Interview

„Der Standort Berlin war richtig viel Arbeit“

Ab Dienstag läuft die Berliner Fashion Week. Anita Tillmann ist Mitbegründerin – und setzt sich seit Beginn für die Hauptstadt ein

Zum 23. Mal veranstaltet Anita Tillmann dieses Jahr die Premium in Berlin. Am Dienstag startet die Modemesse in „The Station“ am Gleisdreieck. Mit der Modemacherin sprach Annika Schönstädt.

Berliner Morgenpost:

In drei Tagen geht es los. Wie hoch schätzen Sie Ihr Stresslevel derzeit ein?

Anita Tillmann:

Vor Weihnachten war es extrem hoch. Jetzt, kurz vor dem Messestart, wird es wieder ruhiger. Da stehen nur noch der Logistikpart mit Aufbau und Anlieferungen an sowie das Feintuning auf den Flächen. Die Einladungen sind raus und die Registrierungen abgeschlossen. Jetzt freue ich mich auf die Veranstaltung, auf unsere Kunden, die Besucher, den „Buzz“, der Berlin zur Fashion Week so einzigartig macht.

Haben Sie auch Konkurrenzgedanken? Wie sieht es mit der Bread & Butter und Karl-Heinz Müller aus?

Es gibt keine Konkurrenz. Das ergänzt sich sehr gut. Es gibt mittlerweile die Premium, die Panorama und die Bread & Butter – und jeder ist in seinem Gebiet sehr stark. Das belebt, und wir helfen uns gegenseitig, den Standort Berlin noch bekannter zu machen und auch auf internationalem Niveau weiter zu etablieren. Es gibt zwar Schnittmengen, aber ein bisschen Reibung belebt in der Regel das Geschäft.

Funktioniert Internationalität auf der Premium besser als bei den anderen Veranstaltern der Fashion Week?

Das ist so nicht richtig. Wir sind eine Fachmesse und im direkten Dialog mit unsere Fachkunden, sprich Einzelhändlern. Die Fashion Week und die Catwalks bedienen ein anderes Publikum. Da geht es nicht nur um internationale Einkäufer, sondern um internationale Presse. Die ist bisher noch nicht verstärkt vertreten, aber dazu gibt es schon Gespräche mit dem Berliner Senat. Dort ist man sehr offen, in Zukunft auch internationale Presse einzufliegen, damit unsere jungen Berliner Kollektionen gesehen werden. Man kann da nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es ist zwar insgesamt eine Fashion Week, in dieser Woche gibt es sowohl Catwalks, große und kleine Messen als auch diverse Events. Die Zielgruppe ist aber nicht bei allen dieselbe. Allerdings stimmen wir uns alle ab und arbeiten miteinander an dem Gesamterfolg der Berliner Fashion Week. Berlin ist noch in der Entwicklung. Wir reden schließlich nur von einem Zeitraum von zehn Jahren. Vorher gab es den Wirtschaftsfaktor Mode in Berlin nicht, eine Fashion Week in Deutschland hat es vorher nie gegeben. Ziel soll es sein, die Fashion Week weiterzuentwickeln und einen so positiven Gesamteindruck zu hinterlassen, dass die internationale Presse irgendwann auch von alleine kommt.

Gab es die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat von Anfang an?

Nein. Das war nicht so. Der mentale und emotionale Support war immer da. Aber wenn man mich fragt, was bisher das Anstrengendste an meinem Job war, kann ich klar sagen: die ersten Jahre Standortmarketing für Berlin. Da habe ich wenig über die Premium gesprochen – die war ein Erfolgskonzept vom ersten Tag –, sondern immer nur über den Standort Berlin. Das war richtig viel Arbeit.

Wann haben Sie gemerkt, dass es aufwärtsgeht?

Das habe ich am Anfang gar nicht gemerkt. Das war nur ein Gefühl. Entweder, man hat eine Vision und verfolgt diese – oder eben nicht. Aufgrund von Marktanalysen hätte ich die Premium sicher nicht in Berlin gegründet. Aber Mode ist ein sehr emotionales Thema. Das Konzept der Premium ist sofort angenommen worden, besonders vom internationalen Publikum. Internationale Brands und Einkäufer haben uns sofort akzeptiert – im Gegensatz zu den Deutschen. Das hat länger gedauert.

Trotzdem wird immer noch moniert, dass große internationale Labels auf der Berliner Fashion Week fehlen.

Ich bin viel in New York, Mailand und Paris, und ich kann Ihnen sagen, die Pariser mäkeln die ganze Zeit und noch viel schlimmer. New Yorker sagen, sie haben die schlimmste Fashion Week von allen, und Mailand sagt, wir sind tot. Ich denke, dass ist immer die Brille, durch die man sieht und was man sehen möchte.

Braucht es einfach noch Zeit, bis internationale Brands wieder – oder überhaupt – nach Berlin kommen?

Warum sollten sie denn nach Berlin kommen? Warum sollten Amerikaner in Berlin zeigen? Die zeigen in New York. Ralph Lauren ist Amerikaner, also zeigt er in New York. Marc Jacobs ist New Yorker, also zeigt er auch in New York. Karl Lagerfeld wohnt in Paris, also zeigt er in Paris. Und die Deutschen müssen in Deutschland zeigen. Der Unterschied ist nur, dass die anderen große Namen haben, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Die Geschichte an Design haben wir einfach nicht. Was wir hier jetzt aufbauen, sind Achtland, Michalsky, Lala Berlin, Augustin Teboul. In zehn oder 20 Jahren sind das die großen Namen. Und dann müssen sich die Italiener und Franzosen in Acht nehmen. Wenn die so weit sind, sind in Berlin die Top-Designer der Welt. Die Stella McCartneysdieser Welt haben auch eine Weile gebraucht, bis sie dort waren, wo sie heute sind. Gras wächst nicht schneller, nur weil man daran zieht. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel tolles Design aus Berlin kommt. Nicht nur von gebürtigen Berlinern, sondern auch von Menschen, die herkommen, um ihr kreatives Potenzial auszuleben. Dafür, dass es vor zehn Jahren noch nichts gab, sind wir ziemlich weit.

Haben Sie dieses Potenzial auch vor zehn Jahren schon gesehen?

Ja. Das habe ich schon vor 15 Jahren gedacht. Ich liebe Berlin. Ich bin sehr viel unterwegs und kann es jedes Mal kaum erwarten, wieder nach Berlin zurückzukehren. Berlin ist für mich immer noch eine der freiesten Städte. Gerade hat das „Kater Holzig“ zugemacht. Ich bin zwar „zu alt“, habe zwei Kinder und arbeite viel – ich kann da gar nicht mithalten –, aber welche andere Stadt feiert einen Klubabschied sieben Tage am Stück? Die Mischung der Möglichkeiten macht die Atmosphäre aus, die wir alle hier lieben. Klar gibt es auch kritische Aspekte, aber ich finde es toll, das so was hier geht. Und es ist eine Start-up-Stadt. Deshalb kommen Investoren. Das löst bei mir immer noch Kribbeln aus. Keine Stadt entwickelt sich so schnell und modern wie Berlin. Für mich gab und gibt es für die Premium und zum Wohnen keine andere Wahl. Ich bin stolz, dass meine Töchter gebürtige Berlinerinnen sind.

Was macht denn den Stil der Berliner aus?

Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, es ist der Herren-Look von Michalsky und der Damen-Look von Lala Berlin. Unkonventionell und nicht einem Trend folgend. Es gibt keine Uniformierung. Berlin steht für Individualität.

Kommen Sie selbst dazu, sich Schauen der Fashion Week anzuschauen?

Klar. Ich schaue mir so viele wie möglich an. Ich versuche, einen guten Querschnitt zwischen jungen Designern und etablierten Klassikern zu sehen. Es geht aber auch darum, Präsenz zu zeigen. Das ist gut für die Designer, wenn wir in diesen Tagen alle zusammenhalten.