Bildung

Bundesweit vorbildlich

Die Elisabethstift-Schule in Hermsdorf steht im Finale um den Deutschen Schulpreis

In die private Elisabethstift-Schule in Hermsdorf kommen Kinder, die an anderen Schulen an ihre Grenzen stoßen. Hier werden verhaltensauffällige Kinder aus dem evangelischen Heim Elisabethstift gemeinsam mit hochbegabten oder besonders begabten Schülern unterrichtet. Beide Gruppen haben dieselben Bedürfnisse, so die Idee für die ungewöhnliche Mischung in den Klassen. Sie benötigen kleine Klassen und sehr individuelle Lernmethoden.

Die Jury des Deutschen Schulpreises hält dieses Konzept für so außergewöhnlich, dass sie die Schule von den 116 Bewerbern für die renommierte Auszeichnung nominiert hat. Zwei Tage lang, am Mittwoch und Donnerstag, haben sich die Experten der Jury die Schule genau angesehen. Sie haben den Unterricht verfolgt, mit Eltern, Schülern und Lehrern gesprochen. Die Berliner Schule ist die erste der 20 nominierten, die für den Preis von Experten geprüft wird.

Unterrichtet wird hier nach dem Prinzip der existenziellen Pädagogik, was so viel bedeutet wie Lernen in der realen Welt durch das eigene Erfahren. Wie das aussieht, kann man beispielsweise im Unterricht mit der Bleisatz-Druckerei aus den 20er-Jahren beobachten. Konzentriert greifen die Grundschulkinder mit der Pinzette Buchstabe für Buchstabe aus dem Setzkasten und legen sie spiegelverkehrt zu einem Wort zusammen. Bis das Wort gedruckt, die Buchstaben gesäubert und wieder einsortiert sind, vergeht eine ganze Unterrichtsstunde. „Die Kinder lernen dabei viel mehr als nur das Alphabet, sie lernen auch Konzentration, das spiegelverkehrte Denken und feinmotorische Fertigkeiten“, sagt die Schulleiterin Antje Wilke. Zudem könnten die Kinder den Weg begreifen, wie es überhaupt zu der technischen Entwicklung von Computern und Laserdruckern gekommen ist.

Das ist nur ein Beispiel, wie an der Elisabethstift-Schule das „Lernen mit allen Sinnen“ aussieht. Die Schüler arbeiten mit Holz, Ton oder auch Filz. Seit Januar hat der Träger der Schule auch die Familienfarm Lübars übernommen und damit ganz neue Erfahrungsmöglichkeiten. Eigenaktivität und Bewegung gehören zum Denken, so die Leiterin.

Ein großer Vorteil im Vergleich zu staatlichen Schulen: In den Lerngruppen sitzen maximal zwölf Kinder und zwei Pädagogen. Für jedes Kind werden individuelle Lern- und Förderpläne entwickelt. Noten gibt es nicht, stattdessen erhalten die Kinder verbale Bewertungen. Ziel ist es, nicht nur den Rahmenlehrplan zu erfüllen, sondern bei den Kindern auch besondere Leidenschaften oder Hobbys zu entwickeln. Sie können im Orchester spielen oder jonglieren lernen. Finanziert werden diese besonderen Rahmenbedingungen durch Schulgeld und Spenden.

Wertschätzung der Kinder

Viele der Schüler sind zuvor an anderen Schulen gescheitert, weil sie nicht ins Raster passten. Häufig werden die Kinder in die Psychiatrie oder an Förderschulen abgeschoben. Angebote wie die Elisabethstift-Schule, 2008 gegründet, gab es so in Berlin bis dahin nicht. „Ursprünglich hatten wir eine Schule für unsere Heimkinder gesucht und keine gefunden“, sagt der Geschäftsführer des Trägers, Helmut Wegner. Schließlich hätten sie sich entschlossen, selbst eine Schule aufzubauen. Diese hat inzwischen sechs Jahrgänge. Jetzt wurde beantragt, das Konzept auch nach der Grundschule bis zur zehnten Klasse weiter verfolgen zu können.

Die Mitglieder der Jury halten sich vor der Preisverleihung mit ihrer Bewertung bedeckt. Doch eines konnte Jurymitglied Thomas Häcker von der Universität Rostock am Donnerstag schon sagen: „Es ist beeindruckend, dass allen Kindern und Eltern hier mit einer ganz besonderen Wertschätzung begegnet wird.“ Die Anerkennung der Stärken ihrer Kinder hätten auch die Eltern als besonders ungewöhnlich im Vergleich zu den Erfahrungen an anderen Schulen bezeichnet, ergänzte die Schulforscherin Bettina Hannover von der Freien Universität Berlin.

Mit der Nominierung wird die Schule automatisch für fünf Jahre Mitglied der Akademie, in der sich die Schulen über ihre Erfahrungen austauschen und gegenseitig hospitieren. Ziel des Schulpreises von der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung ist es, die Schulentwicklung voranzutreiben. Kein Zufall ist dabei wohl, dass die zweite Berliner Schule, die für den Preis nominiert ist, das Oberstufenzentrum Elinor Ostrom in Weißensee, eng mit der Heinz-Brandt-Schule kooperiert. Die Heinz-Brandt-Schule, einst Brennpunktschule und heute Vorzeige-Schule, hatte 2011 den Deutschen Schulpreis gewonnen.