Sinnsuche

Unendliche Begeisterung

Das Universum fasziniert die Berliner. Vor allem junge Menschen suchen beim Blick in das Weltall Antworten auf existenzielle Fragen. Das Zeiss-Großplanetarium hat fast 25 Prozent mehr Besucher

Er ist zwölf Jahre alt, als er sich fragt, wo eigentlich sein Platz im Universum ist. Die Suche beginnt. Tim Florian Horn sieht alle Science Fictions, verschlingt astronomische Literatur und trägt alle Himmelsdaten zusammen, die er bekommen kann. Antworten verspricht er sich im Planetarium seiner Heimatstadt Kiel. Doch er muss erst einmal am Boden bleiben – und Karten verkaufen. Mit 14 Jahren darf er seine erste Veranstaltung moderieren, mit 16 hält er seinen ersten Vortrag zum Thema „Mission Mars“. Heute ist Tim Florian Horn 31Jahre alt. Seit sieben Monaten leitet er das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg und kann schon den ersten Höhenflug melden. Die Besucherzahlen sind im vorigen Jahr um fast ein Viertel gestiegen. 76.766 Besucher wollten 2013 mehr über das Universum erfahren, ein Jahre zuvor waren es nur 62.393.

Woher kommt die neue Faszination für die Sterne, das Weltall und die Astronomie? „In einer immer schnell lebigeren Zeit braucht der Mensch eine Orientierung“, sagt Horn. Vor 500 Jahren hätte man Kirchen gebaut, um den Menschen einen Halt zu geben. Heute, in unserer säkularisierten Welt, entstünden stattdessen Tempel der Wissenschaft. Museen, Hochschulen und Planetarien – sie alle seien Plätze, um der Wissenschaft ein Forum zu bieten. Und wo Menschen Antworten auf die großen Fragen des Lebens fänden: Wo kommen wir her? Wie ist die Erde entstanden? Wie sieht die Zukunft aus? Sind wir allein im Universum? Horn st überzeugt: „Bei allein 200Milliarden Sternen in unserer Milchstraße ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es irgendwo noch weiteres Leben gibt.“

Vortragsreihe „Astronomie aktuell“

Doch nicht nur die Sterne ziehen die Besucher an. Die Menschen würden sich wieder mehr für ihren gesamten Planeten und seine Geschicke interessieren, sagt der Planetariumsleiter. Das zeige zum Beispiel das Thema Klimawandel. Er gebe aber noch weitere Indizien für die neue Lust am „Sternegucken“: Kurz nach seinem Amtsantritt hat er die Vortragsreihe „Astronomie aktuell“ ins Leben gerufen. Einmal im Monat erklärt er den aktuellen Sternenhimmel und die neue Forschungsergebnisse der US-Raumfahrtbehörde NASA, der europäischen Weltraumorganisation ESA und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Anfangs kamen 20 Leute, jetzt sind es bis zu 160, die seinen Ausführungen folgen.

Isabella Paulsen und Jan Gillich gehören zu den regelmäßigen Besuchern des Zeiss-Großplanetariums. Die 31-jährige Officemanagerin ist „fasziniert von der Unendlichkeit“ und findet die Galaxien und Sternennebel „total ästhetisch“. Für ihren Freund zählt mehr die philosophische Komponente, der Anreiz zur Selbstreflexion. „Hier wird mir klar, was für ein kleiner Punkt ich bin auf einer Erde, die auch wieder nur ein kleiner Punkt im Weltall ist“, sagt der 33-jährige Grafik-Designer. Auf einmal bekämen der Alltag und die Steuererklärung eine ganz neue Dimension. Auch die Hipster-Szene habe das Universum für sich entdeckt, hat Jan Gillich festgestellt. Er sähe viele junge Leute mit T-Shirts, auf denen Galaxien oder die Milchstraße aufgedruckt sind.

Das Zeiss-Großplanetarium gehört gemeinsam mit der Archenhold-Sternwarte in Treptow zum Kreuzberger Technikmuseum. Auch in der Archenhold-Sternwarte ist das Interesse am Universum „ungebrochen“, sagt der Leiter der Einrichtung, Felix Lühning. Er war zuvor auch der Chef des Zeiss-Planetariums und hat diese Doppelfunktion jetzt aufgegeben. „Ein Planetarium erzählt, wie das Universum funktioniert, eine Sternwarte, wie es erforscht wird“, erläutert er die unterschiedlichen Ansätze. In einer Sternwarte können Sterne und Planeten „live“ durch ein Riesenfernrohr beobachtet werden, allerdings nur bei gutem Wetter. In einem Planetarium wird der Sternenhimmel dagegen von einem Projektor in der Kuppel erzeugt – unabhängig von Staub, Licht und Wolken über Berlin. Der Blick durch das Riesenfernrohr wird immer beliebter. Bei gutem Wetter kommen zwischen 60 und 80 Besucher, daher hat der Sternwarten-Chef immer ein zweites kleineres Fernrohr betriebsbereit. Einmal im Monat hat er zuvor einen öffentlichen Beobachtungstag im Programm gehabt. Seit diesem Jahr bietet er zweimal monatlich, jeweils am Freitagabend, den Blick auf die Sterne und andere Planeten an.

Etwa 100 Mitglieder arbeiten im Förderverein vom Zeiss-Großplanetarium und Archenhold-Sternwarte mit. Vorsitzender Dietmar Fürst hat einen weiteren neuen Trend ausgemacht: „Immer mehr Besucher kaufen eine Jahresmitgliedschaft als Geschenk für den Partner, Freunde oder Bekannte.“

Den heute typischen Planetarium- und Sternwarten-Besucher erkennt Monika Staesche an einem Spruch, den sie „zu hassen gelernt hat“. Sie ist die wissenschaftliche Leiterin im Planetarium am Insulaner in Schöneberg und bekommt immer wieder zu hören: „Ich war das letzte Mal vor 30 Jahren mit der Schule hier.“ Das seien die klassischen Fälle, erzählt sie. Nach dem Schulbesuch hätten sie die Astronomie vergessen, bis die eigenen Kinder Fragen stellen und wissen wollen, wo die schwarzen Löcher herkämen. Dann fielen ihnen die Planetarien wieder ein.

360-Grad-Bilder in der Kuppel

Insgesamt 79.000 Besucher kamen 2013 ins Planetarium am Insulaner, weitere 20.000 besuchten die dazugehörige Wilhelm-Foerster-Sternwarte am Munsterdamm. Die guten Besucherzahlen sind auch auf das Fulldom-System zurückzuführen, mit der das 1965 eröffnete Planetarium ausgestattet ist. Das sind acht moderne Hochleistungsbeamer, die in der Kuppel bewegte 360-Grad-Bilder entstehen lassen. Sie können sie Besucher auf eine simulierte Reise durchs Weltall schicken oder auf fremden Planeten landen lassen. Seit zwei Jahren bereichern die Beamer das Programm mit 3D-Shows, wie zum Beispiel mit Pink Floyds „Dark Side of the Moon“.

Ganz neu im Programm ist eine Reise durch die Galaxis zu den „Milliarden Sonnen“. Der 45-Minuten-Film wurde in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA und Planetarien aus ganz Europa produziert. Die Show erzählt von der Weltraummission Gaia. Die hat zum Ziel, mit einem Satelliten ein Prozent aller Sterne unserer Milchstraße in 3D zu vermessen und mit den Ergebnissen das Weltall zu kartieren. Der Erfolg habe sich gleich bei der Film-Premiere Anfang Januar gezeigt, sagt Monika Staesche. Der Kartenverkauf für die nächste Vorstellung am 31.Januar, 18 Uhr, laufe sehr gut.

Jetzt, wo so viele Besucher das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg entdeckt haben, kommt die Nachricht von der Sanierung fast ungelegen: Das 1987 eröffnete Haus wird Ende März für etwa ein Jahr schließen. In dieser Zeit soll es für 12,8 Millionen Euro umgebaut und modernisiert werden. Tim Florian Horn geht diese Aufgabe mit guten Erfahrungen an. Er arbeitete am Hamburger Planetarium, als es komplett saniert wurde. Und er war am Planetarium in San Francisco in Kalifornien beschäftigt, als dort ein Neubau dazukam. Eines hat er daraus gelernt. „Ich werde jeden Morgen eine Runde mit dem Bauhelm machen“, sagt der Astronom.

Er freut sich jetzt schon auf die Zeit nach der Sanierung. Dann hat er sein Ziel erreicht, nicht nur das größte, sondern auch das modernste Sternentheater – wie er es nennt – in Deutschland zu haben. Denn auch das Zeiss-Großplanetarium wird mit einem Fulldome-System und dazu noch einen neuen Sternenprojektor ausgestattet. Die neue digitale Technik macht es dann möglich, zu einem neu entdeckten Planeten schon eine Stunde später in der Planetariumsshow zu fliegen.

Künftig sollen aber auch die Themen in der Kuppelhalle erweitert werden. Der Leiter des Planetariums will anhand der Chemie, Biologie, Geologie, Medizin, Kultur und Musik erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. So könnte er zum Beispiel zeigen, „wie Moleküle in eine Zelle einfliegen.“ Tim Florian Horn weiß: Nur den Großen Wagen am Sternenhimmel zeigen – das reicht heute längst nicht mehr.