Meine Woche

Jauch ist kein Lanz

Gilbert Schomaker über Stifter, Spender und Präsidentenschelte

Es sollte ein Festakt für die Demokratie werden. Doch der offizielle Arbeitsbeginn des neuen Landtags in Potsdam diese Woche wurde eine Peinlichkeit. Das hat mit dem zweithöchsten Mann im Staat zu tun. Mit Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Anfangs verlief alles normal. Es gab eine Würdigung durch Landtagspräsident Gunter Fritsch („der Geschichte bewusst, der Zukunft verpflichtet“) und auch durch den Bundestagspräsidenten („Wir eröffnen das erste eigene Parlamentsgebäude in der mehr als tausendjährigen Geschichte Brandenburgs“). Doch dann verrannte sich Lammert in eines seiner Lieblingsthemen. Er kritisierte die TV-Talkshows. Sie seien weder unterhaltsam, noch politisch bedeutsam. Sie seien „hoffnungslos inflationiert“, geredet werde viel, entschieden werde nichts. „Entschieden wird im Parlament“, sagte der Präsident des höchsten deutschen Parlaments.

Vielleicht hätte man die Kritik noch irgendwie verstehen können. Denn ist es ja nicht das erste Mal, das Lammert über Plasberg, Illner und Co lästert. Schon vor mehr als einem Jahr hatte Lammert per Interview kritisiert, dass die Moderatoren scheinbar immer dann eingreifen würden, wenn sich eine ernsthafte Debatte entwickelt. Doch auf der Zuschauertribüne im Potsdamer Landtag saß einer, der eine solche Talkshow Woche für Woche vor einem Millionen-Publikum moderiert – und der zu den beliebtesten seiner Branche zählt: Günther Jauch. Und genau auf Jauch zielte Lammert offenbar mit seiner Attacke. Denn seine harsche Kritik hatte er begonnen mit den Worten: „Jetzt müssen Sie ganz tapfer sein Herr Jauch, so wie oft am Sonntagabend.“

Dabei saß Jauch nicht zufällig auf der Zuschauertribüne. Der Moderator, von seiner Frau begleitet, war geladen worden, weil er zur Jahrtausendwende mit seinem finanziellen Engagement die Wiedererrichtung des etwa drei Millionen Euro teuren Fortunaportals ermöglicht hatte. „Der Initialzündung“ (so die Potsdamer CDU) für das dann später ebenfalls wiederaufgebaute Stadtschloss mit seinem neuen Kern, dem Landtag. Da gibt es also einen Förderer, der Millionen für die Beseitigung historischer Narben in der Stadtmitte spendet, und als Dank bekommt er vom Bundestagspräsidenten seine berufliche Tätigkeit vorgehalten. Verstehen kann man das nicht.

Gerade auch nicht, weil doch viele Politiker erstens die TV-Talkshows ja auch suchen, um ihre Ideen und sich selbst zu präsentieren. Und zweitens, kann man auf diesem Weg zumindest einem Teil der Bevölkerung sperrige politische Themen nahebringen. Immerhin hat Jauch am Sonntagabend deutlich höhere Einschaltquoten, als Live-Übertragungen aus den Parlamenten dieser Republik. Und Jauch ist auch kein Lanz.

Aber die Gefahr der Lammert-Worte ist eigentlich noch größer. Wer Stifter und großzügige Spender öffentlich auf diese Weise bloßstellt, darf sich doch nicht wundern, wenn Mäzene es sich zwei oder dreimal überlegen, wofür sie ihr Geld noch geben sollen. Ein anderes prominentes Potsdamer Beispiel ist Hasso Plattner, der am Widerstand bestimmter linker Politiker und eines Teils der Bevölkerung scheiterte. Der SAP-Gründer und Milliardär wollte der Stadt Potsdam eine Kunsthalle stiften – in der Nähe des Stadtschlosses.

In Berlin findet übrigens Anfang April wieder die Stiftungswoche statt. Dann gibt es viele gute Worte für gute Taten und die Arbeit der Stiftungen und Stifter. Die Städte und Kommunen in Deutschland freuen sich über jeden, der sich bürgerschaftlich engagiert. Die Stadt Potsdam will Günther Jauch für sein Engagement mit einer Stele am Stadtschloss ehren. Der ehemalige Ministerpräsident und Potsdamer Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Günther Jauch ist ein Stadtbürger, wie ihn sich jeder Bürgermeister nur wünschen kann.“ Jauch jedenfalls will sich weiter engagieren, nun für die Neptungrotte im Park Sanssouci.

Gilbert Schomaker leitet gemeinsam mit Christine Richter die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Christine Richter über ihre Woche in Berlin.