Bäderreform

Baden gehen wie in Delmenhorst

Bäderchef setzt auf Kombi-Bäder wie die dortige Therme. So will er den Betrieb kostendeckend machen

Das warme Wasser dampft, eine dünne Schneeschicht bedeckt die Liegewiese. Hartgesottene Badegäste erklimmen die Treppe und gleiten auf der Wasserrutsche ins Vergnügen. Wer draußen genug hat, schwimmt durch die Schleuse zurück in die Schwimmhalle. Zum Aufwärmen gibt es den Whirlpool. So wie in der neuen Graft-Therme im niedersächsischen Delmenhorst bei Bremen sollen auch Gäste der Berliner Bäderbetriebe künftig sommers wie winters kombinierte Anlagen und verschiedene Becken nutzen können. Mit Kombibädern will der neue Berliner Bäderchef Ole Bested Hensing der angeschlagenen Anstalt öffentlichen Rechts den Weg in eine finanziell auskömmliche Zukunft ebnen. Denn die bestehenden 37 Schwimmhallen und 26Frei- und Sommerbäder bringen der städtischen Gesellschaft ein wachsendes Defizit, trotz zuletzt angehobener Zuschüsse des Landes. „Die schwarze Null, die wir gemacht haben, war geschummelt“, beschrieb Hensing die Lage der Bäderbetriebe.

Denn in Berlin bleibt die Kundschaft weg. 42 Prozent weniger Badende seit dem Jahr 2000. Seither haben sich die Einnahmen fast halbiert auf nur noch etwas über 20 Millionen Euro im Jahr 2012. Das ist nur ein Fünftel des nach Einschätzung von Experten möglichen Umsatzes auf dem Berliner Bädermarkt von rund 100 Millionen Euro. Auch die als zusätzliche Attraktion in den Schwimmhallen gedachten Sauna-Angebote ziehen nicht, die Einnahmen sanken in diesem Segment sogar um zwei Drittel.

Mit dem Segen der SPD-Fraktion und ihres Vorsitzenden Raed Saleh darf Hensing nun sein Konzept für eine Bäderreform weiter verfeinern. Die Fraktionsspitze ist bereit, in den nächsten Jahren kräftig in neue Schwimmbäder zu investieren, die Rede ist von bis zu 100 Millionen Euro, im Gegenzug könnten auch einzelne alte Hallen schließen. „Wenn sich ein Weg für Bürger zu einem Schwimmbad dadurch um zwei Kilometer verlängert, muss das in einer Großstadt möglich sein“, sagte der sportpolitische Sprecher der SPD, Dennis Buchner. Wichtige Argumente dürfte aus Sicht der SPD eine Umfrage des Sinus-Instituts für die Bäderbetriebe liefern. Denn die Bäder in ihrer derzeitigen, eher sportorientierten Gestalt dienen vor allem der Ertüchtigung der besserverdienenden Mittel- und Oberschicht. Die besuchen deutlich öfter die Schwimmhallen als Menschen aus sozial schwächeren Schichten. Wenn es um attraktive Kombi-Bäder mit unterschiedlichen Becken, Liegewiesen und Wellness-Oasen geht, würde sich die Nutzung in den bisher abgeschreckten Kreisen fast verdoppeln. Die Bäder sollten nicht, so die SPD, „nur“ mit einer „Minimierung der Kosten“, sondern „offensiv“ durch eine „Steigerung der Attraktivität und höhere Besucherzahlen“ entwickelt werden.

Modifiziertes Konzept

Im vorigen Jahr hatte die SPD den Bäderchef noch zurückgepfiffen, als der frühere Leiter des Vergnügungsparks Tropical Islands ankündigte, im Tausch für fünf neue Kombi-Bäder 14alte Schwimmhallen schließen zu wollen. „Eine Schließung der Kiez-Bäder in der Fläche ist mit uns nicht zu machen“, sagte am Freitag der SPD-Fraktionschef Saleh bei der Klausurtagung der Sozialdemokraten, noch ehe Hensing seine neuen Ideen vorgetragen hatte. Das ist kein Widerspruch, denn inzwischen hat der Däne sein Konzept modifiziert. So schlägt er vor, das Schulschwimmen, das Vereinstraining und spezielle Kurse in 13Schwimmhallen zu konzentrieren. Hinzu kommen elf allgemein zugängliche Bäder, 20 Freibäder und zehn Kombi-Bäder. Die Größe der zur Verfügung stehende Wasserfläche werde dadurch nicht sinken, das Personal können aber effizienter eingesetzt werden. So sei es mittelfristig möglich, mit dem Zuschuss des Landes auszukommen. Derzeit überweist der Senat den Bäderbetrieben 45Millionen Euro im Jahr für den laufenden Betrieb und fünf Millionen Euro für Investitionen.

Hensing geht davon aus, die Kosten für attraktive Kombi-Bäder, wie sie im Tierpark Friedrichsfelde, am Olympiastadion, in Mariendorf und in Pankow entstehen könnten, durch den Verkauf von aufgegebenen Standorten in der Nähe drücken zu können. In seiner Modellrechnung gibt er die Kosten für ein derartiges Projekt mit 16.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche mit 38 Millionen Euro an. Dagegen setzt der Bäderchef mögliche Erlöse aus dem Verkauf aufgegebener Grundstücke von 16,6 Millionen und die Ersparnis, wenn man die bestehenden Bäder nicht weiter sanieren muss. Das brächte noch einmal fast 16 Millionen Euro. Zu finanzieren wären dann nur noch 5,6 Millionen Euro. Im Gegenzug stellt Hensing in Aussicht, das neue Bad kostendeckend betreiben zu können, anstatt mit den in seinem Beispiel berechneten separaten Bäderstandorten mehr als zwei Millionen Defizit im Jahr zu erwirtschaften.

Dass die bisherige Strategie des Senats und der Bäderbetriebe die Schwimmbäder nicht attraktiver gemacht hat, gibt auch der SPD zu denken. Dabei hat der Senat seit 2007 in einem Sonderprogramm 72 Millionen Euro in die Bäder investiert. Die Leute sähen jedoch nicht, dass in ihrer Schwimmhalle etwas passiert sei, obwohl das Land Millionen in die technischen Anlagen gesteckt habe, sagen die Sportexperten der Fraktion. Die Halle in Schöneberg beispielsweise habe jetzt weniger Besucher als vor der Sanierung, auch weil für die beliebte Sauna das Geld nicht reichte.

Eine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg gibt es aber auch mit den Kombi-Bädern nicht. Die Delmenhorster Therme hat 23 Millionen Euro gekostet. Es kommen aber weniger Badegäste als erwartet, was der Stadt jedes Jahr ein Millionen-Defizit beschert.