Neubeginn

Die Zukunft liegt zwei Blocks weiter

Urbschat-Schwestern lassen die Anwälte weiterkämpfen und blicken mit neuem Laden nach vorn

Am Kudamm 170 stehen alle Zeichen auf Abschied. Der graue 60er-Jahre Bau sieht schäbig aus, das Haus ist entmietet, der Teppichhändler weg, seine Schaufenster mit Brettern vernagelt. Dort ist kein Platz mehr für die Urbschat-Schwestern, die im letzten verbliebenen Ladengeschäft das Fotostudio Art & Foto Urbschat betreiben und eine illustre Kundschaft ansprechen. Auch bei ihnen, dem ältesten Familienbetrieb am Kudamm, ist nun Ausverkauf. Bis zum 27. Januar muss er die Räume verlassen. Zurzeit sind es vor allem Bilderrahmen, die günstig über den Tresen wandern. Vom 17. bis zum 26. Januar geht es ans Eingemachte. Dann ist das gesamte Inventar dran, Tische, Stühle, Lampen und die technische Ausstattung. „Meinetwegen kann jede Schraube hier rausgedreht werden“, sagt Nicole Urbschat. „Das Haus wird abgerissen und dem Vermieter müssen wir nichts zurücklassen.“

Von dem Vermieter, der Holler-Stiftung, trennten sich die Urbschats, wie berichtet, im Unfrieden. Fast zwei Jahre lang hatten sich die Schwestern, die seit acht Jahren einen günstigen Mietvertrag bis 2019 hatten und etwa eine Million Euro in den Laden, ihr Labor und ihre Akademie in dem Haus investiert hatten, mit der Stiftung gestritten. Sie waren von den Abriss- und Neubauplänen überrascht worden und hatten gegen ihre Kündigung zum 30. Juni 2012 geklagt. In der zweiten Instanz unterlagen die Schwestern dann, weil ein Telefonat mit dem Vermieter über ausstehende Mietzahlungen den langfristigen Mietvertrag aufgehoben hätte, so die Richter. Das so etwas überhaupt geht, hätten die Schwestern nicht für möglich gehalten, sagen sie. Ihre Investitionen seien verloren, ihr Geschäft künftig auf drei Standorte mit mehr Personal verteilt, dazu kommen Umzüge, Umbauten, höhere Mietpreise. „Auf 250.000 Euro Entschädigung konnten wir uns nicht einlassen, uns geht es vor allem um unser Recht und dafür kämpfen wir bis zur letzten Instanz“, sagt Nicole Urbschat. „Wenn das Urteil so stehen bleibt, kann bald jeder Vermieter sein Haus frei ziehen, wann immer er will.“

Das Streiten werden die Schwestern jedoch künftig den Anwälten überlassen. Sie haben viel zu viel zu tun. Denn mit dem Fiasko kam auch eine neue Perspektive und davon sind die Fotografinnen so begeistert, dass sie keine Zeit haben zu jammern. Ihre Zukunft liegt zwei Blocks weiter am Lehniner Platz. Am Kurfürtendamm 157 haben sie ganz kurzfristig einen neuen Laden gefunden, der mit seinen großen Fensterfronten luftiger und moderner wirkt und ihnen neue Möglichkeiten eröffnet. Das ehemalige Brautmodengeschäft stand Ende Dezember plötzlich leer. Die Urbschats waren die ersten, die nachfragten und konnten schon am 30. Dezember einen Mietvertrag für 20 Jahre unterschreiben. Bereits am 2. Januar rückten die Handwerker an, in dieser Woche soll alles fertig sein, am 20. die Arbeit dort beginnen. Manchmal kann es sehr schnell gehen.

Am neuen Stadtort soll es für das Unternehmen einen Neubeginn geben und auch einen teilweisen Generationenwechsel. „Unsere Kinder sind erwachsen, vom Fach und stehen für eine neue Sicht auf die Fotografie, sagt Nicole Urbschat. Mit einem zeitgemäßeren Studiokonzept wollen sie neue Maßstäbe in der Porträtfotografie setzen und einen Hauch von Hollywood an den Kudamm holen, mehr wird nicht verraten. „Der Plüsch der alten Urbschat-Ära muss weg“, sagt Daniela Urbschat. „Das hätten wir ohne den Umzug wahrscheinlich so radikal noch nicht geschafft.“ Die Schwestern strahlen: „Jetzt können wir uns auch wieder unserer künstlerischen Arbeit widmen und mehr zu VIP-Kunden reisen.“