Ordnungsamt

Demotiviert und in Angst

Neuer Negativ-Rekord: 25 Prozent aller Kontrolleure des Ordnungsamts in Pankow sind krank. Das hat Folgen

Es ist eine Zahl, die beunruhigt. Ein Viertel der Pankower Parkraumkontrolleure ist krank. Das ist nicht dem Winterwetter geschuldet. Es hat vor allem mit der Motivation der Mitarbeiter zu tun, und mit der wachsenden Aggressivität der Autofahrer. Der Verkehrsausschuss in der Bezirksverordnetenversammlung Pankow verlangt jetzt vom Bezirksamt, dass es etwas unternimmt, um den hohen Krankenstand zu senken.

Parkzonen werden uneffektiv

Seit Herbst 2010 gibt es die Parkzonen in Pankow. Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne), der sie einführte, hob damals hervor, wie hoch motiviert die gerade geschulten und neu eingestellten Mitarbeiter seien, und dass es kaum Krankmeldungen gebe. Das hat sich geändert.

„Wir haben über die Zeit ein stetiges Anwachsen des Krankenstandes“, sagt Wolfram Kempe (Linke), Vorsitzender des Verkehrsausschusses. „Im Oktober 2013 haben wir 25 Prozent erreicht.“ Ein Viertel der 160 Mitarbeiter habe sich krankgemeldet. „Das hat Folgen für die Kontrolldichte. Wenn sie abnimmt, dann sinken auch die Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung.“ Wenn seltener kontrolliert werde, meint Kempe, dann könnten die Effekte, die die Parkzonen haben sollen, nicht mehr erreicht werden. Nun hat der Ausschuss den zuständigen Stadtrat für Bürgerdienste, Torsten Kühne (CDU), beauftragt, nach den Ursachen für den hohen Krankenstand zu suchen, und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. „Die Art, wie das Amt bislang gegensteuert, erscheinen uns weder angemessen noch ausreichend.“ Es gebe sicherlich mehrere Ursachen, meint der Bezirksverordnete. „Wir denken, dass es ein Problem mit der Motivation gibt“, sagt Kempe. Der Job der Außendienstmitarbeiter sei anstrengend. „Sie werden angefeindet. Es hat zwei Mal den Versuch gegeben, eine Mitarbeiter zu überfahren. Das ist etwas, was wir uns nicht vorstellen konnten – aber es passiert offensichtlich.“

Wenn deshalb die Motivation der Mitarbeiter sinke, dann müsse das Bezirksamt handeln. Denn wenn die häufigen Kontrollen in den Parkzonen nicht mehr gewährleistet werden könnten, dann sei die Parkraumbewirtschaftung uneffektiv und überflüssig. Das ist eine Konsequenz, wenn viele Parkraumüberwacher krank sind. Doch es gibt eine weitere.

Bislang war Pankow durch seine intensiven Kontrollen bekannt. Jeder Stellplatz wurde alle zwei bis zweieinhalb Stunden kontrolliert. Der Bezirk erzielte hohen Einnahmen aus Strafzetteln und Bußgeld. Und das hat Folgen. Diese Einnahmen werden in den kommenden Jahren vom Finanzsenator als selbstverständlich vorausgesetzt und als Vorgabe im Bezirkshaushalt eingeplant. Pankow bekommt ein Problem, wenn es diese Vorgabe nicht mehr erfüllen kann, weil zu viele Kontrolleure krank sind. Dann muss das Bezirksamt diese Einnahmen in einem anderen Bereich machen oder einsparen.

Auch deshalb dringt der Verkehrsausschuss auf ein rasches Handeln. Das Bezirksamt habe, „obwohl es um die Situation weiß, den Ernst der Lage noch nicht erkannt und eher hilflos agiert“, schreibt der Ausschuss in der Begründung seines Antrags.

Der zunehmende Krankenstand habe mit den vermehrten Übergriffen zu tun, meint auch Stadtrat Torsten Kühne (CDU). „Das grundsätzliche Problem bleibt trotz aller Maßnahmen bestehen“, so der Stadtrat. „Wir haben eine zunehmende Aggressivität auf den Straßen.“ Das ist an den Zahlen abzulesen – obwohl nicht die rein verbalen Angriffe auf Parkraumkontrolleure aufgeführt werden, sondern nur die tätlichen. Vor einigen Wochen sei ein Kollege mit der Faust angegriffen worden, sagt Kühne. 2012 sei es zu 37 schwer wiegenden Übergriffen gekommen, bei denen auch Strafanzeige erstattet worden sei. Tendenz steigend. „Bis Ende September 2013 gab es schon mehr als 40 solcher Fälle, und für ganz 2013 rechen ich mit knapp 50.“ Manche Mitarbeiter seien auch schon zwei Mal in diesem Jahr angegriffen worden. Man mache sich intensiv Gedanken, zusammen mit dem Personalservice des Bezirksamtes, so Kühne: „Wie kann man ein besseres Umfeld schaffen, um den Krankenstand zu senken?“ Es sei an Gesundheitsmanagement gedacht, an Nachbetreuung bei Übergriffen, an bessere Schulung und Weiterbildung, zum Beispiel ein Konflikttraining. Damit man die Lage besser erkennen und sich schützen kann. „Das werden wir intensiver angehen und uns, wenn möglich, externe Unterstützung holen.“ Allerdings seien mehrere Kurse nötig, wenn 160 Kollegen geschult werden sollen. Er habe sich an die Gewerkschaft gewandt, so Kühne, um solche Schulungskurse preiswerter zu bekommen als etwa bei der Verwaltungsakademie.

Ausschusschef Wolfram Kempe ist nicht zufrieden mit den Antworten. „All das hätte schon längst passieren können“, sagt der Bezirkspolitiker. „Das Problem ist seit langem bekannt.“ Er fordere auch, so Kempe, „dass sich der Stadtrat vor seine Leute stellt. Dass er deutlich sagt – so darf man mit meinen Mitarbeitern nicht umgehen.“

Senat soll helfen

Stadtrat Kühne will das Thema auch in der Runde der Bezirksstadträte besprechen. Er meint, dass auch andere Bezirke von steigenden Krankenständen betroffen seien. „Das ist ein grundsätzliches Problem, das wir nicht allein lösen können. Vielleicht kann uns auch die Senatsverwaltung unterstützen.“ Er habe schon einmal eine Imagekampagne angeregt, sagt Kühne. „Um den Respekt vor den Kollegen in Uniform, draußen auf der Straße, wieder zu erhöhen.“

In Mitte liegt der Krankenstand der Außendienstmitarbeiter bei 15 Prozent. Bislang habe es in diesem Jahr 16 Übergriffe gegeben, sagt Stadtrat Carsten Spallek (CDU). Er sehe keinen Zusammenhang zwischen beiden Zahlen. Der Krankenstand habe auch mit dem Durchschnittsalter der Beschäftigten im Ordnungsamt zu tun, das bei etwa 52 Jahren liegt. Doch Spallek betont auch, die Arbeit der Kontrolleure sei schwierig. „Sie halten den Kopf hin für Entscheidungen, die andere getroffen haben.“ Viele Pöbeleien, denen die Mitarbeiter ausgesetzt seien, würden nicht öffentlich bekannt.