Öffentlicher Dienst

Der Feuerwehr fehlen Frauen und Migranten

Retter haben massive Nachwuchsprobleme: Die Zahl der Bewerber ist seit Jahren rückläufig, nur fünf Prozent erweisen sich als geeignet

Bei der Berliner Feuerwehr mangelt es an Frauen. Lediglich 20 Feuerwehrfrauen arbeiten derzeit im Betrieb, 3600 Männer sind es hingegen, wie es bei der größten Berufsfeuerwehr in Deutschland hieß. Zuwachs gibt es, aber in kaum nennenswerter Größe: 2004 waren vier Frauen im Dienst, 2009 waren es 15. Eine der ersten Frauen, die sich in Berlin für den Beruf entschied, ist Bianka Olm, 36. Sie wünscht sich mehr Kolleginnen, da es immer wieder Einsätze gibt, bei denen speziell Frauen gefordert sind. „Wenn verängstigte Kinder am Einsatzort sind, finden Frauen oft schneller Zugang und können sie beruhigen“, sagt Olm.

Gerade im medizinischen Rettungsdienst, der in Berlin von der Feuerwehr geleistet wird, sind Frauen gefragt, zum Beispiel bei Geburten. Aber es gibt auch überraschende Einsätze, bei denen immer wieder Frauen im Dienst fehlen. „Neulich sollten wir einer Frau mit Kopfverletzung helfen“, erzählt Olm. „Sie war Muslimin, trug ein Kopftuch, das sie in Gegenwart von Männern nicht abnehmen darf. Wäre ich als Frau nicht da gewesen, hätten ihr meine männlichen Kollegen nicht helfen können.“

Ein Grund für den Mangel an Bewerberinnen könnten die Aufnahmetests sein, die auch Kraftübungen enthalten. „Viele Frauen trauen sich das nicht zu“, sagt Olm. Sie selbst trat mit 29 Jahren dem Rettungsdienst der Feuerwehr bei. Auch sie musste ihre Sportlichkeit unter Beweis stellen, wurde mit Klimmzügen und Bankdrücken getestet. „Vielleicht sind diese Anforderungen für Männer einfacher zu bewältigen, aber auch für Frauen sind alle Übungen gut zu meistern.“ Die Bewerber müssen einen Krafttest, eine Ausdauerprüfung und eine Koordinationsaufgabe bewältigen.

Olm entschied sich für den mittleren Dienst, ist heute Brandmeisterin und arbeitet als Pressesprecherin. Lange Zeit war sie jedoch im Rettungsdienst tätig. Denn von den 1200 Einsätzen täglich sind 80 Prozent medizinische Notfalleinsätze. Nur 20 Prozent sind klassische Brandbekämpfung oder Hilfe bei Verkehrsunfällen. Schon in ihrer Jugend war Olm bei den „Jungen Brandschutzhelfern“ in Pankow aktiv. Sie mochte den Teamgeist, den sie später auch bei der Berufsfeuerwehr wiederfand. „Ich wurde sofort gut aufgenommen und wurde respektvoll behandelt.“ Ausgeschlossen fühlte sie sich nie, auch wenn sie in ihren Anfangsjahren in Spandau die einzige Frau auf der Wache war.

Vergütung „nicht angemessen“

Schon seit vielen Jahren wirbt die Berliner Feuerwehr ganz gezielt nicht nur um Frauen, sondern auch um Migranten. Auch bei letzteren blieb der erhoffte Erfolg aus. Angesichts der hohen Zahl türkischstämmiger Berliner hatte die Behörde hoffnungsvoll auf mehr Nachwuchs aus diesem Kreis gesetzt – vergeblich. „An Türken und Araber kommen wir nicht heran“, musste Karsten Göwecke, Vize-Chef der Berliner Feuerwehr, erst vor zwei Monaten im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses nüchtern feststellen.

Gerade einmal fünf Prozent der derzeitigen Auszubildenden sind Migranten, der größte Teil von ihnen kommt aus Polen. Bereits im vergangenen Jahr entschied sich die Behörde für eine groß angelegte Werbekampagne, um an den begehrten Nachwuchs zu gelangen. Geplant sind neben Anzeigen in Zeitungen auch Werbespots, die unter anderem in Kinos gezeigt werden sollen, um so junge Leute zu erreichen. Bislang ist allerdings noch nicht abschließend geklärt, woher die 200.000 Euro kommen sollen, die für die Kampagne aufgewendet werden müssen.

Geeigneten Nachwuchs in ausreichender Zahl zu finden, ist für die Berliner Feuerwehr ebenso wie für die Polizei schon seit Jahren ein grundsätzliches Problem. Im vergangenen Jahr wurden der Behörde 50 zusätzliche Stellen bewilligt. Die Frist für Bewerber lief im September aus. Da hatten sich erst 460 Interessierte gemeldet. Das erscheint zunächst als ausreichend, ist es aber bei Weitem nicht. Lediglich fünf Prozent der Bewerber erweisen sich in der Regel als geeignet. Das ist eine Erfahrung, die die Feuerwehr schon seit Jahren macht. Um die 60 freien Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen, bräuchte die Feuerwehr nach dieser Rechnung mehr als 1000 Bewerber.

Die Gründe für die fehlende Eignung sind vielfältig. Viele scheitern an den rechten simplen Tests, mit denen sie eine „gewisse Allgemeinbildung“ nachweisen sollen. Anderen fehlen die körperlichen Voraussetzungen, wieder andere bringen nicht das handwerkliche Geschick mit, das Feuerwehrleute benötigen. Mit den Anforderungen an mögliche Anwärter weiter herunterzugehen, komme nicht infrage, sagt Landesbranddirektor Wilfried Gräfling: „Wir sind schon auf dem Mindestlevel.“

Dass die Zahl der Bewerber seit Jahren drastisch zurückgeht – 2011 waren es noch 1300 – hat auch finanzielle Gründe. „Berlin bietet seinem Nachwuchs schlicht zu wenig Geld, die Folgen muss dann letztlich die Bevölkerung tragen“, stellte der Grünen-Innenexperte Benedikt Lux im Abgeordnetenhaus fest. In der Tat bekommen Anwärter für den mittleren Feuerwehrdienst während ihrer zweijährigen Ausbildung monatlich eine Vergütung von knapp 850 Euro. „Nicht angemessen“, meint dazu der Landesbranddirektor. Vergleiche geben ihm Recht. In Hamburg etwa dauert die Ausbildung eineinhalb Jahre, bei einem Monatsgehalt von 1600 Euro.