Kino

Der Leinwandheld aus Lichtenrade

Berlin-Premiere: Der Schüler Rafael Kaul ist Hauptdarsteller in „Ricky – normal war gestern“

„Einfühlsam, hilfsbereit und mit seiner eigenen kleinen Welt im Kopf“, so beschreibt Rafael Ricky. Ricky lebt in Thüringen, ist elf Jahre alt und hat Probleme mit seinem großen Bruder, weil der in der Pubertät ist. Und weil die Eltern auf dem Dorf, aus dem viele wegziehen, in wirtschaftliche Not geraten. Und weil die Brüder sich in ein und dasselbe Mädchen verlieben. Ricky ist die Hauptperson im Kinofilm „Ricky – normal war gestern“ der am heutigen Sonntag, 14Uhr, im Kino Toni in Weißensee Berlin-Premiere hat.

Rafael Kaul ist ein echter Berliner und er spielt diesen Ricky. „Rafael“, sagt er, sei „genau wie Ricky“. Nur dass der jetzt zwölf Jahre alte Junge aus Lichtenrade eine große Schwester hat, die mit ihm Karten spielt und die Krimiserie Navy CIS im Fernsehen schaut.

Im Sommer 2012 verbrachte Rafael 25 von 26 Drehtagen am Set. Er hatte seine eigene Garderobiere und eine Kinderfrau – und nur gute Erlebnisse mit der Crew rund um Regisseur Kai S. Pieck. „Es war toll“, sagt Rafael. Das einzige, was den Jungschauspieler nervte, war die Warterei vor den Aufnahmen – und Drehs, die sich wegen falschen Wetters oder eines unwilligen Hundes hinzogen. Überhaupt – das Warten. Rafael sagt, er sei ein fröhlicher Mensch – und so wirkt er auch –, aber was ihm wirklich die Laune verderben kann, ist Vorfreude: „Vorfreude, die zu lange dauert, weil das Ereignis noch Wochen entfernt ist.“ Etwa Weihnachten oder ein Geburtstag oder der Filmstart. Denn der war einige Male verschoben worden.

Gesehen hat er den vor einem Jahr fertiggestellten 88 Minuten langen Film schon einige Male. Die Uraufführung war am 28. Mai 2013 auf dem Festival Goldener Spatz in Gera und Erfurt. Es folgten weitere Festivals, auf denen das 750.000-Euro-Projekt gezeigt wurde: in München, Marburg und Münster und sogar in Tschechien, Italien, China, den Niederlanden, Belgien, Finnland, Großbritannien, Armenien, Irland und Indien. Als nächstes sind die USA an der Reihe. Am Donnerstag fliegt Rafael mit seiner Mutter Bettina zum „Children’s Film Festival Seattle 2014“.

Rafael hat dann Winterferien, seine Mutter muss sich Urlaub nehmen. Zu den Dreharbeiten für Ricky war die ganze Familie angereist, um in Rafaels Nähe zu sein, auch Vater Andy und Schwester Marie. Als die Urlaubstage der Eltern verbraucht waren, lösten sich die beiden Großmütter ab. An den Wochenenden holte Andy Kaul seinen Sohn nach Berlin, damit er den Kontakt zu Familie und seinen Freunden während dieser Zeit halten konnte.

Rafaels Leidenschaft für die Video-Fantasiefiguren Pokémon hat ihn vor die Kameras gebracht. Über das Internet hatte er sich vor vier Jahren per Foto bei einem Pokémon-Fan-Wettbewerb beworben und eine Einladung zu einem Nintendo-Fest im Filmpark Babelsberg gewonnen. Dort wurde er für einen Werbespot gecastet – und gewann. Es folgte ein Dreh in Hamburg, der Rafael so gut gefiel, dass seine Mutter mit ihm bei der Modelagentur Kids vorstellig wurde. Rafael überzeugte und wird seitdem von Kids für Castings vermittelt. Seit 2010 hatte er sieben, acht Castings gehabt, gedreht hat er zwei Spots, einen Lehr- und jetzt den Kinofilm“, sagt seine Mutter.

„Einen Teil der Gagen legen wir fest an, den Rest darf er ausgeben“, sagt die Mutter. Doch ums Geld geht es Rafael gar nicht. „Schauspielern soll Spaß machen. Sonst nichts.“ Eine berufliche Perspektive sieht er darin nicht. „Ich will Informatik oder Bionik studieren. Entschieden ist aber noch nichts.“