlinale hatte Mujic auf weitere Engagements in Bosnien gehofft. Und auf eine Krankenversicherung für seine Familie. Was ihm stattdessen begegnete, waren Neid und Unverständnis. Der Berlinale-Preis war undotiert, doch seine Nachbarn glaubten, er sei nun reich. Man hatte ihn für seine schauspielerische Leistung ausgezeichnet, doch eine neue Filmrolle bekam er nicht. Vor zwei Monaten schließlich packten Mujic und seine Frau Senada die Koffer, verkauften das Auto und fuhren mit ihren drei Kindern nach Deutschland. Hier, so stellt Mujic sich vor, könnte sein zweiter Film beginnen, dessen Drehbuch er schon genau vor Augen hat. Es beginnt mit der Ankunft in Berlin nach 24 Stunden im Bus. Dann folgt der Tag bei der Ausländerbehörde, als er den Beamten seinen silbernen Berlinale-Bären auf den Tisch stellt und die Aufnahme in Deutschland beantragt. Den Einzug in das Flüchtlingsheim in Gatow, das so gar nichts zu tun hat mit der schillernden Stadt, die Mujic vor einem Jahr bei der Berlinale am Potsdamer Platz kennenlernte. Der Film könnte auch schildern, wie sie den Bescheid bekamen, dass sie in Deutschland nur noch bis zum 25. Februar geduldet sind.

Vielleicht würde der Film auch vom Alltag im dem Asylbewerberheim handeln. Es ist ein ehemaliges Altenheim. Nazif Mujic sagt: Sie hätten hier Angst, so weit weg von der Stadt und den Menschen, von denen er sich Arbeit erhofft und Anerkennung – als Asylbewerber wie als Schauspieler. Die Schulkinder, seine älteste Tochter ist sieben, müssen weit mit dem Bus fahren. Momentan dürfen die Kinder dort gar nicht hin, denn es herrscht Quarantäne wegen Masern. Die meisten Bewohner sind muslimisch, wie auch Familie Mujic – sie leiden unter dem Essen, von dem sie sagen, es werde mit Schweinefleisch zubereitet. Mujic erzählt von alldem in den Interviews. In Japan, hat er erfahren, läuft sein Film gerade im Kino. Die Menschen dort, haben die japanischen Reporter gesagt, seien voller Sorge, wie es mit ihm weitergeht, dem Filmstar aus dem „Wahrheitskino“.