Zwischenfall

Fahrgäste harren nach Notbremsung in ICE aus – ohne Heizung

Zug muss wegen eines Kupplungsschadens zwischen Berlin und Hamburg stoppen

Für mehr als 100 Fahrgäste des ICE 1616 (Berlin–Hamburg) endete die morgendliche Fahrt in die Hansestadt am Freitag bereits in Brandenburg. Ein Notfall zwang den Zug in Neustadt (Dosse) im Landkreis Ostprignitz-Ruppin zu einer Notbremsung: Die Verbindung zwischen den beiden aneinandergekoppelten Zugteilen drohte wegen eines Kupplungsschadens zu reißen. Bevor es dazu kam, wurde der ICE zum Stehen gebracht. Während der vordere Zugteil die Fahrt nach kurzem Aufenthalt fortsetzen konnte, mussten die Fahrgäste im hinteren Teil bei ausgefallener Heizung knapp eine Stunde warten, bis sie in einen nachfolgenden Zug umsteigen konnten.

„Zuerst gab es einen ohrenbetäubenden Knall, dann roch es nach verbranntem Gummi“, beschrieb Fahrgast Thomas L. das Geschehen. Die Notbremsung habe zahlreiche Fahrgäste regelrecht aus ihren Sitzen gerissen, Gläser, Handys und andere Gegenstände seien durch die Abteile geflogen, berichtete ein anderer Passagier. Die Fahrgäste waren zunächst geschockt, anschließend begann der Ärger. Der Strom fiel aus, die Heizung ebenso.

Der ICE hatte den Berliner Hauptbahnhof gegen 7.20 Uhr verlassen. Um 8.13 Uhr habe die automatische Anzeige im Führerstand des Zuges ein Kupplungsproblem angezeigt, daraufhin sei automatisch der Bremsvorgang ausgelöst worden, sagte Bahn-Sprecher Holger Auferkamp. Eine erste Untersuchung vor Ort habe ergeben, dass die Schadstelle sich im hinteren Zugteil befand, daraufhin habe der vordere Teil sich gegen 8.30Uhr wieder in Bewegung gesetzt. „Die Fahrgäste im hinteren Teil hat man nicht umsteigen lassen, weil der vordere Teil weitgehend voll besetzt war und zunächst die Chance bestand, dass der Defekt schnell behoben werden konnte“, sagte Auferkamp weiter.

Diese Hoffnung war indes vergeblich, der Kupplungsschaden erwies sich als zu schwer. Die betroffenen Fahrgäste mussten knapp eine Stunde warten. Dann hielt der nachfolgender IC 2072 (Dresden–Westerland) auf dem Weg nach Hamburg in Neustadt (Dosse) und nahm die frierenden Passagiere auf. Gegen 9.30 Uhr ging es für sie weiter. Die Gestrandeten erreichten Hamburg schließlich mit eineinhalb Stunden Verspätung. Kurze Zeit nachdem sich die frierenden Passagiere wieder auf dem Weg befanden, traf eine Diesellok ein und schleppte den defekten Zugteil in die ICE-Werkstatt nach Berlin-Rummelsburg. Dort soll jetzt die genaue Schadensursache ermittelt und behoben werden.

Irritationen über Vorfall

Um den Vorgang hatte es am Freitagvormittag erhebliche Irritationen gegeben. Die Bahn meldete zunächst nur eine kurze Version des Geschehens, da Einzelheiten am frühen Morgen in der Zentrale noch nicht bekannt waren. Etwas später gab es Berichte, wonach sich der hintere Zugteil bei voller Fahrt gelöst hatte. Äußerungen von Augenzeugen, die der Vorfall offenbar stark mitgenommen hatte, bestätigten diese Version, bevor Bahn-Sprecher Auferkamp diese Darstellung gegen Mittag dementierte. „Der Zug wurde erst entkoppelt, nachdem er zum Stillstand gekommen war.“

Die Verunsicherung der Passagiere sei noch gewachsen, weil zunächst niemand gewusst habe, was eigentlich passiert war, sagte ein Fahrgast. Per Lautsprecherdurchsage sei mitgeteilt worden, dass es keine Verbindung zum vorderen Zugteil gebe, weitere Auskünfte habe es nicht gegeben. „Dann hieß es für uns einfach mal wieder warten“, monierte der sichtlich genervte Bahn-Kunde. Derartige Vorfälle gebe es ausgesprochen selten, kommentierte die Bahn das Geschehen. Alle sicherheitsrelevanten Systeme hätten funktioniert, für die Fahrgäste habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden. Die Bahn werde im Rahmen der Fahrgastrechte Entschädigung leisten.