Fashion Week

Ein Mädchen pro Minute

Zu Besuch bei den Model-Castings von Kilian Kerner und Glaw

Sekt, Burger, Pommes zum Mittag und ein Mädchen pro Minute – auf dem Tisch vor Maria Poweleit und Jesko Wilke häufen sich die Sedcards. Der „Nein“-Stapel ist mit Abstand der höchste. Wer auf dem rechten Stapel landet, ist ein „Vielleicht“. Der „Ja“-Stapel in der Mitte besteht aus Sedcards der Mädchen, die am kommenden Donnerstag das Newcomer-Label Glaw auf der Fashion Week präsentieren dürfen. Etwa 60 Models haben sich an diesem sonnigen Vormittag bereits bei den beiden Jung-Designern vorgestellt, die im „nhow“-Hotel an der Spree ihre Mädchen für die Modewoche auswählen.

„Tolle Haare“, flüstert Maria Poweleit anerkennend, als ein Rotschopf mit Endlosbeinen den Raum betritt und mit einem schüchternen „Hallo“ seine Sedcard bei den Designern abgibt. „Could you walk for us, läufst du mal für uns?“, bittet Jesko Wilke. Die Rothaarige dreht dem Designerduo den Rücken zu und stolziert zur gegenüberliegenden Wand – elegante Drehung – und zurück, den Blick starr auf den Vorhang am anderen Ende des Raumes gerichtet. „Bitte etwas langsamer laufen“, sagt Maria Poweleit. „Mehr mit den Hüften?“, fragt das Model. Wieder geht es zur Wand, diesmal wesentlich geschmeidiger.

Vor der Tür bildet sich bereits eine Schlange. Eine Gruppe langbeiniger, etwas blasser junger Mädchen aus aller Welt, mit hohen Schuhen und niedrigem Gewicht, sie werden von ihren Agenturen von Casting zu Casting geschickt, um sich einen Platz auf den Laufstegen der Berlin Fashion Week zu sichern. Die Konkurrenz ist groß: Von den mehr als hundert Bewerberinnen für die Glaw-Show schaffen es gerade mal 15 bis auf den Catwalk.

Auch Luisa Hartema muss sich zunächst hinten anstellen, bevor sie sich – von einer Wand zur anderen – dem Glaw-Team präsentieren darf. Die 19-jährige Blondine gewann 2012 die siebte Staffel von „Germany’s next Topmodel“ und ist seitdem gut im Geschäft. Aufgeregt sei sie nicht, sagt sie, sie sei gerade erst beruflich in Sidney gewesen und heute morgen um 7 Uhr mit einer Freundin in ihrer Heimat Ostfriesland aufgebrochen, um in Berlin „ein paar Castings mitzunehmen“. Stress mache sie sich dabei nicht, sie sei „mehr so aus Spaß hier“, verrät das Model. Ihre Sedcard landet auf dem „Vielleicht“-Stapel.

„Die Mädchen sollen gesund aussehen und schlank, aber von Natur aus schlank“, sagt Maria Poweleit über ihre Wunschkandidatinnen, „nicht runtergehungert, das sieht nicht gut aus.“ „So knochig“, ergänzt Jesko Wilke.

Meistens sind sich die beiden Designer einig: Während ihrer Ausbildung an der Berliner Modeschule ESMOD haben Maria Poweleit und Jesko Wilke schnell gemerkt, dass sie gut zusammenarbeiten können. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Karolina Kurkova und Andrea Sawatzki sind bereits bekennende Glaw-Trägerinnen, auf ihrer Schau in Berlin erwarten die Newcomer Gäste wie Bonnie Strange, Ruth Moschner oder Janine Kunze.

Schwerpunkt der Glaw-Kollektionen ist gebatiktes Leder, dessen Einzigartigkeit der Dresdenerin und dem Brandenburger schnell zu Anerkennung in der Branche verhalf. Einfach sei sie nicht, die Szene, sagen die Designer, viele Kollegen seien abgehoben und würden ein großes Brimborium um Nichts machen. „Und sie sind viel zu ernst. Wir haben es gerne lustig und machen Spaß“, sagt Jesko Wilke.

Spaß haben beide nach wie vor, trotz Fashion-Week-Stress. Modedesign sei ein Traumjob, doch ihren Zauber hat die Branche für den gebürtigen Rüdersdorfer Jesko Wilke dennoch verloren. Die Magie des Anfangs sei Knochenarbeit und schlaflosen Nächten gewichen. Geblieben sei der Wille, auch international erfolgreich zu sein: Nach der Fashion Week wollen sie die Fühler nach New York ausstrecken, die deutschen Einkäufer seien in Deutschland zurückhaltender als anderswo. Außerdem seien die Prioritäten hierzulande unterschiedlich. „Hier gibt man eher 2000 Euro für eine Reise aus, als für einen Mantel“, fügt Maria Poweleit hinzu.

„In anderen Ländern werden Modeschaffende auch stärker gefördert“, sagt Designer Kilian Kerner über die schwierige Situation der Fashionbranche in Deutschland, doch Besserung sei in Sicht. Der gebürtige Kölner, der im Februar seinen 35. Geburtstag feiert, castet parallel zu seinen Kollegen von Glaw die Models für seine Show: Nur wenige hundert Meter vom „nhow“-Hotel entfernt, in Kerners Atelier am Treptower Park, posieren schöne Mädchen und Jungs zwischen Stoffmustern und Teilen der aktuellen Kollektion in der Hoffnung, den Modemacher mit ihrem Äußeren zu überzeugen.

Alle wollen für einen der erfolgreichsten Designer Deutschlands laufen, zu dessen Anhängern Karoline Herfurth, Johanna Klum, Anna Maria Mühe und Tim Bendzko zählen. Das Label macht Rekordumsätze und wächst beständig, Kilian Kerners neue Kollektion wird mit Spannung erwartet.

Genaue Details dazu will er noch nicht preisgeben, allerdings werde es schwere Stoffe geben, es sei keine „Walla-walla-Kollektion, farbig, aber dezent farbig. Es macht ‚wumm’!“

Dem „Wumm“ Nachdruck verleihen will Kilian Kerner mit einem Auftritt der Hamburger Band Rakede im Rahmen seiner Show auf der Fashion Week. Die seien „das nächste große Ding“, prophezeit der 34-Jährige. Er ist es schon lange. Und will mit seiner Mode ganz nach oben – „aber nichts überstürzen. Schritt für Schritt“.

Die nächsten Schritte geht der zierliche Designer schuhlos, auf senfgelben Socken. Im Nebenraum begutachtet sein Team bereits die nächste Anwärterin für die Fashion Week. Sie hat gute Karten: „Ich mag blasse Models“, sagt der Designer. Zehn Mädchen und sechs Jungs benötigt er für seine Schau. Was nach der Fashion Week kommt, kann er noch nicht genau sagen: Die Modewoche, sie ist wie ein Berg in Kerners geografischer Gedankenkarte, den es zu bezwingen gilt, bevor der nächste Gipfel ruft.

„Der schönste Moment“, sagt Maria Poweleit im „nhow“-Hotel nebenan, „ist, wenn die Schau auf der Fashion-Week vorbei ist und es den Leuten gefallen hat und wenn die Eltern kommen und der ganze Stress dann abfällt. Darauf freuen wir uns am meisten ... „Hello. Could you walk for us please?“