Start-up Berlin

Eine Frage des Geldes: Start-ups auf der Suche nach einem Investor

Berlin zieht das meiste Wagniskapital an. Die Gründerszene ist aber unterfinanziert

Es gibt viele Gründe, weshalb junge Unternehmer ihre Geschäftsidee ausgerechnet in Berlin umsetzen wollen. Die niedrigen Mieten, die coolen Bars, der Lifestyle. In bestimmten Stadtteilen wie Mitte oder Neukölln kommt man auch ohne Deutschkenntnisse sehr gut zurecht. Außerdem ist es leicht, mit Gleichgesinnten aus der Start-up-Szene in Kontakt zu kommen, die vielleicht gerade ein ähnliches Problem haben und bei der Lösung helfen können.

Einen Grund hört man allerdings so gut wie nie: die Finanzierung. Was nicht verwundert, haben doch viele Start-ups Probleme, hier genügend Geld für den Aufbau ihres Unternehmens einzusammeln und mit Investoren in Kontakt zu treten. In diesem Punkt hat Berlin im Vergleich zu anderen Standorten eine Schwachstelle. Zwar gibt es staatliche Förderprogramme wie beispielsweise den Gründerzuschuss. Doch für den kann man sich nur bewerben, wenn man vorher einen bestimmten Zeitraum lang selbst fest angestellt war.

So bleibt vielen der Gründer nur, sich um Venture Capital, also Wagniskapital, zu bewerben. Damit bezeichnet man Finanzmittel, die von einer Beteiligungsgesellschaft meist in Form von Eigenkapital oder Anleihen für vergleichsweise riskante Unternehmungen zur Verfügung gesellt werden. Auf diese Weise finanzieren sich weltweit die meisten Start-ups. Doch anders als im angelsächsischen Raum gibt es hierfür in Deutschland kaum Angebote.

„Die Investitionen aus Wagniskapital liegen in Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt“, sagt Dörte Höppner, Generalsekretärin der European Private Equity and Venture Capital Association (EVCA) in Brüssel. „Wagniskapital hat hier anders als in Skandinavien und Großbritannien traditionell leider noch immer eine geringere Bedeutung.“ So haben Venture Capital Firmen 2012 Investitionen von fast EUR 550 Millionen in deutsche Unternehmen getätigt. Das entspricht gerade mal 0,021 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein Grund für den geringen Umfang sei, so die Verbandschefin, schlichtweg der geringe Bekanntheitsgrad. „Wenn sich das ändert, wird auch die Bedeutung von Wagniskapital in Deutschland steigen,“ so Höppner.

Potenzial lange nicht ausgeschöpft

Berlin hat derzeit die besten Chancen aller Bundesländer, der Finanzierung durch Wagniskapital in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Investitionen aus Venture Capital Fonds machen mit fast 185 Millionen immerhin 0,178 Prozent der Wirtschaftskraft aus. Und damit ist Berlin noch längst nicht am Ende seiner Möglichkeiten angekommen, im Gegenteil. „In ganz Deutschland, aber insbesondere in Berlin, gibt es enorme Investitionsmöglichkeiten“, sagt Dörte Höppner. „Das Potenzial ist hier noch längst nicht ausgeschöpft.“

Sie ist beeindruckt von der dynamischen Entwicklung in der Hauptstadt: „Die Start-up-Szene in Berlin ist von sich aus ohne die Einmischung der Politik entstanden. Junge Leute mit Ideen kommen hierher, suchen Kapitalgeber und entwickeln ihre Idee.“ Dass es in Berlin besonders schwierig sei, Investoren zu finden, hält sie dagegen für übertrieben. Gerade im sehr frühen Stadium gebe es viel mehr Nachfrage nach Kapital als Investoren, so Höppner. „Doch wer gut ist, wird am Ende einen Investor finden.“

Den Gründern bleibt daher nichts anderes übrig, als auch bei Rückschlägen an ihre Idee zu glauben und sie zu vertreten. In einem frühen Stadium der Unternehmensgründung gibt es keine Kennzahlen, mit denen man überzeugen könnte. Einen Kredit bekämen die wenigsten Firmen. Diese Lücke füllen Beteiligungsunternehmen, die sich auf riskante Geschäfte einlassen in der Hoffnung, dass eines am Ende Gewinn abwirft. Dabei investieren sie vereinfacht gesagt in Menschen und ihre Ideen. Laut Dörte Höppner ist solch ein Investment „oft eine Gefühlssache.“ Aus dem Grund zählen auch viele ehemalige Unternehmer zu den erfolgreichsten Investoren, weil sie die Geschäftsidee gut einschätzen können.

Große Börsengänge im Umfang von mehreren Hundert Millionen Euro erwartet die Verbandschefin auf absehbare Sicht nicht in Deutschland. Dafür spiele Wagniskapital noch eine zu geringe Rolle. „Die Fonds sind nicht groß genug, um junge Technikunternehmen nicht nur aufzubauen, sondern sie dann auch bis zu einem richtig großen Börsengang zu begleiten.“ Sie müssen fast immer vorher aussteigen. Spektakuläre Börsengänge wie etwa von Twitter oder Facebook sind unter den derzeitigen Bedingungen in Deutschland daher so gut wie ausgeschlossen.

Gleichzeitig ist Dörte Höppner überzeugt, dass der Gründerboom anhält und nicht plötzlich verschwindet wie nach dem Börsencrash zu Anfang des Jahrtausends. Damals verloren die Aktien von überbewerteten Technologieunternehmen massiv an Wert. Doch mit einer Wiederholung rechnet man beim EVCA nicht. „Im Unterschied zur Dotcom-Blase von 2001 ist derzeit viel weniger Geld im Markt“, sagt Höppner.