Kultur

Der 437-Liter-Club-Mate-Trumpf

Hipster, Kneipen oder Dönerläden: immer mehr kreative Berliner bringen skurrile Quartette heraus

Tomte hat gerade sechs berufsähnliche Projekte „am Laufen“ und nennt genau 19 Jutebeutel sein Eigen. Jörn hingegen besitzt nur eine Stoffbeuteltasche. Er ist eher konsumstark, wenn es um das Trinken vom Mate-Eistee geht. Exakt 437 Liter der koffeinhaltigen Brause fließen pro Jahr seinen Rachen hinunter. Jan-Christoph bringt es auf 110 Liter Club-Mate pro Kalenderjahr. Er kommt vermutlich nicht dazu, sich regelmäßig Nachschub zu beschaffen. Denn er ist zeitlich stark eingespannt: Jan-Christoph ist in 42 berufsähnliche Projekte verstrickt.

Oben beschriebenes Szenario ist weder die Synopsis einer neuen Berliner Real-Life-Dokusoap, noch der Auszug aus einem modernen Mathebuch. Es handelt sich um die Inhaltsbeschreibung dreier Spielkarten des gerade erschienenen Berliner Hipster-Quartetts.

Hinter dem Spiel steckt kein Verlag, sondern ein 26 Jahre alter Kulturwissenschaftsstudent aus Neukölln. Jonas Brunnert besitzt keinen Jutebeutel, wie viel Mate er pro Jahr trinkt, ist nicht überliefert, und das Hipster-Quartett ist gerade sein einziges Projekt. Gemäß der Kategorien seines Quartettspiels ist Brunnerts Hipster-Faktor also relativ gering. „Diese Projekte, in die hippe Menschen häufig verwickelt sind, zeichnen sich zudem meist dadurch aus, dass aus ihnen nichts wird“, ergänzt Brunnert. Aus seiner Quartett-Idee aber ist was geworden: 3000 Exemplare hat er bereits verkauft.

„Distille“ schlägt „Dicke Wirtin“

Und er ist nicht der einzige, der die Hauptstadt gerade vom heimischen Schreibtisch aus mit nicht ganz ernst gemeinten Spielkarten versorgt. Auch Gunnar Schulze, 29, und Johannes Krause, 30, aus Schöneberg haben mehrere tausend Quartette verkauft. Gerade ist die zweite Auflage ihres Berliner Bar- und Kneipenquartettes erschienen.

Gespielt werden diese Kartenspiele wie ein Autoquartett. Man wählt eine Kategorie und vergleicht den dort vorgefunden Wert mit dem der Karte des Gegenspielers. Beim Kneipenquartett schlägt die Kreuzberger „Distille“ mit ihrem Eröffnungsjahr 1880 die „Dicke Wirtin“ in Charlottenburg, die seit 1932 zum Trinken lädt. Beim Hipster-Quartett sticht die höchste Anzahl von Kreativprojekten oder gesammelten Social-Media-Freunden.

Wie man dazu kommt, ein Quartett herauszugeben? Die studierten Betriebswirte Gunnar Schulze und Johannes Krause haben sich in einem Berliner Co-Working Space kennengelernt. „Wir wollten uns beide selbstständig machen“, sagt Krause. „Ich habe ursprünglich an einer Gutscheinplattform gearbeitet. Gunnar wollte einen Kneipenführer herausbringen.“ Beim gemeinsamen Mittagsessen haben sich die Gründungswilligen dann entschieden, ihre Ideen zu kombinieren.

Eigentlich hatten sie dem Trend zum Tech-Start-up folgen und sich mit einem Online-Produkt selbstständig machen wollen. Da sie aber beide nicht programmieren können, entschieden sie sich, einen unkomplizierten Weg zu gehen, und etwas Haptisches zu kreieren. Wie sie dabei ausgerechnet auf ein Quartettspiel gekommen sind, wissen sie heute selbst nicht mehr. Jonas Brunnert hingegen erinnert sich noch: Die Idee zum Hipster-Spiel kam ihm, als er in der Bahn einen Vater und seinen Sohn das „Berliner Dönerladen Quartett“ – ein weiteres Kartenspiel aus Berlin der gleichen Machart – spielen sah. Auch beim Dönerladen-gegen-Dönerladen-Supertrumpf war statt eines Spieleverlags ein einzelner Schöpfer am Werk. Michael Miess aus Friedrichshain hat sich als „Kulturmeister“ selbstständig gemacht. Zu seinem Repertoire gehören Quartette wie „Deutschlands Atomkraftwerke“ oder „Notorische Serienkiller“.

Die Informationen zu den Berliner Dönerläden, Bars- und Kneipen sind laut ihrer Schöpfer echt. Die Hipster in Jonas Brunnerts Blatt sind bequem frei erfunden. „Ich wollte nicht auf die Straße gehen und 32 Hipster fotografieren“, sagt er. „Das wäre mit Sicherheit schwierig geworden, wegen der Bildrechte.“

Stattdessen hat der Masterstudent 32 Bekannte eingeladen, im berühmten Neuköllner Mülltonnen-Schick eingekleidet und fotografiert: 80er-Jahre Ski-Jacke über verwaschenem Jeanshemd, Opas alte Pullover zu Mutters Hüftjeanshose und – natürlich unvermeidlich – baumelt der Jutebeutel statt bürgerlicher Tasche von den Schultern. Anstelle eines Honorars bekamen die Freunde für ihren Einsatz ein Frühstück als Aufwandsentschädigung.

Marketing-Erfahrung sammeln

„Niemanden von denen ist wirklich Hipster“, sagt Brunnert über seine hilfreichen Freunde. Der Hipster sei ein Subkulturbegriff, nahe einer Beleidigung, niemand wolle sich freiwillig damit identifizieren. Und genau darin soll der Witz des Kartenspiels liegen. „Die Hipster denken alle, sie seien individuell, aber eigentlich sind sie Mainstream“, sagt Brunnert. Mit seinen Kategorien wolle er ihnen ihre eigene Durchschnittlichkeit vorführen – mit einem Augenzwinkern.

„Das Quartett ist ein Gag-Geschenk. Ich glaube nicht, dass das jemand wirklich spielt“, sagt der Schöpfer über sein Spiel. Für die Käufer mögen sie lustig sein, für die Spieleerfinder haben die Karten einen anderen Nutzen: „Die Quartette sind eine unkomplizierte Möglichkeit, um erste Erfahrungen in Marketing und Betriebswirtschaft zu sammeln“, sagt Jonas Brunnert. Die Erfinder des Kneipen-Quartetts sehen das ähnlich. Ingesamt nur zweieinhalb Monate haben sie gebraucht, um aus ihrer Mittagspausen-Idee ein fertiges Produkt zu machen.

„Es gibt rund 3000 Bars in Berlin“, sagt Schulze. „Aus denen mussten wir 32 auswählen.“ Sie haben gefragt, wann diese eröffnet haben, wie lang ihre Theke ist, was ein Bier bei ihnen kostet und wie viele weibliche Bedienungen bei ihnen arbeiten. Aus den ermittelten Infos wurden Kategorien und Stichzahlen. Ein freier Mitarbeiter hat ihnen das Layout gebaut, die Druckerei hat den Rest übernommen. Den Vertrieb lösen die Jung-Unternehmer über das Telefon. Gestandene Unternehmen wie große Buchhandelsketten haben das Berliner Bar- und Kneipenquartett schon im Sortiment. Und die Macher expandieren bereits: Eine Hamburger Variante haben Krause und Schulze gerade veröffentlicht, und auch eine Kölner, Frankfurter und Münchner Ausgabe wollen die Berliner noch auf den Markt bringen.

Es ist also der in der Hauptstadt gastierende Gründervirus, der das erhöhte Vorkommen von Berliner Quartettspielen erklärt. Bleibt nur noch die Frage: Wer wagt sich in Runde zwei an Memory-Versionen? Oder die „Siedler von Kreuzberg“? Unbedingt beachten sollten die Gründungswilligen aber: Das Leben ist kein Hipster-Quartett. Hier sticht nicht die Quanti- sondern die Qualität von Projekten.