Ermittlungen

Ein Rocker-Chef, ein Mord und die Frage der Rache

29-Jähriger kommt seiner Festnahme zuvor und stellt sich der Polizei. Ermittler glauben, dass Kadir P. den Auftrag für die Tat erteilt hat

Den Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes für Kadir P. hatte die Staatsanwaltschaft bereits ausgestellt. Knapp zwei Wochen nach der Ermordung eines 26-Jährigen in einem Reinickendorfer Wettbüro wollte die 3. Mordkommission am Donnerstag den fünften Tatverdächtigen verhaften. Die Ermittler standen am Vormittag gegen 11 Uhr in Gesundbrunnen bereit, um den einstmals führenden „Bandidos“-Rocker und späteren Chapter-Chef einer Berliner „Hells-Angels“-Gruppe abzuführen.

Die Kriminalisten warteten nach Informationen der Berliner Morgenpost vor dem Haus von P.’s Eltern nahe dem S-Bahnhof Humboldthain. Doch der ehemalige Boxer hatte sich bereits zuvor mit seinem juristischen Beistand getroffen. Die geplante Verhaftung in Wedding fiel somit aus, denn Kadir P. suchte wohl nach den Fahndungserfolgen der vergangenen Tage im Fall des Wettbüro-Mordes sein Heil in der Offensive und stellte sich um 13.10 Uhr auf der Polizeiwache Pankstraße im Beisein seines Anwalts.

Mit Handschellen gefesselt

Sollte ausgerechnet der Mann, der vor fast vier Jahren mit mehr als 70 „Bandido“-Rockern, offenbar seinen „Brüdern“, brach und ins Lager der verfeindeten „Hells Angels“ wechselte, schon an strafmildernde Umstände gedacht haben? Vielleicht wurde es dem in Wedding aufgewachsenen türkischstämmigen Mann als kluger Schachzug nahegelegt. Fest steht, dass Kadir P. am Donnerstagnachmittag in einem Gefangenentransporter zur Mordkommission an der Keithstraße (Schöneberg) gebracht wurde. Nach einem Zwischenstopp im Amtsgericht Tiergarten schlossen sich gegen 15.45 Uhr hinter dem mit Handschellen gefesselten 29-Jährigen die Türen des Untersuchungsgefängnisses in Moabit.

Gemeinschaftlicher Mord

Die Ermittlungen der 3. Mordkommission müssen nun zeigen, ob Kadir P. tatsächlich der Drahtzieher des spektakulären Mordes in dem Wettbüro an der Residenzstraße war und ob ihm das auch nachgewiesen werden kann. Vor seiner Vernehmung bei der Mordkommission lautete der Tatvorwurf noch „gemeinschaftlicher Mord“. Wie bei den vier mutmaßlichen Mittätern im Alter von 24, 25, 29 und 30 Jahren, die seit dem 18. Januar nach und nach von Zielfahndern und SEK-Einsatzkräften wegen des Mordes an dem 26 Jahre alten Tahir Ö. am 10. Januar verhaftet wurden. Am Abend verkündete ein Richter dann bereits einen Haftbefehl wegen Anstiftung zum Mord. Hat Kadir P. dies etwa eingeräumt? Sicher ist, dass sich gegen 15 Uhr ein 31-Jähriger – offenbar wegen des hohen Fahndungsdrucks – ebenfalls freiwillig der Polizei stellte. Er soll am Freitag Haftbefehl erhalten. Dann wären schon sechs Verdächtige hinter Gittern.

Im Mai 2012 war Kadir P. als Präsident der „Hells Angels Berlin City“ auf dem Höhepunkt der Macht. Den Rang hatte er sich als kompromissloser Anführer erarbeitet. Dann wurde das von P. angeführte Chapter von Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) verboten. Offiziell hatte er sich danach einer Gruppe der „Hells Angels“ in Dänemark angeschlossen, trägt auch gern die dazugehörige Rocker-Kutte. Seither soll der verheiratete Vater von zwei Kindern regelmäßig ins skandinavische Nachbarland gereist sein. Doch nicht nur Ermittler vermuten, dass der 29-Jährige nach wie vor eine Institution in der Berliner Rocker-Hierarchie darstellt. Einer, dessen Wort erhebliches Gewicht hat und von seinen Getreuen durchaus als Befehl gewertet werden dürfte.

Nach Informationen dieser Zeitung soll ausgerechnet der im Reinickendorfer Wettbüro niedergeschossene 26-Jährige im Dezember des vergangenen Jahres vor einem Klub in Mitte an einer Messerattacke gegen Türsteher des Klubs beteiligt gewesen sein. Dabei soll ein guter Freund und Gefolgsmann von Kadir P. verletzt worden sein. Ein Affront für einen hochrangigen Rocker, der nach den Regeln der Bruderschaften nicht folgenlos bleiben darf. In jedem Fall wäre dieser Zwischenfall ein Motiv für die Schüsse auf Tahir Ö., der am Tag seiner Ermordung eine schusssichere Weste getragen haben soll.

Kadir P. war etwa 20 Jahre alt, als er sich den mit den „Hells Angels“ verfeindeten „Bandidos“ anschloss. Wer dort als Vollmitglied aufgenommen wird, erwirbt in gewissen Kreisen Ansehen, wird respektiert. Als „Bandido“-Mitglied wurde er 2008 wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Zuvor aber hatte er fünf Monate in Untersuchungshaft verbracht. Ihm war vorgeworfen worden, mit einem Kumpanen zwei „Hells Angels“ aufgelauert zu haben, die bei dem folgenden Streit schwer verletzt wurden. Wenig später stieg Kadir P. zum Anführer einer „Bandidos“-Gruppe auf, bevor er im Februar 2010 mit dem Übertritt zu den „Hells Angels“ mit rund 80 „Bandidos“ Furore machte.