Reportage

Puzzle aus Asche

Rund 7000 Mal im Jahr brennt es in Berlin. Wenn die Feuerwehr die Flammen gelöscht hat, suchen die Brandermittler der Polizei nach der Ursache. Doch wie ermittelt man an einem Ort, wo das Feuer viele Spuren vernichtet hat? Christina Brüning und Sergej Glanze (Fotos) haben eine Kommissarin begleitet

Der Geruch. Von der Ferne wie ein lodernder Kamin, dessen Rauch durch einen Schornstein quillt. Aus der Nähe überwältigend herb und dunkel. Penetrant. Nach Minuten sind Haare und Kleidung vollgesogen. Der Geruch ist jetzt überall. Susanne Hagedorn schlingt ihre langen braunen Haare zu einem Dutt und stopft sie unter den gelben Schutzhelm. Über Jeans und Pullover hat sie einen grau-grünen Overall mit dem Schriftzug „Polizei“ gezogen. Ihre schwere schwarze Jacke gehört eigentlich zur Ausrüstung der Feuerwehr, weil sie aber auch für ihre Arbeit so praktisch ist, haben die Brandermittler ausrangierte Kleidung der Feuerwehr übernommen.

Die 45-Jährige stemmt die Arme in die Hüften, wirft einen Blick auf die Ruine vor ihr. „Da war wenig Plastik dabei“, sagt sie. „Nach einem Wohnungsbrand in einem Bau aus den 70ern riecht es ganz anders.“ Susanne Hagedorn steht in einem Gärtchen, von Jägerzaun und rot-weißem Flatterband der Feuerwehr umrandet. Es gibt einen kleinen zugefrorenen Teich, ein Vogelhäuschen, Gartenstühle. Eine Tafel am Zaun wirbt für Preisskat am Sonnabend. Die Sonne scheint auf einen Rhododendron, dessen Blätter an einer Seite seltsam schwarz glänzen. Es ist die Seite des Buschs, die dem Haus zugewandt ist. Falls man noch Haus zu dem sagen kann, was hier steht.

Das Feuer ist verheerend gewesen. Am Vortag um 4 Uhr rief ein Anwohner die Feuerwehr. Doch da stand das alte Reetdachhaus schon fast vollständig in Flammen. 70 Feuerwehrleute brauchten Stunden, bis es nirgendwo mehr glühte. Übrig blieb fast nichts. Zumindest nichts von dem, was einmal war. Aus dem beliebten Lokal in Spandau, direkt an einem Sportplatz gelegen, Treffpunkt der Vereinsmitglieder, ein denkmalgeschützter Bau von 1921, ist ein Gerippe mit einem Schornstein in der Mitte geworden. Angefüllt mit schwarzem, holzkohleartigem Geröll.

Tatort oder nur Unglücksort?

Nach dem Feuer kommt die Polizei. Kriminaloberkommissarin Susanne Hagedorn und ihre Kollegen vom LKA 123, einem von drei Brandkommissariaten des Landeskriminalamtes. Aus Schutt und Asche sollen sie herausfinden, warum es überhaupt gebrannt hat. Ihre Ermittlungsarbeit gilt als eine der schwierigsten bei der Kriminalpolizei. Sie unterscheidet sich oft sehr von der Arbeit der Kollegen. Angefangen damit, dass die Brandermittler zu Beginn ihrer Arbeit gar nicht wissen, ob sie einen Tatort vor sich haben oder nur einen Unglücksort. Anders als bei Einbruch oder Mord ist meistens lange unklar, ob es überhaupt eine Straftat gegeben hat. Oder vielleicht nur einen technischen Defekt. Oder menschliches Versagen.

Fingerabdrücke? Vom Feuer vernichtet. DNA-Spuren? Hat oft spätestens das Wasser der Feuerwehr fortgeschwemmt. Wenn es richtig kräftig brennt, dann reißen die Feuerwehrleute Wände ein, schmeißen Einrichtungsgegenstände auf die Straße und greifen zu Löschschaum. Die Feuerwehr tut alles, um ihren Auftrag zu erfüllen. Sie will das Feuer bekämpfen und auch das letzte bisschen Glut finden. Das hat Vorrang vor dem Auftrag der Polizei. Die Brandermittler scherzen in diesen Fällen, dass die Feuerwehr ihnen Wohnung oder Haus „besenrein“ übergibt.

An diesem Dezembermorgen beginnen Susanne Hagedorn und ihr Kollege Jörg Moll (Name geändert) mit Übersichtsaufnahmen. Aus jedem Winkel wird die verbrannte Gaststätte fotografiert. Nur ganz rechts an der dreiflügeligen Eingangstür ist noch ein Rest gelblicher Farbe zu erkennen. Die Scheiben sind zerborsten, das Dach eingestürzt. Verkohlte Balken liegen kreuz und quer. Und überall im Schutt Reste der Halme, die zusammen einmal ein Reetdach waren. Oben auf dem halbmeterhohen schwarzen Geröll hinter der Eingangstür thront, wie von Zauberhand verschont geblieben, ein dickes Berliner Telefonbuch, nur an den Rändern ein wenig verkohlt.

„Hier vorn hat es nicht angefangen“, sagt Susanne Hagedorn und deutet auf die Farbreste an der Tür. Die Hitze war hier nicht am größten. Auch den Schuppen neben dem Haus schließen die Kommissare als Brandherd aus. Zu viele der hier abgestellten Geräte und Flaschen in den Regalen sind unter dem Ruß noch erkennbar, ein Schirmständer aus Plastik nur geschmolzen und nicht verbrannt. In einem großen Mülleimer steckt kopfüber eine Propangasflasche in gefrorenem Wasser. „Da hat wohl die Feuerwehr verhindern wollen, dass die auch noch explodiert“, sagt Jörg Moll.

Der Wintergarten hinter dem Gebäude, direkt am Sportplatz, ist gar nicht mehr vorhanden. Im Inneren des alten Hauses stehen nur noch die Zwischenwände. In einem Raum sind Reste einer Küche zu erkennen. Ohne Hilfe kommen die Kommissare hier nicht weiter. Sie müssen rekonstruieren, was wo gestanden hat. Wo etwa elektrische Geräte waren, die durchgebrannt sein könnten. „Jetzt beginnt die Puzzlearbeit“, sagt Susanne Hagedorn. An manchen Brandorten schleppen die Kommissare die Möbel, die zuvor von der Feuerwehr aus dem Haus geräumt wurden, wieder in die Räume zurück. Sie wollen sehen, wie alles ausgesehen haben könnte. Sehen, wo das Feuer am stärksten gewütet hat. Wo der erste Funke gewesen sein könnte. Doch im abgebrannten Reetdachhaus gibt es keine Möbel mehr.

Susanne Hagedorn hat darum die Pächterin der Gaststätte gebeten, an diesem Morgen bei der Begehung der Polizei dabei zu sein. Aber die Frau steht noch unter Schock. Sie schickt ihre erwachsene Tochter, die beim Anblick der Ruine erst einmal minutenlang mit den Tränen kämpfen muss. Doch bevor die junge Frau mit den Polizisten durch die Fensterrahmen ins Haus steigt, um zu erklären, wo einmal Bar, Sitzecke und Fußballleinwand standen, treffen die Polizei-Spürhunde am Brandort ein.

Unter den Diensthunden der Berliner Polizei gibt es nicht nur solche, die Drogen oder Sprengstoff finden können. Die Brandmittelspürhunde Rocky und Lennox sind auf Benzin und Diesel, Spiritus und Grillanzünder, Nitroverdünner und Terpentin konditioniert. Nacheinander sollen sie nun das abgebrannte Haus absuchen. Zwei Tiere werden deshalb eingesetzt, um die Fehlerquote möglichst gering zu halten.

Der Hund winselt und kann es kaum abwarten, bis Hundeführer Christian Große, 30, ihm kleine Gummischuhe über die Pfoten gezogen hat. Zum Schutz vor Splittern und Nägeln im Schutt. „Rocky, spüren“, sagt Große, und steigt mit dem Hund ins kaputte Haus. Es dauert nur wenige Minuten hektisches Laufen von hier nach da, dann legt sich der Hund im hinteren Teil des Hauses an eine Wand und schaut erwartungsvoll zu seinem Herrchen. Christian Große stellt ein Blechschild mit einer „1“ darauf an der Stelle ab. Ein paar Minuten später zeigt Rocky eine weitere Stelle mitten im Raum weiter vorn an, die ebenfalls markiert wird.

Zum Schluss seines Einsatzes sucht Rocky im Garten noch ein Stückchen mit Terpentin präpariertes Tuch und wird für seinen Fund ausgiebig belohnt. „Am Ende muss der Hund immer ein Erfolgserlebnis haben, damit er weiterhin motiviert ist“, sagt Christian Große. Bei der eigentlichen Suche im Brandschutt werden die Hunde für ihre Fundstellen noch nicht belohnt.

Beide Hunde finden dieselbe Stelle

Im konkreten Fall etwa erklärt die Tochter der Pächterin, dass ein Regal mit Flaschen und die Bar an den Stellen gestanden haben, wo Rocky anschlug. „Kann also sein, dass da einfach Schnaps verbrannt ist und der Geruch davon die Hundenase gereizt hat. Das riecht vermutlich so ähnlich wie Spiritus“, sagt Susanne Hagedorn. Auch Lennox legt sich exakt an den beiden Stellen im Haus hin, die auch der erste Hund schon gefunden hat.

Nicht immer brauchen die Ermittler für die Suche nach Brandbeschleunigern die Hilfe von Hunden. Hat das Feuer noch nicht alles vernichtet, ist es für die Kommissare wesentlich leichter zu erkennen, wo der Brandherd war. Dort nehmen sie dann die Proben, die zur Untersuchung ins Labor kommen. Manche Tricks ihrer Ermittlungsarbeit wollen die Kommissare nicht verraten. Gängig sei es aber, auf dem Boden nach „landkartenartigen Einbrennungen“ zu suchen, den typischen Flecken, die eine vergossene Flüssigkeit beim Brennen hinterlässt.

In Spandau aber geht das nicht mehr. „Wie konnte es hier nur so stark brennen“, fragt die Tochter der Pächterin noch immer sichtlich schockiert. „Holzvertäfelung und Reetdach. Wir wissen gar nicht, wo genau es ausgebrochen sein könnte“, sagt Jörg Moll. „Vielleicht unterm Dach, vielleicht in den hinteren Räumen, da sieht es noch schwärzer aus als vorne.“ Die Hunde müssen also helfen, den Ort zu identifizieren, an dem überhaupt Proben zur weiteren Untersuchung genommen werden sollten.

Außerdem sind die Hunde schnell, gerade bei großen Flächen ist das von Vorteil. An besser überschaubaren Brandorten nutzen die Kommissare dagegen auch den „PID“, den Photoionisationsdetektor, den „Hund als Maschine“, wie Susanne Hagedorn es ausdrückt. „Da ist vorn eine Art Saugrüssel dran, und das Gerät kann gewisse Brandbeschleuniger auf chemische Weise sozusagen erschnüffeln.“ Hunde seien jedoch oft besser.

Für die Proben hat Susanne Hagedorn speziell präparierte Tüten dabei. Die sind von innen steril und rundherum verschweißt. Dort, wo die Hunde angeschlagen haben, schneidet Hagedorn eine Tüte auf und ihr Kollege schaufelt mit einem Spaten verkohltes Holz und Asche hinein. Direkt danach werden die Tüten luftdicht wieder verschlossen und sorgsam beschriftet. Die Proben für die Kriminaltechnik abzufüllen ist das Letzte, was Moll und Hagedorn an diesem Vormittag in Spandau tun. „Wir heben die Beschlagnahmung hier wieder auf“, sagt Susanne Hagedorn. Die Ermittlungsarbeit geht nun am Schreibtisch weiter. Und im Labor.

Im Strafgesetzbuch beschäftigen sich die Paragrafen 306 und folgende mit dem Delikt der Brandstiftung und seinen unterschiedlichen Ausprägungen: einfache, schwere oder fahrlässige Brandstiftung sowie solche mit Todesfolge. Auch das „Herbeiführen einer Brandgefahr“ oder einer Explosion steht unter Strafe. Gleichzeitig erkennt das deutsche Strafrecht auch „tätige Reue“ an – wer ein verursachtes Feuer wieder löscht oder zu löschen versucht bevor großer Schaden entsteht, dem kann das Gericht Milde zeigen.

Jedoch gibt die Statistik einen Eindruck davon, wie schwierig es offenbar für die Strafverfolgungsbehörden ist, einen Täter überhaupt vor Gericht zu bringen. Zwischen 7000 und 8000 Mal brennt es in Berlin im Jahr. Nicht alle Feuer sind Großbrände, auch Feuerwehreinsätze wegen brennender Mülltonnen zählen dazu. Die Zahl der Brandstiftungen, die von der Polizei in den vergangenen Jahren erfasst wurden, schwankte zwischen knapp 700 und 1200. In manchen Jahren gelingt es der Polizei, jede fünfte dieser Straftaten aufzuklären, mal ist es jede vierte. Eine höhere Aufklärungsquote als gut 29 Prozent für Brandstiftungen gab es zuletzt nicht.

Vorsatz nachzuweisen ist schwierig

Gerade den Vorsatz für eine Tat nachzuweisen ist kompliziert. Frustrierender als die Ursache eines Feuers nicht zu finden sei es, wenn jemand vor Gericht laufen gelassen werden müsse, erzählt Susanne Hagedorn. Es habe Fälle gegeben, da seien sie und ihre Kollegen sich sicher gewesen, dass ein Keller- oder Zimmerbrand mit Absicht gelegt wurde, nur konnten sie es für das Gericht nicht hinreichend beweisen. „Das macht manchmal schon wütend“, sagt die Ermittlerin. Wer einmal erlebt habe, welch Todesangst Menschen bei einem Feuer durchleben, der könne es schwer ertragen, wenn die Verursacher dieser Gefahr nicht zur Rechenschaft gezogen würden. „Brandstiftungen sind gemeingefährliche Straftaten. Wir nehmen unsere Arbeit deshalb sehr ernst.“

Im 3. Brandkommissariat des LKA, zu dem Susanne Hagedorn und Jörg Moll gehören, arbeiten acht Kollegen. Hagedorn war bis vor Kurzem die Stellvertreterin des Kommissariatsleiters, gerade übernimmt sie vorläufig die Aufgaben ihres bisherigen Chefs Thomas Behle. Ihr Büro liegt an den alten Fluren mit grünem Linoleum in dem wuchtigen Kaiserzeitbau an der Keithstraße in Tiergarten. Hagedorn ist seit 1996 Brandermittlerin. Es sei die „perfekte Mischung aus Außen- und Innendienst, aus Tüftelei und klassischer Polizeiarbeit“, sagt sie.

Der Schreibtisch von Kriminalhauptkommissar Behle wirkt winzig, wenn der große Mann mit dem raspelkurzen Haar auf dem alten Bürostuhl dahinter sitzt. Behle, 44, erzählt, dass die Arbeit im Brandkommissariat nicht zu den Traumjobs der Polizeianwärter gehört. „Der Job gilt als schmutzig, stinkend und schwierig“, sagt Behle. Und glamourös ist er auch nicht. Kein Krimi hat Brandkommissare als Hauptfiguren. „Wenn der Nachwuchs dann aber mal bei uns eine Ausbildungsstation gemacht hat, sind die meisten überrascht, wie abwechslungsreich die Arbeit hier ist.“ Allein in der zurückliegenden Woche bekamen die Brandkommissare drei neue Fälle, die in Berlin für Aufmerksamkeit gesorgt haben: ein völlig ausgebrannter Supermarkt in Kreuzberg, eine schwere Brandstiftung in einem Neuköllner Wohnhaus und 25 brennende Wagen auf dem Stellplatz mehrerer Autohändler in Niederschöneweide.

Seit Beginn der 30er-Jahre gehöre die Ursachenermittlung bei Feuern zur Arbeit der Kriminalpolizei, so Behle. Inzwischen werden die Brandermittler bei fast allen Löscheinsätzen der Feuerwehr zeitnah ebenfalls alarmiert. Es habe einen Grund, weshalb nicht die örtliche Polizei, sondern das Landeskriminalamt auch bei kleinen Feuern hinzugezogen werde, erklärt der Kommissar. „Wir haben es oft mit Serientätern zu tun und wollen bei jedem Fall einen Überblick über die Zeugen und das Umfeld behalten. Alles kann da wichtig sein.“

Brandstifter hätten oft ein ganz typisches Profil, erzählen Behle und Hagedorn. Natürlich gebe es jene, die aus Rache oder Eifersucht Feuer legen oder die Versicherungsbetrüger, die ihre Kneipe oder ihr Firmenbüro anzünden. Der Serientäter jedoch sei in der Regel männlich, deutsch und sozial verarmt, häufig alkoholsüchtig.

Typisches Serientäter-Profil

„Die suchen Aufmerksamkeit“, sagt Behle. „In vielen Fällen geben diese Männer sich auch gern als Zeugen aus und rufen selbst die Polizei.“ Serientäter können einen erheblichen Schaden anrichten. Nach 2011 ging die Zahl der Autobrandstiftungen schlagartig zurück, nachdem die eigens dafür eingerichtete Sonderkommission „Feuerschein“ einen Mann festgenommen hatte, der allein für mindestens 106 Brandanschläge verantwortlich war.

Auf den Schreibtischen von Behle und Hagedorn liegen Tüten, Gläser und Röhrchen mit weißen Etiketten. „Der Polizeipräsident in Berlin“ steht staatstragend oben auf jedem dieser Behälter. Darunter die Beschreibung zur Herkunft der verkohlten Holzstückchen, angesengten Papiere und verbrannten Teppichstücke. In regelmäßigen Abständen werden die Proben, die sich bei der Arbeit der Brandermittler sammeln, nach Tempelhof gebracht. Am Tempelhofer Damm, gegenüber dem Polizeipräsidium, hat die Kriminaltechnik ihren Sitz. Die Behälter kommen ins Dezernat 4, „Wissenschaftliche Kriminaltechnik“. Hier werden DNA-Proben analysiert, Schmauchspuren nach Schusswaffengebrauch untersucht, Faserspuren ausgewertet, die Zusammensetzung von Rauschgiften bestimmt oder Blut auf Alkohol- und Drogenrückstände geprüft.

Für die Proben der Brandermittler zuständig ist das Team von Dr. Ursula Hendriks, 61, Sachgebietsleiterin „Allgemeine Chemie“. Die Analyse der verkohlten Überreste eines Feuers gehört zur Hauptarbeit der Chemiker hier. Eine höhere Fallzahl haben nur die Autolackanalysen, die etwa nach Unfällen mit Fahrerflucht durchgeführt werden. „Wenn wir Proben bekommen, dann entscheidet die Priorität des Falls, ob wir sie uns sofort anschauen, oder ob sie erst einmal in der Asservatenkammer landen“, sagt Hendriks.

Zuerst werde mit einem Vortest überprüft, wie viel Brandbeschleuniger in einer Probe vorhanden sei, um die nachfolgende Analytik anzupassen, erklärt Hendriks. Geht es dann an die Analyse, wird die Probe auf 70 Grad erhitzt, dann schneiden die Chemiker ein kleines Loch in die Tüte mit der Brandprobe, in das ein Röhrchen eingesteckt wird. Alle freigesetzten Gase werden in das Röhrchen eingezogen. Mit diesem Fang geht es dann an den Gaschromatographen. Hier wird das Röhrchen wieder erhitzt, die eingelagerten Gase entweichen jetzt in eine 30 Meter lange, dünne, innen beschichtete Säule. In Stufen wird die Temperatur auf bis zu 320 Grad Celsius erhöht – dadurch spaltet sich die Probe in ihre chemischen Einzelteile auf.

Gutachten aus dem Labor

„Ein sogenanntes Massenspektrometer stellt dann fest, um welche Substanzen es sich handelt“, erklärt Hendriks. Am Ende gibt es ein „Chromatogramm“ der Stoffe. Gut eine Stunde dauert so eine Analyse. Beim Verdacht auf festen Grillanzünder als Brandmittel wird zusätzlich mit einer Infrarotanalyse gearbeitet, um die Substanzen zu bestimmen.

Die Art der Zusammensetzung ergebe dann, um welchen Brandbeschleuniger es sich gehandelt haben kann. Die Produktbestimmung erfolgt anhand einer laufend aktualisierten Datenbank, die für unzählige Feuerzeugbenzine, Lacke und Grillanzünder die Zusammensetzung kennt. „Bei uns kommt dann ein drei oder vier Seiten langes Gutachten an, in dem steht, was in unserer Probe gefunden wurde und was die Untersuchung gekostet hat“, sagt Hauptkommissar Thomas Behle. Vor Gericht könne einem Täter der Aufwand in Rechnung gestellt werden. 150 bis 200 Euro werden für eine einzige Brandmittelprobe fällig.

„Die beliebtesten Brandbeschleuniger sind ganz schlicht Spiritus, Benzin oder Grillanzünder“, sagt Ursula Hendriks. „Was man halt so überall kaufen kann.“ Jede Brandstiftung entlarven könne das Labor aber nicht. „Die Chemie detektiert die Stoffe, aber ohne die polizeilichen Ermittlungen danach nützt das allein nichts.“

Wenn etwa als Brandbeschleuniger Nagellackentferner festgestellt worden sei und auch Nagellackentferner auf der Kleidung und im Haushalt des mutmaßlichen Täters, heiße das noch nicht viel. „Wir können ja nicht wie bei einer einzigartigen DNA sagen, der Brandbeschleuniger kommt definitiv aus der Flasche aus dem Haushalt des Verdächtigen und es ist Nagellackentferner aus derselben Flasche auf seiner Kleidung zu finden“, sagt Hendriks. „Das kann sein, aber Brandbeschleuniger und Flecken in der Kleidung könnten auch ganz unterschiedlicher Herkunft sein.“ Indizien seien das, keine Beweise.

Im Fall Spandau warten Susanne Hagedorn und ihre Kollegen noch auf das Analyseergebnis der Proben, zu denen Lennox und Rocky die Ermittler geführt haben. Die Kriminaltechnik ist notorisch überlastet. Wenn kein dringender Tatverdacht und Eile besteht, kann es Wochen und Monate dauern, bis ein Gutachten da ist. Offen also, ob die Hunde Schnaps oder Spiritus entdeckt haben.

Susanne Hagedorn betreibt derweil klassische Ermittlungsarbeit: Sie vernimmt Zeugen. Den Anwohner, der die Feuerwehr rief. Die Feuerwehrleute selbst. Die Pächterin und das Umfeld. Hagedorn versucht herauszufinden, wer gesehen haben könnte, von wo das Feuer sich im Haus ausbreitete. Und ob es überhaupt ein Motiv, irgendeinen Anhaltspunkt für eine mögliche Brandstiftung gegeben haben könnte. Es sieht so aus, als würde das Großfeuer im Reetdachhaus einer der typischen Fälle der Brandermittler. „Wir können uns noch auf gar nichts festlegen“, sagt Susanne Hagedorn. Und das bedeutet, nichts kann ausgeschlossen werden. Am Ende kann unter einem Ermittlungsvorgang wegen Brandstiftung dann auch der Vermerk „Eine technische Ursache kann nicht ausgeschlossen werden“ stehen. Die Akte wird dann geschlossen.