Polizei

Banden verkaufen mehr Drogen entlang der U7

Auf den Bahnhöfen und im Umfeld wird mit Marihuana und Heroin gehandelt. Politiker streiten um einen Konsumraum am Stuttgarter Platz

Die U-Bahn-Tür öffnet sich. Doch anstatt einzusteigen, stellen sich die beiden jungen Männer auf die andere Seite des Bahnsteigs. Dort warten sie erneut – nicht auf die Bahn, sondern auf Kundschaft. Der öffentliche Nahverkehr bietet dem Drogenhandel Anonymität und ein schnelles Vertriebsnetz. Besonders betroffen: die U-Bahnlinie U7.

„Für uns ist die U7 schon länger ein Schwerpunktbereich. Vor allem der westliche Teil, sprich die Bahnhöfe Wilmersdorfer Straße und Adenauerplatz“, sagt Stephan de Reese aus dem zuständigen Dezernat des Landeskriminalamts. „Dort steht vor allem der Handel mit Heroin im Vordergrund, der vornehmlich bandenmäßig organisiert ist.“ Auf den Bahnhöfen fielen die Dealer als vermeintlich Wartende nicht auf, bei Gefahr könnten sie schnell verschwinden.

Auch die BVG nimmt das Thema sehr ernst. Seit Anfang August wird auf dieser Linie verstärkt Sicherheitspersonal eingesetzt. Die Videoüberwachung wurde ausgeweitet. „In unserer Sicherheitszentrale ist stets auch ein Polizist zugegen, um möglichst schnell zuzugreifen“, sagt Markus Falkner, Sprecher der BVG. Doch das Drogenproblem ist nicht nur ein Problem, das sich auf die Bahnhöfe beschränkt – auch die Umgebung leidet zunehmend.

Widerstand der Anwohner

In der Grünanlage am Stuttgarter Platz in Charlottenburg türmt sich der Silvestermüll. Im Dreck liegen neben zerfledderten Böllerresten immer wieder kleine Plastiktütchen, in denen die Drogen verkauft werden. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf fordert schon länger die Einrichtung eines festen Drogenkonsumraums, um die Betroffenen von der Straße zu holen. Bisher fehlen dazu die Mittel. Derzeit gibt es lediglich ein Präventionsmobil, das montags und dienstags am Stuttgarter Platz steht. Dort können Konsumenten duschen, alte Spritzen gegen frische, sterile eintauschen und Drogen einnehmen.

„Wir sind sehr stark ausgelastet. Rund 70 Menschen tauschen dort an einem Nachmittag ihre Spritzen“, sagt Regina Mosdzen, Krankenschwester beim Verein Fixpunkt, der für das Projekt zuständig ist. Auch sie findet die Einrichtung eines Raums sinnvoll: „In Moabit und Kreuzberg bieten wir diese festen Räume bereits an. Für die Anwohner ist das besser, da es sich zeitlich besser verteilt. Dort hat keiner mehr ein Problem mit dem Angebot“, sagt Mosdzen. In nächster Zeit rechne sie jedoch nicht mit der Eröffnung eines solchen Raumes, der Widerstand in Charlottenburg sei groß.

Vonseiten des Bezirks kommt nun das Signal, die Öffnungszeiten des oft überlaufenen Mobils zumindest auszudehnen. „Allein können wir die Einrichtung eines festen Raums nicht stemmen, auch wenn wir es befürworten. Wir benötigen dazu die Hilfe vom Land“, sagt Jugendstadträtin Elfi Jantzen (Grüne), die den Gesundheitsstadtrat vertritt. „Dafür können wir jetzt erst einmal die Ausdehnung des bisherigen Angebots sicherstellen.“

Wie die Erweiterung des Projekts konkret ausgestaltet ist, steht noch nicht fest. Bisher konnten nur die Mittel bereitgestellt werden. Der große Andrang am Konsummobil führte in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass Menschen abgewiesen werden mussten.

Zum Drogenkonsum ziehen sie sich dann in die anliegende Grünanlage zurück. Der Inhaber eines thailändischen Restaurants erzählt von Personen, die sich stundenlang auf der Toilette einschließen und dort ihre benutzten Spritzen liegen lassen. Er versuche natürlich, Vorfälle wie diese zu verhindern, immer gelinge es ihm jedoch nicht. Am Fenster hängt ein Schild: keine öffentlichen Toiletten. Dieser Hinweis findet sich an vielen Restaurants und Hotels am Stuttgarter Platz. Auch in einem „Youth Hostel“ kennt man das Problem. Immer wieder kämen Menschen ins Hostel, um auf den Toiletten Drogen zu nehmen oder sich im Gemeinschaftsraum aufzuhalten.

Der Senat hält die bestehenden Angebote für Suchtkranke rund um die U7 allerdings „insgesamt für ausreichend“. Einen festen Drogenkonsumraum in Charlottenburg-Wilmersdorf will die Senatsverwaltung für Gesundheit nicht, anders als in Moabit und Kreuzberg. In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage an den Senat heißt es: „Das Angebot eines mobilen Drogenkonsumraums in Charlottenburg-Wilmersdorf mit gegebenenfalls erweiterten Öffnungszeiten wird als zielführender angesehen, weil es flexibler zu handhaben ist. Verlagerungen von Konsumententreffpunkten kann so leichter begegnet werden.“

Herrschaftliche Häuser

Am westlichen Ende wird der Stuttgarter Platz schicker. Herrschaftliche Gründerzeitbauten, ein kleiner Kinderspielplatz. Die Mütter und Väter dort haben von Drogenproblemen in dieser Gegend noch nichts mitbekommen. Sagen sie. Durch eine dunkle Unterführung gelangt man auf die Rückseite des Bahnhofs, auch dort gibt es eine kleine Grünanlage. Sie ist ruhiger, die Lage nicht so exponiert wie auf der anderen Seite. Ein junger Mann sitzt auf der Bank und erzählt, dass ihm hier schon öfter Marihuana angeboten worden sei. Das Hauptgeschäft finde jedoch in den U-Bahnhöfen statt, besonders zwischen 22 und 23 Uhr.

Früher war ein Teil des Stuttgarter Platzes bekannt für seine halbseidenen Etablissements. Fast alle Bordelle sind inzwischen geschlossen. Mittlerweile hat der Platz ein anderes Problem – eins, dass sich bis auf Weiteres höchstens eindämmen lässt, maximal verlagert es sich.