Grüne Woche

Rundgang mit Bauchgefühl

Agrarminister Hans-Peter Friedrich absolviert seinen ersten Besuch auf der Grünen Woche

7.37 Uhr, Messeeingang Süd: Noch ist nicht viel los in den Hallen der Grünen Woche. Außer vereinzeltem Messepersonal fällt am Freitagmorgen lediglich eine Presse-Gruppe aus Litauen auf. Warum gleich zehn litauische Journalisten so früh zur Messe kommen, wird in Halle 8.2 des diesjährigen Partnerlandes Estland klar. Um Punkt 8 Uhr werden Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der neue Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit viel Pomp von offiziellen estländischen Landesvertretern und Frauen in Tracht empfangen. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen scherzt Wowereit mit Friedrich: „Sie wollten sich doch fit machen für das Foto mit den 40 Schnäpsen. Auf geht’s zum Marathon!“ In kulinarischer Hinsicht beginnt dieser mit estländischen Häppchen, litauischem Schinken und einem lettischen Schnaps zum Runterspülen.

Schluss mit der Musik

Gerade als die Ministerdelegation den Stand von Litauen verlässt, fängt dort ein Musiker an, unglaublich laut auf einem xylofonähnlichen Instrument zu spielen. Weil man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, wird der Musiker vom Mitarbeiterstab der Politiker mit Nachdruck gebeten, sofort aufzuhören. Denn jetzt halten Berlins Bürgermeister und der Landwirtschaftsminister im Beisein des Messe-Geschäftsführers Christian Göke erst einmal eine kleine Eröffnungsrede. „Wir sind davon überzeugt, dass die Vertreter der Agrarindustrie und der Landwirtschaft eine machtvolle Demonstration ihres Könnens, ihrer Qualität und ihrer Leistung zeigen werden“, sagt Wowereit. Kritische Fragen müssten jedoch erlaubt sein, da es noch immer zu viele Menschen auf der Welt gebe, die Hunger leiden müssten. Hans-Peter Friedrich findet es zunächst „sehr aufregend, das erste Mal dabei zu sein“. Aber auch der Landwirtschaftsminister sagt: „850 Millionen Menschen leiden Hunger auf der Welt, daher haben wir die Verantwortung, der globalen Landwirtschaft zu helfen.“

Danach aber wird erst einmal gegessen. Die Delegation fährt mitsamt den Medienvertretern per Shuttlebus in Halle 18 zu den Niederlanden. Dort wird sie lautstark von einer Blaskapelle empfangen, inmitten eines Blumengartens werden Würstchen und natürlich holländischer Käse verspeist. Friedrich bemüht sich redlich, beim Essen halbwegs fotogen auszusehen: das Würstchen langsam zum Mund führen, den Mund nicht zu weit öffnen – und dann im richtigen Moment einfrieren, um den Fotografen das appetitlichste Motiv zu liefern. Am benachbarten Stand von Tschechien prosten sich die Politiker zu Fotozwecken nur kurz mit Bier zu – getrunken wird jedoch nichts, man steht ja noch am Anfang der großen Schlemmer-Tour. Anschließend gibt es für Hans-Peter Friedrich slowenischen Honig am Stiel, was für ihn jetzt „genau das Richtige ist“.

Nach einem kleinen Fußmarsch zur Nachbarhalle 11.2 werden die Politiker mit polnischen Fleischwaren beglückt. Beim obligatorischen Smalltalk mit den Vertretern aus Polen ist zu erkennen, wer schon 13 Mal am Start war und wer der Neuling auf der Grünen Woche ist: Während Friedrich eifrig zuhört und plaudert, macht Wowereit eine „Lass die mal reden“-Geste zu Messe-Geschäftsführer Göke. Weiter geht es zum Stand von Liechtenstein, wo Friedrich herausgefordert wird, von einem überdimensionalen Laib Käse ein Stück von genau 200 Gramm abzuschneiden. Der erste Versuch bringt 180, der zweite dann schon erstaunlich präzise 195 Gramm auf die Waage, mit der das Gewicht überprüft wird. Mit einem anerkennenden Raunen quittiert die Delegation Friedrichs Schneidekunst.

Am Stand der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie wird es technisch: An einem Esstisch mit einer Touchscreen-Oberfläche können Wowereit und Friedrich per Fingerwisch Nahrungsmittel auf ihren virtuellen Teller zaubern und angezeigt bekommen, wie viel Kalorien oder Eiweiß diese enthalten. Friedrich agiert freundlich-interessiert, Wowereit abgeklärt-routiniert.

Haltung bewahren

Die Beschallung ist zum Teil schwer zu ertragen, in der Halle von Russland herrscht ohrenbetäubender Lärm. Jede Region hat hier ihren eigenen Stand, und jeder Landesvertreter bietet den prominenten Besuchern etwas an, ihnen werden Mützen und Schärpen angezogen, inmitten von Brot-Bergen laufen zwei in Trachten gehüllte Russen Schlittschuh auf einem Mini-Eisfeld. So stellt man sich die Messe-Hölle vor.

Es ist fast geschafft: Wowereit und Friedrich halten sich immer noch gerade, die verkosteten Schnäpse sind ihnen nicht anzusehen. Nachdem sie auf der Bühne des Erlebnis-Bauernhofs abschließende Worte gesprochen haben, wird bekannt, dass es am Eröffnungstag zu einem Unfall auf dem Messegelände gekommen ist: In der Tier-Halle wurde eine Züchterin von ihrem eigenen Bullen angegriffen, sie kam verletzt ins Krankenhaus. Ihr Zustand sei stabil, sagte eine Sprecherin der Grünen Woche.