Landwirtschaftsschau

Alles Bio oder was?

So grün ist die Grüne Woche wirklich: Die Trends, Wahrheiten und Verbrauchertipps der Agrarmesse

Wer noch nie auf der Grünen Woche war, denkt zunächst einmal an gutes Essen, viel Gemüse und glückliche Tiere auf deutschen Wiesen. Und natürlich an Bio, Öko und Naturprodukte aus seiner Region. Doch wie sehr stimmt diese Vorstellung mit der Realität überein? Was sollten Verbraucher bei ihrem nächsten Einkauf beachten und welche neuen Biotrends sind auf der Messe zu sehen? Ein Rundgang mit Agrarexpertin Reinhild Benning von der Organisation Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigt auf, wie grün die Grüne Woche wirklich ist.

Was sind neue Bio-Trends?

Eine neue Entwicklung dieses Jahr ist „urban beekeeping“, das Imkern in der Stadt. „Mit unserem Konzept der Bienenkiste lassen sich mit verhältnismäßig wenig Aufwand selbst Bienen halten“, sagt Angelika Sust vom Verein Mellifera. Auf der Dachterrasse, im eigenen Garten oder auch in den Prinzessinnengärten in Kreuzberg ist dies für Großstädter möglich. Wichtig sei der wesensgemäße Aspekt dabei, also die artgerechte Haltung mit nur sehr geringen Eingriffen in das natürliche Leben des Bienenvolkes. „Viel Honig bleibt dabei jedoch nicht übrig. Für den Eigenbedarf reicht es zwar, das meiste wird aber den Bienen überlassen“, sagt Sust. Hobbyimker können sich vor Ort in der Bio-Halle am Stand des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) informieren.

Direkt gegenüber ist man beim Bioverband Demeter vom Modell der „Community Supported Agriculture“ (CSA) überzeugt. „Das ist ein ganz großer Trend, allein in Berlin gibt es eine riesige Nachfrage dafür“, sagt Jasper Heilmann von Demeter. Die Idee der solidarischen Landwirtschaft ist die Kooperation von Verbrauchern auf regionaler Ebene mit einem Landwirt. Für die Landwirte bedeutet das wirtschaftliche Sicherheit, die Verbraucher bekommen regelmäßig regionales Nahrungsmittel.

Wie öko ist die Grüne Woche?

Mit Halle 1.2b haben die Bioverbände gerade einmal die Hälfte des Raumes Platz, um ihre Produkte zu präsentieren. Einerseits wenig angesichts der 26 Messe-Hallen auf 124.000 Quadratmetern. Andererseits völlig angemessen bei Betrachtung der Zahlen des deutschen Umweltbundesamts: Nur 6,2 Prozent der Ackerbaufläche wird hierzulande für die ökologische Landwirtschaft verwendet. „Das Ziel der Bundesregierung liegt zwar bei 20 Prozent für diesen Bereich. Wenn sich jedoch nichts ändert, sind wir erst 2078 soweit“, sagt Benning. Als Folge davon müssten derzeit 50 Prozent der Bioprodukte in Deutschland importiert werden, um die Nachfrage zu bedienen. Zudem seien die staatlichen Subventionen noch zu niedrig für Betriebe, die sich als Biohöfe zertifizieren lassen wollen.

Konventionelle Landwirtschaft vs. Ökologischer Landbau?

„Ach wie süß“, rufen die Kinder, als sie die Küken sehen. Am Stand des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft watscheln 23 Jungtiere in einem Glaskasten umher, der etwa einen Quadratmeter groß ist. „Das Problem dabei ist, dass sich die Tiere denselben Platz teilen müssen, wenn sie ausgewachsen sind und jeweils eineinhalb bis zwei Kilogramm wiegen“, sagt Reinhild Benning, die selbst staatlich geprüfte Landwirtin ist. Sehr süß ist die Vorstellung dann nicht mehr, schon gar nicht, als sie die Folgen dieses Platzmangels nennt: Um die gestressten Tiere bis zur Schlachtung am Leben zu erhalten, werde massiv Antibiotika eingesetzt. „Aus gutem Grund präsentiert die konventionelle Landwirtschaft seit Jahren keine ausgewachsenen Hühner mehr auf der Messe“, sagt die Agrarexpertin.

In der angrenzenden Tierhalle erklärt Torsten Walter den Unterschied zu den eben beschriebenen Methoden: „Wir sorgen dafür, dass unsere Hühner, Rinder und Schweine genügend Platz und Auslauf haben. Zudem verwenden wir Futter ohne Gentechnik und schneiden unseren Ferkeln nicht ihre Ringelschwänzchen ab“, sagt der Geschäftsführer von Neuland. Ziel des Vereins ist die Produktion von Fleisch aus besonders artgerechter und umweltschonender Tierhaltung. Neuland ist zwar kein Biosiegel, steht jedoch in der Tradition der offiziellen Bioverbände wie Demeter, Naturland oder Biokreis, die unter anderem auf Massentierhaltung, chemische Dünger, Pestizide und Gentechnik verzichten.

Was müssen Verbraucher wissen?

„Was Fleisch angeht, sollten Konsumenten nichts Billiges und Konventionelles kaufen“, rät Reinhild Benning. Eier zu Niedrigstpreisen vom Discounter sollten auch gemieden werden, um nicht die Rechnung der konventionellen Landwirtschaft zu unterstützen. „Immer mehr Tiere auf immer weniger Platz, um möglichst viel Profit zu machen. Unter diesen Bedingungen ist dann kein Tierschutz mehr durchführbar“, so die Agrarexpertin. Generell könne man mit Produkten deutscher Bioverbände wenig falsch machen, da diese noch strengere Auflagen und höhere Ansprüche hätten als etwa die Mindeststandards der Europäischen Union für Bio-Erzeugnisse. Wichtig für Verbraucher sei zudem eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel wie Milch, Eier oder Fleisch, bei denen die Tiere mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden. „Die deutsche Bevölkerung lehnt Gentechnik in ihrer Nahrung klar ab, die Industrie ist leider noch immer nicht verpflichtet, dies zu kennzeichnen“, sagt Benning. Verbraucher können lediglich auf das Label „ohne Gentechnik“ achten, welches Hersteller seit einigen Jahren benutzen, wenn sie auf Gen-Pflanzen bei der Tierfütterung verzichten.