Stadtparty

Wenn es Dreizehn schlägt, kommt Heino im schwarzen Mantel

Schönes Silvester: Eine Million Menschen feiern und singen mit Matthias Reim, Scooter und Adel Tawil am Brandenburger Tor

Das vergangene Jahr war eines der besseren für ihn, er hat eine neue Freundin gefunden, und die Schulden sind abbezahlt. Aber das Leben hat Spuren gezeichnet in seinem Gesicht. Man kann das gut erkennen, weil sein Gesicht riesengroß zu sehen ist auf der Videoleinwand neben ihm. Da steht Matthias Reim, der Sänger, den jeder kennt, auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor und blickt runter bis zur Siegessäule. Etwa eine Million Menschen stehen dort und schauen ihn an. Dann glänzt etwas in den Augen von Matthias Reim. Er weiß, dass gleich der Moment kommt in dem er spürt, dass er immer noch eine große Nummer ist.

Er hebt das Mikrofon und singt: „Verdammt, ich lieb dich.“ Jubel bricht aus, die meisten Gäste singen mit, viele nehmen sich in den Arm. „Verdammt, ich brauch dich.“

Es ist noch eine gute Stunde bis Mitternacht, als die größte Party Deutschlands in Schwung kommt. Man sieht, wie sich Menschen darüber freuen, von sehr vielen Menschen umgeben zu sein, wenn sich alle auf etwas Gemeinsames einigen können. Auf Matthias Reim zum Beispiel. „Ich will dich nicht verlieren“, singen sie.

Zum ersten Mal in Berlin

Simon, 18 Jahre alt, aus Unterfranken hat ein bisschen Angst. Er ist das erste Mal in der großen Stadt und sein Zug fährt erst um sechs Uhr morgens zurück in die Heimat. Die Nacht durchzumachen, das ist für ihn ein neues Abenteuer. Aber bisher läuft es gut. Er hat einen Glühwein in der Hand und steht auf der Party, die seine Eltern und Freunde nur aus dem Fernsehen kennen. Das Zweite Deutsche Fernsehen überträgt live. Millionen verfolgen die Sendung. „Voll krass“, sagt Simon.

Bereits am frühen Abend ist das Festgelände voll, um kurz nach 20 Uhr werden die ersten Eingänge geschlossen, eine Stunde später sind alle Zugänge dicht. Für alle, die drin sind, heißt das: Entweder bis zum Feuerwerk um Mitternacht bleiben oder gehen, aber dann gibt es kein Zurück. Die Besucher stehen gedrängt, viel Bewegung geht nicht. Die Gesichter werden röter, die Stimmen lauter. „Wir brauchen Rum, Rum, Rum, sonst verdursten wir“, schallt aus den Lautsprechern. Aber die Lage bleibt einigermaßen entspannt, weil viele sich einen Platz ausgesucht haben und dort bleiben. Auf der größten Party des Landes kann jeder Gast nur ein paar Schritte machen. Wer nur die Bilder aus dem Fernsehen kennt, die eine wogende Menge vor dem Brandenburger Tor zeigen, sieht nun die Realität. Diese ausladenden Bewegungen machen die meisten Gäste nur, wenn die Kamera am Seil über sie hinwegschwebt.

Eine Frau verteilt gratis 3D-Brillen. Wofür das? „Setzen Sie die Brille zum Feuerwerk auf, Sie werden sehen“ sagt die Frau und lächelt geheimnisvoll. Ja, man wird später sehen. Ob einem das dann gefällt, ist eine andere Frage.

Erst einmal wird Schunkeln geübt, Heino tritt ja später noch auf. „Immer schön links nach rechts!“, ruft ein Moderator. Wann Heino denn komme, fragt ein Besucher seinen Kumpel. Der antwortet: „Wenn es Dreizehn schlägt.“ Schunkellaune ist noch nicht, aber Bewegung wird wichtiger. Die Temperatur fällt auf null Grad. Nur Rumstehen geht nicht. Schade, dass die Musik so oft unterbrochen wird, für Werbung und Gewinnspiele. Eine Preisfrage lautet: „Wo ist Deutschlands größte Silvesterparty? In München oder in Berlin?“ „Bei so einer Frage denkt man schon, dass die einen für blöd halten“, sagt ein Herr mit Blinklichtern am Hut. Aber gut, man habe keinen Eintritt bezahlt, dafür treten Münchner Freiheit, Scooter und Adel Tawil auf. „Ganz ohne Werbung geht das ja nicht“, sagt der Herr. Überhaupt, gemeckert wird hier wenig, da kennt man andere Tonlagen von Großveranstaltungen. Das „Public Viewing“ zu Weltmeisterschaften, dann sind ja auch so viele Besucher am Brandenburger Tor, dann ist die Stimmung angespannter. Der Unterschied ist wohl: Beim Fußball weiß man nicht, ob Deutschland gewinnen wird. Zu Silvester ist dagegen klar, dass es pünktlich Raketen, Sekt und Küsse gibt.

„Wie heißt du?“, fragt der junge Mann in der Tweedjacke. „Anuk“, antwortet die Frau mit Hasenohren auf den Kopf. „Das ist ja interessant“, sagt der junge Mann. „Ja“, sagt die Frau. Beide lächeln sich an, jeder nimmt schnell einen großen Schluck aus seinem Becher. Dann spielt die Band Münchner Freiheit: „Ein Jahr ist schnell vorüber“ . Überall nehmen sich Pärchen in den Arm. Im Engtanz raus aus dem alten Jahr.

Eine Million Menschen, das sind mehr, als in Frankfurt am Main wohnen. Natürlich sind nicht alle glücklich. So wie der Junge, der weinen muss. „Nicht mal angerufen hat sie“, sagt er zu seinem Freund. Schluss gemacht an Silvester. Per SMS. Sein Freund nimmt ihn in den Arm. Gleich ist es zwölf Uhr. Das neue Jahr kommt. Vorher tritt noch Heino auf, im schwarzen Ledermantel. Ob das ein gutes Ende für 2013 ist? Jedenfalls singt er so schön tief „Alles nur geklaut“ von den Prinzen. Den Leuten gefällt es, sie grölen mit: „Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt.“

„10, 9, 8..“. Der Countdown läuft. Beethovens 9. Symphonie erschallt in einer Rockversion. Das kannte man schon von den Proben zuvor um 18 Uhr, bei einem großen Event wird ja nichts dem Zufall überlassen. Das Feuerwerk kracht. Viele setzen sich die 3D-Brillen auf, die gratis verteilt wurden, und sehen: Das Logo eines Autokonzernes, tausendfach am Himmel, das Licht der Feuerwerkskörper bricht sich in diese Form. Viele setzen die Brille gleich wieder ab. Silvester um Null Uhr, das ist doch eine Werbepause. Dann lieber wildfremde Menschen umarmen, so wie die meisten hier.

Nach dem Feuerwerk mit seinen 6000 Raketen platzt das Festgelände auf wie eine reife Frucht. Erstmals seit Stunden verlassen Besucher den Ort, viele ziehen weiter zu den Partys in Mitte, Kreuzberg, Neukölln. Das Gelände wird leerer. Wer bleibt, hat mehr Platz zum Tanzen. Die Musik ist laut. Alles verläuft ohne große Zwischenfälle. So fällt die Bilanz von Polizei, Veranstaltern und Rettungskräften zufrieden aus. Auch das ist eine Erkenntnis: Berlin – und seine Touristen – können friedlich feiern, zigtausendfach. Ein gutes Zeichen für die anstehende Fußballweltmeisterschaft, zu der es wieder eine Fanmeile geben wird.

Draußen, vor dem Zaun, aber werfen Betrunkene mit Böllern. Es knallt gewaltig. in unmittelbarer Nähe der Menschen, die Europas größte Silvesterparty friedlich vergnügt verlassen. Das hatte man ganz vergessen. Auf der Riesenparty am Brandenburger Tor gab es das nicht, die Taschenkontrollen haben funktioniert. Außerdem hat es sich herumgesprochen, dass die Festmeile mit einem zentralen Feuerwerk versorgt wird.

So gesehen war es, auf einer Party mit einer Million Menschen: friedlich und ruhig.